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Wiechert'sche Erdbebenwarte Göttingen: Nicht nur der Rumms lässt den Waldboden beben

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Die weltweit erste Erdbebenwarte auf dem Hainberg bei Göttingen zeichnet auch 120 Jahre nach dem Start noch jede Schwankung auf. Ein Verein hält das Erbe der wissenschaftlichen Pioniere von damals in Ehren.

Das Gauß-Haus, das 1833 zuerst im Garten der Sternwarte von Göttingen erbaut wurde und später auf den Hainberg umzog.
Das Gauß-Haus, das 1833 zuerst im Garten der Sternwarte von Göttingen erbaut wurde und später auf den Hainberg umzog.  Foto: Gleichauf, Christian

Ein Klacken, dann ist es überraschend still. Fast still, ein Seil surrt. 1,7 lange Sekunden später schlägt die Kugel in einem Schotterbett ein. Vier Tonnen Stahl, die von 60 Stundenkilometern auf Null abgebremst werden, bringen den Waldboden zum Beben - senden deutlich spürbare Wellen aus. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass die ehrenamtlichen Forscher hier oben im Wald bei Göttingen das beeindruckende Schauspiel wieder aufführen.

Uni wollte das Gelände 2004 nur noch loswerden

Mit dem Rumms zucken gut hundert Meter entfernt die Zeiger der historischen Seismographen, die noch ein paar Jahre älter als die 113 Jahre alte Kugel sind. Auf engstem Raum sind die Hinterlassenschaften von drei Pionieren der Geophysik zu finden - Gauss, Wiechert und Mintrop.

"Eigentlich sollte hier vor 16 Jahren alles dem Erdboden gleichgemacht werden", erzählt Udo Wedeken, der den Verein "Wiechert"sche Erdbebenwarte Göttingen" 2005 mit gegründet hat. "Die Uni hatte damals kein Interesse mehr. Heute hätte sie das Gelände wohl gerne zurück."

Die Leidenschaft wurde früh geweckt

Wenn der 72-Jährige erzählt, dann spürt man seine Leidenschaft. Als junger Student hatte er gleich hier im damaligen Institut für Geophysik ein Zimmer bezogen. 15 Jahre später folgte er dem Ruf der Industrie, arbeitete mehr als 30 Jahre für den Göttinger Pharmazulieferer und Messgerätehersteller Sartorius.

Der Kreis schloss sich 2004. Vertreter Göttinger Messgerätefirmen, die sich im "Measurement Valley" zusammengeschlossen haben, kamen zu einer letzten Führung durch den ehemaligen Leiter des Instituts für Geophysik, Manfred Siebert. Das Institut sollte auf den Physik-Campus der Universität umziehen.


Flugs wurde ein Verein zur Rettung der Anlage gegründet

Als die ungewisse Zukunft der Anlage zur Sprache kam, wurde das Treffen zur Initialzündung für einen Verein, der für den Denkmalschutz sorgte und 2005 das Observatoriumsgelände kaufte. Wedeken wurde als Fachmann und Sartorius-Vertreter stellvertretender Vorsitzender und hatte fortan zwei Jobs.

Gemeinsam mit dem Vereinsvorsitzenden Wolfgang Brunk und weiteren Freiwilligen schuf er, was sich inzwischen zum Geheimtipp unter Wissenschaftsinteressierten aus aller Welt entwickelt hat. Hier wird Geophysik lebendig, nicht nur an der Mintrop-Kugel, die aus 14 Meter Höhe auf den Waldboden fällt und so Rückschlüsse auf den Untergrund ermöglicht.

Im Gauss-Haus steht auch der erste elektromagnetische Telegraf

Die vier Tonnen schwere Mintrop-Kugel kurz vor dem Einschlag. Die Umstehenden spüren den Einschlag gut, ...
Die vier Tonnen schwere Mintrop-Kugel kurz vor dem Einschlag. Die Umstehenden spüren den Einschlag gut, ...  Foto: Gleichauf, Christian

Gleich nebenan zeugt das sogenannte Gaußhaus von der noch einmal fast ein Jahrhundert weiter zurückliegenden Geschichte der Wissenschaft. Hier hatte Carl Friedrich Gauß, den mancher aus dem Mathematik-Unterricht kennt, erste Versuche zu Magnetismus und Elektrizität durchgeführt.

In diesem Haus - ursprünglich Teil seiner Sternwarte - entwickelte Gauß gemeinsam mit Wilhelm Weber auch den weltweit ersten elektromagnetischen Telegrafen. Mit dem war es möglich, über mehr als einen Kilometer Entfernung von der Uni zur Sternwarte zu kommunizieren.

