Müllprobleme mit Psychologie lösen
In der niederländischen Metropole Rotterdam kooperiert die Stadtverwaltung mit Forschern der Universität, um die Akzeptanz für Regeln und politische Entscheidungen zu erhöhen. Das funktioniert auch bei den Themen Verkehr oder Gesundheit gut.

Warum handeln Menschen wie sie es tun und wie können Kommunen oder Regierungen menschliches Handeln so beeinflussen, dass die Gemeinschaft insgesamt profitiert? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Behavioural Insights Group (BIG"R) an der Erasmus-Universität in Rotterdam. Die Verhaltensforscherin Dr. Inge Merkelbach steht der Gruppe vor. Das Team arbeitet eng mit der Stadtverwaltung Rotterdam zusammen, um die Akzeptanz für Regeln des Zusammenlebens und politische Maßnahmen zu verbessern - etwa in den Bereichen Müllmanagement und Verkehr oder für die Impfkampagne in der Corona-Pandemie.
Pandemie hat die Schwächen politischer Kommunikation offengelegt
Durch die Pandemie sei das Thema Verhaltensforschung stark in den Fokus gerückt, sagt Merkelbach. Der Forschung haben die vergangenen zwei Jahre wertvolle Erkenntnisse beschert, sie waren für Merkelbach und ihre Kollegen wie eine Art Reallabor für Kommunikationsstrategien. Beispiel Impfung. Die Politik könne noch so viel an die Impfbereitschaft appellieren, bei einer gewissen Gruppe von Menschen komme das nicht an, weil sie staatlichen Institutionen einfach nicht vertrauten, sagt sie.

Ein Phänomen, das in Rotterdam besonders in Stadtteilen mit hohem Migrationsanteil zu beobachten war. Also stellte die Stadt ihr Vorgehen um: Ärzte aus den jeweiligen Quartieren gingen im Auftrag der Verwaltung auf Wochenmärkte, informierten dort umfassend und machten zeitgleich Impfangebote. "Der Aufwand war gewaltig, aber die Strategie hat funktioniert. Ein Drittel der Menschen, die wir so erreicht haben, haben uns später gesagt, dass sie sich eigentlich nicht impfen lassen wollten", sagt Merkelbach. Der Hausarzt, der von vielen als vertrauenswürdige Quelle eingestuft wird, schaffte es häufig, Zweifler zu überzeugen.
Zunächst befragen die Wissenschaftler Bürger zu ihren Einstellungen
Wenn die Wissenschaftler ein Projekt bearbeiten, geht es zunächst darum herauszufinden, was die Ursache für das Handeln einer bestimmten Zielgruppe ist - sie befragen die Menschen zu ihren Einstellungen und Haltungen. Basierend darauf werden dann Ableitungen getroffen. Merkelbach nennt als Beispiel eine Kampagne gegen Süßgetränke für Kinder, die vor einigen Jahren grandios scheiterte. Die Zielgruppe: Menschen aus der migrantischen Community in bestimmten Stadtteilen. Der Fokus der Kampagne war zunächst die Vermeidung von Übergewicht.
Die Kampagne verfing jedoch nicht. Erst später fanden die Forscher heraus, dass Übergewicht in bestimmten Kulturkreisen für Wohlstand steht und deshalb positiv besetzt ist. Erst als der kommunikative Fokus auf Zahnschäden durch zu viel Zuckerkonsum verlagert wurde, habe sich ein Erfolg eingestellt, sagt Merkelbach. Deshalb müsse es immer zuerst darum gehen zu verstehen, aus welchen Motiven Menschen in einer bestimmten Zielgruppe handeln.
Mit praktischen Maßnahmen und guter Kommunikation wilde Müllablagerungen in den Griff bekommen

