Mit rund 3700 Mitarbeitern hat Bürkert 2022 einen Umsatz von 723 Millionen Euro erwirtschaftet. Die Mehrheit der Mitarbeiter ist in Deutschland (60 Prozent) beschäftigt, während der Umsatz im Heimatland bei 25 Prozent liegt. Heißt: Die anderen 40 Prozent der Mitarbeiter im Ausland sorgen für drei Viertel des Umsatzes. Das Verhältnis wird sich noch weiter verschieben. "Aber nicht, weil wir in Deutschland weniger machen. Sondern weil wir unser Geld im Ausland machen", sagt CEO Georg Stawowy. Allein die Erlöse in den USA, China und Indien sollen künftig auf 40 Prozent anwachsen, aktuell sind es 28.
Bürkert intensiviert seine Globalisierung
Um auch künftig zu den Global Playern zu gehören, muss Bürkert vor allem im Ausland wachsen - und noch globaler als bisher werden. Der Hersteller von Mess-, Steuer- und Regelungssystemen erweitert dafür zum Jahreswechsel seine Geschäftsführung.

Nach Ansicht von Georg Stawowy steht der deutsche Mittelstand am Scheideweg - und mittelfristig vor riesigen Veränderungen. "Die Hütte brennt", sagt der CEO von Bürkert, Weltmarktführer im Bereich der Mess-, Steuer- und Regelungstechnik von Flüssigkeiten und Gasen aus Ingelfingen. Ohne eine strategische Neuausrichtung bliebe es womöglich nicht mehr nur bei der derzeitigen konjunkturellen Delle, warnt er vor schwerwiegenden Folgen.
Zwar zeuge die Geschichte des deutschen Mittelstands von stetigem Wachstum - alle paar Jahre hätten sich die Umsätze und Unternehmensgrößen in den vergangenen Jahrzehnte wie selbstverständlich verdoppelt. "Aber wer sagt, dass diese Erfolgsgeschichte genauso weitergeht", fragt Georg Stawowy. Der deutsche Mittelstand müsse die Globalisierung stärker und vor allem aggressiver vorantreiben.
Wie viele andere Mittelstandsunternehmen habe auch Bürkert früh mit der Internationalisierung begonnen. 1956, nur elf Jahre nach Kriegsende, waren die Hohenloher bereits in Straßburg vertreten. Es folgten Niederlassungen in der Schweiz, in Spanien und Italien, ehe es 1984 in die USA ging. "Wir stehen jetzt aber an einer Schwelle, an der es mehr braucht, um auch in die Wachstumsmärkte zu kommen", sagt Georg Stawowy.
Konkurrenz im asiatischen Raum hat aufgeholt
Der vielleicht wichtigste Trend, der den Druck aus seiner Sicht auf den deutschen Mittelstand erhöht: Jedes physikalische Produkt könne inzwischen überall auf der Welt nahezu gleich gut hergestellt werden. "Auch wenn wir das in Deutschland nicht gerne hören", sagt Stawowy. Eine Miele-Waschmaschine beispielsweise lasse sich in Vietnam genauso gut herstellen wie in Deutschland. Dasselbe gelte für ein Ventil von Bürkert. Und Mitbewerber in anderen Regionen der Erde schlafen nicht.
Vor drei Jahrzehnten habe das in Bezug auf die Konkurrenz aus dem asiatischen Raum noch anders ausgesehen. "Da waren die Produkte zwar 30 Prozent günstiger, aber auch deutlich schlechter", sagt Stawowy. 15 Jahre später war die Qualität schon besser, aber der Service reichte lange nicht an den deutscher Unternehmen heran. "Heute sind Qualität und Service gut - und die Preise sind immer noch 30 Prozent niedriger."
"Natürlich sind unsere Ventile besser, aber das alleine reicht nicht mehr aus."
Georg Stawowy
Ein großes Problem, wie das Beispiel des Xiaomi SU7 zeigt. Der Smartphone-Gigant hat Ende des vergangenen Jahres sein erstes Elektroauto präsentiert, das optisch an den Porsche Taycan erinnert. In gängigen Tests schnitt der SU7 nicht wirklich viel schlechter ab - aber er kostet dafür nur rund ein Drittel. Es dauerte nicht lange, bis der Absatz des Porsche Taycan in China einbrach. Große Käufergruppen entscheiden heute anders als früher.
Bürkert will da wachsen, wo das Wirtschaftswachstum ist
Das passiere bei industriellen Gütern mitunter genauso. "Natürlich sind unsere Ventile besser, aber das alleine reicht nicht mehr aus." Für Bürkert bedeutet das: "Nicht Gemü ist unser schärfster Wettbewerber. Sondern Unternehmen, die wir noch nicht einmal kennen. Die Produkte zu Preisen anbieten, die wir uns heute nicht einmal vorstellen können", sagt Georg Stawowy. Vor diesem Hintergrund haben die Hohenloher im vergangenen Jahr viel Strategiearbeit geleistet. Mit der zentralen Frage: Wo will Bürkert 2028 stehen?
"Wir müssen da wachsen, wo das Wirtschaftswachstum ist", sagt der CEO. Und das ist außerhalb Europas. Bei den prognostizierten 1,4 Prozent Wirtschaftswachstum in der EU 2024 würden deutsche Mittelstandsunternehmen ihre Umsätze nicht mehr binnen weniger Jahre, sondern erst nach Jahrzehnten verdoppeln. Falls überhaupt. "Bis dahin wären wir nur noch Local Player statt Global Player", sagt Stawowy.
Geschäftsführung wird zum Jahreswechsel um drei Personen erweitert
Um dieses düstere Szenario abzuwenden und weiterhin zu wachsen, will Bürkert "wirklich global werden". Aus diesem Grund wird der Hersteller von Ventilen und Sensoren seine Geschäftsführung erweitern. "Zum Jahresende kommen ein Amerikaner, ein Chinese und ein Inder hinzu", verrät Stawowy. Führungssitzungen werden dann auf englisch und virtuell stattfinden. Bisher sind nur deutsche Manager in der Geschäftsführung vertreten.
Im Ausland zu wachsen und dort Arbeitsplätze zu schaffen, will der CEO aber nicht als Abkehr vom Standort in Deutschland verstanden wissen. "Wir werden auch in Deutschland wachsen und Arbeitsplätze schaffen - nur eben langsamer." Letztlich sichere das Auslandsgeschäft die Zukunft des Unternehmens und auch Jobs in Deutschland.

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