Wie das funktioniert, zeigen an dieser Station der Führung Werner Curdt und Iris Bartels. Curdt bewegt mit hölzernen Griffen laut klackend den Magneten. Und so zeigen die zwei, wie mithilfe eines eigens für diesen Zweck vereinbarten Codes aus Plus- und Minus-Signalen einfache Sätze übermittelt werden konnten.

17 Tonnen hängen an der Decke

Ein paar Meter weiter öffnet Udo Wedeken eine Holztür, über der in Fraktur-Lettern geschrieben steht: "Ferne Kunde bringt Dir der schwankende Fels - Deute die Zeichen!" Es ist der Leitspruch, den der erste Professor für Geophysik weltweit, Emil Wiechert, 1902 dort anbringen ließ.

"Wiechert interessierte sich für Erdbebenwellen und hatte gehört, dass in Italien dazu geforscht wird. Also ist er hingefahren", erzählt Wedeken. Doch die Italiener hätten die Wellen nur sichtbar machen können. "Wiechert wollte aber auch deuten, was er misst. Also hat er sich selbst an den Bau von Seismographen gemacht."

Das Ergebnis besteht aus drei verschiedenen Seismographen, die sich in einem bunkerähnlichen Raum befinden. Besonders imposant ist ein 17 Tonnen schweres Pendel, das über eine ausgefeilte Technik jede noch so kleine Bewegung der Erde sichtbar verstärkt und über einen Zeiger auch auf berußtem Papier aufzeichnet. Fast alles führt zu einem Ausschlag, jede Person, die den Raum betritt, jeder Luftzug.

Bereits das Beben in San Francisco 1906 wurde aufgezeichnet

... mehr als 100 Meter weiter werden die Wellen noch aufgezeichnet. Fotos: Christian Gleichauf
... mehr als 100 Meter weiter werden die Wellen noch aufgezeichnet. Fotos: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Oder eben auch eine von Menschen nicht mehr wahrnehmbare Erdbebenwelle, die mit zehnfacher Schallgeschwindigkeit durch und um die Erde gerast ist. Das Erdbeben in San Francisco von 1906 beispielsweise wurde hier bereits aufgezeichnet. Inzwischen hat zusätzlich die Lasertechnik Einzug gehalten, so dass nicht mehr so viel Rußpapier notwendig ist, um die Ausschläge zu visualisieren.

Doch auch das Rußpapier wurde bis vor kurzem von den Vereinsmitgliedern noch eigenhändig hergestellt. Die letzten dieser analogen Aufzeichnungen sind von Anfang des Jahres, als in Göttingen vier Weltkriegsbomben kontrolliert gesprengt wurden. "Das sind die Resultate", zeigt Wedeken auf kleine christbaumähnliche Formen.

"Jetzt bin ich dabei auszuwerten, wie sich diese Ausschläge von den Aufzeichnungen des modernen Seismometers unterscheiden." Das gibt es gleich nebenan. Die Wiechert"sche Erdbebenwarte ist heute auch eine offizielle Station des Regionalnetzes der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

Reguläre Führungen jeden ersten Sonntag im Monat

Der Verein bietet jeden ersten Sonntag im Monat reguläre Führungen an. Mehr als 2000 Besucher kamen 2019. Nur das vergangene Jahr war vergleichsweise einsam.

Weiterhin mussten die Helfer aber alle paar Tage die alten Messinstrumente nachjustieren. Etwa den 1,2 Tonnen schweren Horizontalseismographen - ein auf die Spitze gestelltes Pendel, das durch Spiralfedern im Gleichgewicht gehalten wird. Durch Temperaturänderungen und Bodenverbiegungen kommt es zu Verschiebungen, das Gewicht "wandert" - und mit ihm die Schreibstifte.

Mit den sinkenden Inzidenzzahlen in der Corona-Pandemie sind inzwischen die ersten Führungen wieder erlaubt. Und so sind die drei Ehrenamtlichen hier Anfang Juni mit Eifer dabei, alles wieder zu testen - insbesondere die Mintrop-Kugel. Noch einmal wird sie in die Höhe gezogen.

Kugel lag fast 100 Jahre im Wald

"Ludger Mintrop hat sie ab 1908 viele hundert Mal fallen lassen", erzählt Udo Wedeken. Mit den dabei gewonnenen Erkenntnissen wurde Mintrop später in den USA reich, als er zielsicher voraussagen konnte, wo im Boden Öl zu finden ist.

Die Stahlkugel fand sich knapp 100 Jahre später noch immer im Wald. "Sie war im Inventarverzeichnis der Universität als Steinkugel ausgewiesen", so Wedeken. "Sonst wäre sie wohl in einem der Weltkriege eingeschmolzen worden."

 
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