Baubranche sieht erste Anzeichen für Trendwende – „sehr dünnes Eis“
In der krisengeplagten baden-württembergischen Bauwirtschaft deutet sich eine leichte Erholung an. Dennoch bleiben gewaltige Baustellen. Was die Branche in der Situation braucht.
Nach drei Rezessionsjahren in Folge sieht die krisengeschüttelte baden-württembergische Baubranche für 2026 leichte Anzeichen für eine Trendwende. Der Präsident der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, Markus Böll, verwies am Mittwoch auf eine Zunahme der Baugenehmigungen im Wohnungsbau. „Das ist ein Indikator für eine mögliche Erholung“, sagte er. Jedoch bewege man sich weiterhin auf sehr dünnem Eis.
Bauwirtschaft Baden-Württemberg sieht 2026 erste Erholung nach Rezession
Knapp sechs Wochen vor der Landtagswahl adressierte die Bauwirtschaft eine Reihe von Forderungen an die neue Landesregierung, um der Branche nachhaltig wieder auf die Beine zu helfen. „Damit mehr bezahlbarer Wohnraum entsteht, muss das Land die soziale Wohnraumförderung auf das Niveau der Bundesförderung anheben“, forderte Böll.
Im Doppelhaushalt stehen nach Angaben des Landesvereinigung für 2025 und 2026 je 760 Millionen Euro an Fördermitteln zur Verfügung, davon 456 Euro vom Bund und 304 Millionen Euro vom Land. Hinzu kommen dieses Jahr einmalig 300 Millionen Euro aus dem Sondervermögen, hieß es.
Senkung der Grunderwerbssteuer – in einigen Fällen ganz abschaffen
Überfällig sei zudem eine Senkung der Grunderwerbssteuer. „Beim Ersterwerb für Eigennutzung sollte diese Steuer ganz abgeschafft werden“, formulierte es Böll. Wobei die Senkung der Grunderwerbssteuer nur einer von mehreren Punkten sei. Die Bauwirtschaft sieht auch in der Finanzierung und anderen steuerlichen Anreizen Möglichkeiten, die Branche in Schwung zu bringen. „Das alles sind effektive und probate Mittel“, sagte Böll.
„Das Sondervermögen ist eine Spritze, keine Therapie.“
Sabine Schmucker
Positiv bewertet die Branche die Wiedereinführung der KfW-Neubauförderung für EH 55-Gebäude. Wichtig sei in diesem Zusammenhang aber eine nachhaltige Verstetigung der Förderung. Nach Angaben Baubranche sind dafür bisher nur einmalig 800 Millionen Euro eingeplant. „Nach vier Wochen im neuen Jahr ist ein Drittel dieser Summe bereits abgerufen“, informierte Präsident Böll und forderte ein Nachlegen der Regierung.
Es droht die Schließung von einem Viertel der Brücken
Alarmierend ist der Zustand der Verkehrsinfrastruktur: Ein Drittel der Landesstraßen sei sanierungsbedürftig, bald jede zehnte Brücke an Bundes- und Landesstraßen ist schadhaft. „Der Verfall unserer Verkehrswege gefährdet den Wirtschaftsstandort massiv“, betonte Vizepräsidentin Sabine Schmucker. Sie sieht dringenden Handlungsbedarf, andernfalls drohe in den nächsten zehn Jahren die Schließung von rund einem Viertel der Brücken.
Schmucker forderte eine Erhöhung der Straßenbaubudgets, gerade im Bereich der Landesstraßen und Autobahnen reichten die Haushaltsmittel nicht aus. Das Sondervermögen der Bundesregierung sei keine strukturelle Lösung des Problems. „Das Sondervermögen ist eine Spritze, keine Therapie“, sagt Sabine Schmucker, die auch eine personelle Aufstockung der Straßenbauverwaltung als notwendig betrachtet. „Wir brauchen dringend Ingenieure – aber nicht irgendwann, sondern jetzt.“
Kommunen sollen auch mit externen Planungsbüros zusammenarbeiten
Viele Tiefbauämter seien mangels fehlenden Fachpersonals kaum mehr in der Lage, Projekte anzugehen. Daher ist aus Sicht der Vizepräsidentin in einigen Bereichen auch eine Zusammenarbeit zwischen Kommunen und externen Planungsbüros denkbar. „Das bringt Tempo und entlastet die Verwaltung“, sagte Schmucker. Hauptgeschäftsführer Thomas Möller brachte angesichts der Landtagswahl auch ein Ministerium für Bauen und Infrastruktur ins Spiel – die Bündelung verspreche mehr Effizienz in der Umsetzung von Ideen und Vorhaben.
Um den Motor wieder nachhaltig in Schwung zu bringen und zur Konjunktur-Lokomotive zu machen, fordert der Hauptgeschäftsführer von der künftigen Landesregierung: „Seid mutig, denkt außerhalb der typischen Box.“
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