Meinung zur Inflationsrate: Getroffen sind die Geringverdiener
Die Teuerung kann zur Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung werden, warnt unser Redakteur. Denn sie wirkt nicht gleichmäßig und wird durch weltpolitische und pandemiebedingte Verwerfungen noch verstärkt.
Eine Inflationsrate von 5,2 Prozent im November, das lässt nichts Gutes erwarten. Die Preise ziehen unglaublich an, so das scheinbar eindeutige Signal. Tatsächlich muss man hier relativieren. Denn die Inflationsrate bezieht sich auf den Vorjahresmonat. Und im November 2020 gab es keine Teuerung, sondern schon den dritten Monat in Folge eine Verbilligung der Waren und Dienstleistungen in Deutschland. Wäre der Warenkorb seit 2018 also gleichmäßig teurer geworden, hätte die Inflationsrate zwei Jahre in Folge bei 2,4 Prozent gelegen.
Das ist mehr als gewünscht, aber eine Preisexplosion sieht anders aus. Im Gesamtjahr 2021 liegt die Teuerung voraussichtlich bei über drei Prozent. Entscheidend ist jetzt aber, wie es im kommenden Jahr weitergeht. Selbst namhafte Wirtschaftsinstitute schwanken zwischen Beschwichtigung und Alarmstimmung.
Wirklich getroffen von der Inflation sind vor allem Geringverdiener
Ganz unabhängig von den Prozentpunkten, über die Zentralbanker, Politiker und Wirtschaftswissenschaftler debattieren, ist eine Preissteigerung wie diese eine der ungerechtesten Arten der Umverteilung. Leider wurde in jüngster Zeit viel zu häufig über die Negativzinsen gesprochen, die Besitzer größerer Vermögen nun bei den Banken bezahlen müssen.
Das ist nicht schön, die vermuteten Effekte für den Einzelnen werden aber oft überbewertet. Denn Menschen und Unternehmen, die viel Geld auf dem Konto liegen haben, besitzen in der Regel auch Immobilien, Aktienfonds oder sonstige Anlagewerte und dürften damit unterm Strich trotzdem einen Wertzuwachs erfahren haben.
Anders sieht es aus bei der tagtäglichen Geldentwertung durch Inflation. Wer einen alten Benziner fährt und viel unterwegs sein muss, der verliert überproportional bei jedem Tankstopp. Wer raucht, ist von der regelmäßigen Erhöhung der Tabaksteuer betroffen. Da mag mancher noch argumentieren, dass Zigaretten eben noch nicht teuer genug sind. Aber wer beispielsweise seine Wohnung wechseln muss und somit seinen Mietvertrag von 1995 kündigt, der wird von heute auf morgen 20 oder 30 Prozent mehr fürs Wohnen ausgeben müssen - und das Monat für Monat.
Wirklich getroffen sind deshalb Menschen mit niedrigem Einkommen. Der statistische Durchschnittswert sagt über ihre Situation fast nichts aus. Für sie erklimmt die persönliche Inflationsrate teilweise Höhen, die ein Vielfaches über dem Zwei-Prozent-Ziel der EZB, der Europäischen Zentralbank, liegen.
Dreht sich die Inflationsspirale, ist sie kaum zu bremsen
Diese zwei Prozent Inflation sind wirtschaftspolitisch erwünscht, weil beispielsweise notwendige Investitionen dann lieber heute als morgen getätigt werden. Würden die Preise sinken - Stichwort Deflation -, ist das genaue Gegenteil der Fall. Dann warten alle ab, die Wirtschaft kommt zum Erliegen.
Eine zu hohe Inflation wiederum ist deshalb ein Problem, weil beispielsweise Banken kein Interesse daran haben, Darlehen zu niedrigen Zinsen zu vergeben, während sich der Wert des Kredits zusehends verringert. Zinserhöhungen sind die Folge. Löhne steigen. Das lässt wiederum die Preise steigen. Dreht sich diese Spirale, ist sie kaum zu bremsen.
Domino-Effekt ist noch nicht am Ende
Dazu kommt derzeit ein weiteres Phänomen. Rohstoffmangel und Lieferengpässe treffen einzelne Branchen sehr unterschiedlich. Der sich nach und nach verstärkende Domino-Effekt entlang der Lieferketten ist noch lange nicht abgeschlossen. Deshalb sind Experten und Betroffene zurecht besorgt. Die pandemiebedingten und weltpolitischen Verwerfungen haben vieles aus dem Gleichgewicht gebracht.


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