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Stolpersteine als sichtbare Spuren für die Opfer der NS-Zeit  

Zum 80. Jahrestag der Wannseekonferenz und vor dem Holocaust-Gedenktag erklärt der Künstler Günter Demnig, warum es mehr denn je Sinn macht, Stolpersteine zu verlegen.

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 5 Min
Gunter Demnig
Günter Demnig hat bislang rund 89.000 Stolpersteine verlegt. Foto: dpa  Foto: Sven Hoppe (dpa)

Von Angehörigen der Opfer hört Günter Demnig oft: Jetzt haben wir endlich einen Ort der Erinnerung. Bis heute wurden rund 89.000 Steine verlegt. 

Herr Demnig, wie viele Stolpersteine haben Sie bisher verlegt?

Demnig: Bis heute sind es rund 89.000 Steine in 27 Ländern Europas. Meine Grundidee war, überall dort, wo Nazis und ihre Helfer ihr Unwesen getrieben haben, mit den Mitteln der Kunst symbolisch an Verfolgung und Massenmord zu erinnern. Die Informationen auf den Steinen sind ganz bewusst auf die Kerndaten reduziert. Es macht Menschen neugierig, manche fotografieren die Steine, gehen nach Hause und erforschen selbst die Lebensgeschichte der Opfer.


Wie begann die Stolperstein-Aktion?

Demnig: Konkret begonnen habe ich vor fast 30 Jahren in Köln. Ich hatte aber selbst Bedenken, ob diese Idee wirklich so gut ist, schließlich treten Menschen die Steine mit ihren Füßen. Ich habe dann die jüdische Gemeinde angeschrieben und um Rat gefragt. Nach einiger Zeit lud mich der Rabbiner zu einem Gespräch ein. Und er zitierte den Talmud: Der Menschen ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Daraufhin habe ich die ersten Steine verlegt. Auch wenn jeder Stolperstein ein Stein zu viel ist, freue ich mich über jeden Namen, den ich zurückbringen kann.

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Stolpersteine in Gehwegen in Obersulm und Weinsberg sind sichtbare Zeichen gegen das Vergessen.

Sie haben sich gegen Tafeln und für Steine entschieden.

Demnig: Tafeln an den Wänden hätten wahrscheinlich die meisten Hausbesitzer nicht mitgemacht. Ich entschied mich für die Steine mit ihrer Messingoberfläche, weil ich hoffte, dass die Menschen sie blank polieren, wenn sie darüber laufen. Die Leute tun mir aber nicht den Gefallen, sie nehmen die Steine wahr und machen einen Bogen darum. Es gibt aber viele Paten, u.a. Anwohner, die regelmäßig Steine reinigen und polieren. 

Die Steine sind echte Handarbeit?

Demnig: Mir liegt es sehr am Herzen, dass die Platten nicht in einer Fabrik hergestellt werden. Auschwitz und andere Konzentrationslager waren Fabriken. Wir machen das alles selbst.


Warum sind die Stolpersteine auch heute noch wichtig beziehungsweise wichtiger denn je?

Demnig: Weil junge Menschen darauf sehr positiv reagieren. Ganz zu Beginn des Programms warnte man mich: Das Thema Holocaust könnten manche Schüler nicht mehr hören. Das Gegenteil habe ich erlebt. Es macht eben einen großen Unterschied, ob ich abstrakt von vielen Millionen meist anonymen Ermordeten spreche, oder ob ich den Opfern einen Namen gebe – für jeden sichtbar. Plötzlich beginnen junge Leute, selbst zu forschen, sich zu interessieren, fragen auch im Familienkreis nach. Die Zeitzeugen werden zwar leider weniger, aber es gibt noch viele, die berichten können, was ihnen Überlebende von damals erzählt haben.

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Wäre es nicht eine gute Idee, den Besuch in einem ehemaligen Konzentrationslager oder einer ähnlichen Gedenkstätte verpflichtend in jeder Schule zu verankern? 

Demnig: Das wäre wohl sinnvoll. Es gibt schon vieler solcher Besuche. Aber diese sind nicht immer erfolgreich. Der Holocaust kann im Abstrakten bleiben, wenn er nicht mit Namen verbunden wird. Es ist oft zudem eine Altersfrage, und meine Erfahrung ist auch, dass vor allem die jungen Frauen und Mädchen sehr interessiert sind. Ein Bürgermeister aus Rheinland-Pfalz berichtete mir einmal, das sechs Schülerinnen in seine Sprechstunde gekommen waren und ein fertiges Konzept für Stolpersteine vorgelegt hatten. Ein wirklich schöner Umgang mit der Stolperstein-Idee.


Wie sind die Reaktionen von Angehörigen und Passanten?

Demnig: Zu weit mehr als 90 Prozent positiv. Manchmal erlebt man die Ablehnung im Hintergrund. Einmal kam ein älterer Herr und sagte: Was soll das denn? Nach 60 Jahren! Normalerweise ignoriere ich so etwas, aber ich habe entgegnet: Hätten Sie das Verlegen der Steine denn befürwortet, wenn das Morden erst 30 Jahre zurückgelegen hätte? In Köln hatte einmal ein Hausbesitzer eine Klage eingereicht: auf 100.000 Euro Wertminderung. An anderen Orten kommen die Besitzer raus und sagen: Dieser Erinnerungsort wertet unser Haus auf, weil die Erinnerung an die Opfer wichtig ist.   


