Abschaffung der 50+1-Regel? So reagiert der VfB Stuttgart auf die Bayern-Kritik
Herbert Hainer vom FC Bayern München äußerte sich zu einer Änderung der 50+1-Regel in der Bundesliga. Sollte sie wirklich abgeschafft werden? So reagiert der VfB Stuttgart.
Sollte die 50+1-Regel im Fußball abgeschafft werden? Eine Diskussion, die immer wieder von unterschiedlichen Seiten angetrieben wird. Ganz frisch kommen solche Forderungen aus München. „Ich bin der Meinung, dass man es den Clubs und ihren Mitgliedern überlassen sollte, wie viele Anteile sie abgeben wollen“, erklärte Herbert Hainer, Präsident des FC Bayern, kürzlich bei einem Pressetermin. Nicht zum ersten Mal, dass der Bayern-Präsident sich für eine Änderung oder Abschaffung ausspricht. Es sind Aussagen, die bei Fans und Vereinen durchaus Zündstoff-Potenzial haben.
Unterstützung gibt es von FC-Bayern-Vorstandsboss Jan-Christian Dreesen, der in „Sport Bild“ nachlegte: „Wir sind der Meinung, dass jeder Club selbst entscheiden sollte, was er tun möchte. Wir brauchen eine starke und wettbewerbsfähige Bundesliga, um motiviert zu bleiben und uns weiter zu pushen.“ Dressen hofft demnach, „dass auch unsere Kollegen in Dortmund, Leverkusen, Stuttgart, Leipzig und überall sonst Schritte gehen können und mit uns mithalten.“ Doch steht der VfB Stuttgart zum Vorschlag aus München, die 50+1-Regel zu kippen?
Abschaffung der 50+1-Regel? VfB Stuttgart reagiert auf Hainer-Vorschlag
Auf Anfrage der Heilbronner Stimme zur brisanten Thematik äußert sich Alexander Wehrle mit deutlichen Worten: „Der VfB Stuttgart bekennt sich klar zur 50+1-Regel. Sie ist eine tragende Säule nachhaltiger wirtschaftlicher Stabilität im deutschen Profifußball.“ Der VfB-Vorstandsvorsitzende, der schon in der Vergangenheit ein Verfechter der Regelung war, positioniert den Verein sowie die Partner. „50+1 ist auch der Ausdruck unserer Haltung, dass Fußball in Deutschland Kulturgut ist, und damit uns allen gehört. Das geht nur über Mitbestimmung und Teilhabe der Mitglieder der Vereine. Dieses klare Bekenntnis geben beim VfB Stuttgart auch unsere strategischen Partner und Anteilseigner Mercedes-Benz, Porsche und JAKO ab.“ In Stuttgart sei man „absolut deckungsgleich“.
Der Vorstoß aus München stößt beim VfB Stuttgart auf wenig Zustimmung. Die 50+1-Regel, laut der die Stimmanteile einer ausgegliederten Profiabteilung mehrheitlich in den Händen der Mitglieder des Vereins liegen müssen, außer Kraft zu setzen, ist zudem nicht der erste Schritt. Bislang gibt es drei Ausnahmen der Regel: Bayer 04 Leverkusen und VfL Wolfsburg, die seit Jahrzehnten von den Konzernen (Bayer und Volkswagen) unterstützt werden, sowie RB Leipzig. Die TSG Hoffenheim ist seit geraumer Zeit wieder innerhalb der 50+1-Regelung. Die restlichen Bundesliga-Vereine halten sich weitestgehend an die 50+1-Regel, ein Großteil ist auch Verfechter der Vorgaben.
Der Vorstoß des FC Bayern München steht auch im Kontrast zu Aussagen, die Ende des vergangenen Jahres aus Frankfurt kamen. „Ich glaube, es wird 2026 zu einer maßgeblichen Richtungsentscheidung kommen, was mit der 50+1-Regel passiert. Ich glaube, sie wird gestärkt und es wird sehr schwierig für die Ausnahme-Clubs, ihre Ausnahmestellung weiter zu begründen“, sagte Axel Hellmann, Vorstandssprecher von Eintracht Frankfurt, im Club-TV. Dabei bezieht sich Hellmann wohl auch auf eine nahende Entscheidung des Bundeskartellamtes und der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die die 50+1-Regel nachbessern und verschärfen wollen. Eine Ausnahmestellung, wie im Falle der Bundesligisten aus Leverkusen, Wolfsburg und Leipzig, könnte dann wackeln.