Das Müllmanagement ist ein weiteres Einsatzgebiet, auf dem die BIG"R-Forscher gemeinsam mit der Kommune Erfolge erzielt haben. Das Ausgangsproblem: Ein öffentlicher Strand in Rotterdam war ständig vermüllt. In einem Wohngebiet kam es zu wilden Ablagerungen neben Containern. Die Gegenmaßnahmen umfassten zwei Bereiche: Es wurden größere Mülleimer an besseren Standorten aufgestellt.
Parallel entwickelten die Forscher Strategien, um die Menschen für das erwünschte Verhalten zu sensibilisieren. Das habe vor allem in dem Wohngebiet gut funktioniert, sagt Merkelbach. Dort sei der soziale Zusammenhalt hoch, die Bewohner hätten selbst Interesse an einem schönen Quartier. "Wir sind also von Haustür zu Haustür gegangen, haben mit den Menschen geredet und Aufkleber mit dem Aufdruck ,die Nachbarschaft sauber halten" verteilt." Diese hätten viele an ihre Türen geklebt, um zu signalisieren, dass sie dabei sind. "Wenn man sich zu einer Sache bekennt, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man es auch tatsächlich tut", erklärt sie.
Forscher werden auch in Sachen Förderung des Radverkehrs aktiv
Auch beim Verkehr setzen die Forscher an und untersuchen zum Beispiel, wie man noch mehr Menschen zum Umstieg aufs Fahrrad bewegen kann - in einer Stadt, in der die Quote an Radfahrern für deutsche Verhältnisse ohnehin außergewöhnlich hoch ist. Außerdem begleitet die Gruppe die Reduzierung des Tempolimits von 50 km/h auf 30 km/h in bestimmten Innenstadtbereichen.
Geschickte Kommunikation soll dazu führen, dass die Maßnahme als überwiegend positiv wahrgenommen wird und die ganz große Empörung ausbleibt. Ein möglicher Ansatz dafür könnten die Themen Sicherheit im eigenen Wohnumfeld und Sicherheit von Kindern sein, sagt Merkelbach. Die Gruppe will zunächst Interviews führen und Anwohner fragen, welche Anreize sie dazu bewegen könnten, ihre Geschwindigkeit zu reduzieren.
Enge räumliche Zusammenarbeit mit der Verwaltung vor der Pandemie

Vor der Pandemie hatten die BIG"R-Forscher ein eigenes Büro bei der Stadtverwaltung Rotterdam. Das sei gut gewesen wegen der Möglichkeit zum direkten Austausch zwischen Forschern und Kommunalvertretern. "Auch Bürger konnten vorbeikommen und Fragen stellen."
Merkelbach hofft, dass das Potenzial der Verhaltensforschung in der Zukunft noch häufiger in der Politikvermittlung genutzt wird. Ihr Fachgebiet könne in so vielen Bereichen des öffentlichen Handelns eine gute Unterstützung sein, sagt sie. "Leider teilen wir unser Wissen häufig nur unter uns Forschenden. Dabei könnten wir es noch viel besser zum Wohl der Gesellschaft nutzen."
Die britische Regierung setzt bereits seit 2010 auf Unterstützung aus der Verhaltensforschung
In Großbritannien macht sich die Regierung das Wissen von Verhaltensforschern schon seit über zehn Jahren zunutze. Dort wurde 2010 ein Behavioural Insights (BIT) Team gegründet, das der Regierung zuarbeitet. Das BIT wendet Methoden aus Sozialwissenschaften, Psychologie und Marketing an, um die Akzeptanz für politische Entscheidungen und allgemeingültige Regeln zu verbessern. Damit sollen auch die gesellschaftlichen Kosten gesenkt werden, die entstehen, wenn Regeln nicht beachtet werden. Andere englischsprachige Länder wie Australien oder der kanadische Bundesstaat British Columbia setzen bei ihrer Politikvermittlung ebenfalls auf Unterstützung aus der Verhaltensforschung. In Deutschland erfuhr das Thema erstmals im Rahmen der Corona-Pandemie breitere öffentliche Beachtung.

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