Antisemitismus in Deutschland ist längst nicht verschwunden. Juden auch andere Minderheiten sind immer Ziel von Vorurteilen und Hass. Wie kann man dem begegnen?

Demnig: Das vermag ich nicht zu sagen. Ich kann eigentlich nur mit meinen einfachen Methoden weitermachen. Von den 89.000 Steinen sind übrigens etwa 800 bewusst herausgerissen worden. Demgegenüber stehen sehr viele positive Nachrichten. In Köln wurden einmal Steine nach einem Wasserrohrbruch zerstört. Die Firma schrieb dann, dass sie sie erneuern wird. In Greifswald wurden vor etwa sechs Jahren in der Nacht zum 9. November, der sogenannten Reichskristallnacht, ausgerechnet alle elf Steine ausgerissen. Und im Netz hieß es: „Greifswald ist Stolperstein-freie Zone“. Aber wir haben danach so viel Spenden bekommen, dass wir sogar 36 Steine neu verlegen konnten.


Nun jährt sich zum 80. Mal die Wannseekonferenz. Welche Gedanken und Lehren für die heutige Zeit können wir über die rein historische, historisierende Betrachtung ziehen?

Demnig: Ich möchte hier gerne Schüler zitieren, die fragen: Wie konnte das im Land der Dichter und Denker überhaupt passieren? Ein Kunstwerk ist nicht dafür da, Antworten zu geben. Kunst ist dafür da, Fragen aufzuwerfen. Es ist sehr viel wert, wenn diese jungen Leute für sich den Schluss ziehen: Das darf nie wieder passieren. Mehr kann man eigentlich mit einem künstlerischen Konzept nicht erreichen, wenn das Nachdenken einsetzt, und eine Verbindung gezogen wird, zwischen einzelnen Opfern, und einer solchen schrecklichen Konferenz.


Für Ihren Beitrag zur Erinnerungskultur haben Sie viele Auszeichnungen bekommen. Spielt diese Art des Zuspruchs eine Rolle für Sie?

Demnig: Es spielt eine Rolle insofern, als es mir zeigt, dass es weitergehen muss mit dieser Aktion und dass ich auch nicht alleine bin. Gemeint sind hier auch meine direkten Mitarbeiter, die Initiativen in den einzelnen Orten, die Paten, ohne die ich hilflos wäre. Wenn ich Unterstützung vor Ort habe und mir Daten genannt werden, kann ich loslegen. Dann werden Angehörige informiert und sie kommen aus der ganzen Welt, von allen Kontinenten. Die weiteste Anreise hatten wir einmal aus Tasmanien. Oft lernen sich bei Stolpersteinverlegungen Familienmitglieder erst kennen. Einmal standen sich zwei Gruppen gegenüber. Irgendwann hieß es aus einer Gruppe: Wir sind doch miteinander verwandt! Es flossen viele Tränen, es war bewegend.


Sie sind jetzt 74. Wie lange machen Sie weiter?

Demnig: Solange ich noch laufen kann, aber ich werde es schon etwas reduzieren. Ich war bis zu 270 Tage im Jahr unterwegs. Manchmal drei Orte an einem Tag, im Hotel übernachten, am nächsten Tag geht es weiter. Wir haben eine Stiftung gegründet, damit mein Lebenswerk fortgeführt werden kann. Und in Elbenrod haben wir ein Museum gegründet, das am 1. Mai eröffnen soll.


Inwieweit hat die Pandemie Ihr Wirken beeinträchtigt?

Demnig: Wegen Corona konnte ich leider nicht so viel unterwegs sein. Aber es sind weiter Steine hergestellt und verschickt worden, teilweise werden sie von örtlichen Bauämtern verlegt. Die Steine werden dann fotografiert und an Angehörige in aller Welt verschickt. Irgendwann wird dann sicher die Einweihung nachgeholt.


Ist das für die Angehörigen und Nachfahren auch so eine Art Rückkehr?

Demnig: Ja. Stolpersteine geben Heimat zurück. Die meisten Opfer haben weder Grab noch Grabstein. Wir fertigen aber keine Grabsteine, sondern ich nenne sie Schlusssteine. Die Opfer hinterlassen Spuren. Ich höre immer wieder: Jetzt haben wir endlich einen Ort der Erinnerung.


Gunter Demnig wurde am 27. Oktober 1947 in Berlin geboren. Er studierte Kunstpädagogik und Kunst in Berlin und Kassel. Die Stolpersteine sollen an Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert wurden und meist dem Holocaust zum Opfer fielen.  In diesen Tagen wird an die Wannseekonferenz erinnert. Dort trafen sich vor 80 Jahren, am 20. Januar 1942 , 15 hochrangige Vertreter verschiedener Reichsministerien, der SS und der NSDAP zu einer Besprechung. Bei dem Treffen wurden die Deportation und Ermordung von insgesamt elf Millionen Jüdinnen und Juden in den von den Deutschen besetzten Gebieten geplant und organisiert. Am 27. Januar wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus teilnehmen. 

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