„Ein einmaliger Effekt“ – VfB-Boss Wehrle spricht sich für die 50+1-Regel aus
VfB-Boss Wehrle sieht in einer Abschaffung der Regel nur einen kurzfristigen Vorteil, keinen nachhaltigen. „Kurzfristig hätte die Bundesliga einen hohen Kapitalzufluss – aber das wäre ein einmaliger Effekt, der zudem die Topclubs überproportional stärken würde, da ihre Unternehmensbewertungen weitaus höher sind als jene aller übrigen Clubs – auch des VfB“, erklärt Alexander Wehrle gegenüber der Heilbronner Stimme. „Die Abkehr von 50+1 würde die Schere im deutschen Fußball also nochmal weiter auseinandergehen lassen und damit Vereine wie den VfB im Gesamtkontext schwächen, anstatt stärken. Mehr Kapital macht die Großen größer, nicht den Wettbewerb spannender.“
Klar also, dass der Vorstoß vom FC Bayern München kommt, der auf nationaler Ebene seit Jahren mit wenigen Ausnahmen die Bundesliga beherrscht, sich aber auf europäischer Ebene mit finanzkräftigeren Clubs aus der Premier League messen muss. Der VfB Stuttgart setzt derweil auf strategische Partner und Unternehmen aus der wirtschaftsstarken Region.
Die 50+1-Regel schützt den deutschen Fußball und hat laut dem Vorstandsboss des VfB Stuttgart „klar belegbare Vorteile“. „Die Bundesliga ist heute die profitabelste Liga in Europa und eine der zuschauerstärksten weltweit“, so Alexander Wehrle. „50+1 ist keine Bremse, sondern sorgt für reguliertes Wachstum, das zugleich all das bewahrt, was die Bundesliga so einzigartig für die Menschen macht.“ Dabei braucht die Bundesliga und deren Vereine ein Wachstum, dass „aber nicht über kurzfristige Einmaleffekte, sondern nachhaltig“ geschehen muss. Als mögliches Beispiel dafür nennt Wehrle eine „noch stärkere Auslandsvermarktung als Liga insgesamt“.
Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft – VfB Stuttgart plädiert für 50+1-Regel
Der Vorstoß des FC Bayern München, die 50+1-Regel zu kippen, hat noch einen weiteren Haken, denn: Aktuell nutzen viele Vereine nicht einmal die Möglichkeiten im Rahmen der Regel. „Man muss auch berücksichtigen, dass ja schon heute jeder Club in der Theorie bis zu 49 Prozent Anteile an Investoren vergeben dürfte, sofern dies über die Vereinssatzungen nicht anders geregelt ist, wie etwa beim VfB, wo 75+1 gilt“, erklärt Alexander Wehrle der Heilbronner Stimme. „Die Mehrheit der Vereine schöpft diese Möglichkeit bisher bewusst noch gar nicht voll aus. Es scheint also mehrheitlich gar keinen so akuten Bedarf für einen Wegfall von 50+1 geben.“
Heißt auch: Vereine haben noch Spielraum, könnten also weitere Stimmanteile abgeben, bevor man an die Grenzen der 50+1-Regel käme. Dass ein Verein erfolgreich durch Nachhaltigkeit sein kann, zeigt auch der VfB Stuttgart in der jüngeren Vergangenheit. Durch kluge Transfers, ein ruhiges Umfeld und konstante Weiterentwicklung hat der VfB sich in der Bundesliga wieder im oberen Tabellendrittel etabliert, steht erneut im Pokal-Halbfinale und ist auch europäisch ins Achtelfinale eingezogen – ohne die 50+1-Regel zu kippen oder Spielereinkäufe für astronomische Summen.
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