Zehn Jahre Bundesliga-Aufstieg der Sport-Union Neckarsulm − Kapitel 9: Man wächst mit seinen Aufgaben
Als Team-Managerin ist Jutta Perger vor zehn Jahren ganz nah dran: an den Spielerinnen, am Trainerteam und an den stetig größer werdenden Herausforderungen bei der Spieltagsorganisation. „Manchmal frage ich mich: Wie habe ich das eigentlich alles geschafft?“

Wenn man wie Jutta Perger schon so lange dabei ist, verschwimmen die Erinnerungen mitunter. Wer ist wann gekommen, wer ist wann gegangen? In welcher Saison ist was passiert? Als die Sport-Union Neckarsulm im Frühjahr 2016 in die Bundesliga aufsteigt, ist es für die Mannschaft der vierte Aufstieg in sechs Jahren. Der Weg von der Grauen Maus der fünftklassigen Württembergliga über die Zweitliga-Meisterschaft ins deutsche Oberhaus hat viele Höhepunkte mit sich gebracht, die sich zehn oder 15 Jahren später nicht mehr alle exakt verorten lassen. Der Blick über alte Zeitungsartikel hilft, eingestaubte Erinnerungen wieder hervorzukramen.
Im Rückblick stellt sich für Perger, die 2015/2016 offiziell als Team-Managerin fungiert, dann schnell die Frage: „Wie habe ich das damals eigentlich alles geschafft?“ Denn das bestens vernetzte Organisationstalent ist so etwas wie die Mutter für alles und alle. „‚Team-Managerin‘ haben wir das damals nur genannt, weil wir nicht wussten, wie wir es sonst nennen sollen“, erzählt Perger und lacht.
Als Tausendsassa sitzt Jutta Perger plötzlich bei der HBF
Die heute 62-Jährige sitzt mit auf der Bank, schreibt Namen in den Spielbericht, plant und koordiniert Auswärtsfahrten, ist Schnittstelle zwischen Spielerinnen und Trainerteam, verfasst Pressetexte, hilft bei medizinischen Fragen, koordiniert das eingeschworene Helferteam und sitzt irgendwann sogar als Vereinsrepräsentantin bei den Mitgliederversammlungen der Handball Bundesliga Frauen (HBF) − „obwohl ich doch eigentlich gar nicht aus dem Handball komme“. Anfangs wird der Emporkömmling dort belächelt, doch mit jedem weiteren Bundesliga-Jahr nehmen Anerkennung und Respekt der Konkurrenz zu.
Ihrer Tochter Julia, die bis 2013 Teil des Kaders ist und mit einigen der späteren Erstliga-Spielerinnen in die 2. Bundesliga aufsteigt, ist es zu verdanken, dass Jutta Perger für die Neckarsulmer Handballerinnen ab 2010 vermehrt Freizeit und Urlaubstage opfert. „Ich bin dort, seit meine Tochter bei den Minis angefangen hat, irgendwie hineingewachsen und war irgendwann bei allen nicht-sportlichen Fragen so etwas wie Emirs rechte Hand“, erinnert sich Jutta Perger an ihr Aufgabenspektrum und die gute Zusammenarbeit mit Cheftrainer Emir Hadzimuhamedovic.

Nebenher schult sie privat um. Statt Praxis-Managerin in einer Arztpraxis wird sie Privatkundenberaterin bei einem Kreditinstitut. „Mit Isabel Tissekker habe ich auf Auswärtsfahrten im Bus das Soll und Haben gelernt“, erzählt Perger und lacht. Ihr medizinischer Hintergrund und ihre Kontakte in die Branche helfen dem Verein jedoch bis heute. Braucht eine Spielerin schnell und auf dem kurzen Dienstweg einen (Fach-)Arzttermin? Perger kennt jemanden, der jemanden kennt...
Doppel-Aufstieg dank gegenseitiger Unterstützung
Der mannschaftliche Zusammenhalt und das Drumherum hätten das Team und den Verein in diesem Aufstiegsjahr besonders ausgezeichnet. Im gleichen Jahr wie die Handballerinnen in die Bundesliga, steigen auch die Neckarsulmer Fußballer in die Oberliga auf. „Wir haben uns regelmäßig gegenseitig bei den Spielen besucht und versucht, den Zusammenhalt im Verein abteilungsübergreifend zu leben“, sagt Perger.
Dass alle Spielerinnen des Kaders aus der Region stammen oder von Vereinen aus dem Umland zur Sport-Union gekommen sind, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl ebenfalls. „Die Eltern der Spielerinnen haben teilweise das Vesper für die Auswärtsfahrten gemacht“, erinnert sich die Team-Managerin, die zu einigen Auswärtsfahrten selbst im Auto sitzt und die Spielerinnen zur Halle fährt. Sofern es mit dem Mannschaftsbus auf Tour geht, sind Fans und Eltern wie selbstverständlich mit an Bord. „Das war einfach eine tolle, homogene Truppe.“
Sport-Union Neckarsulm wächst gemeinsam mit der Liga
Weil der sportliche Erfolg schneller kommt, als die Professionalisierung im Verein Schritt halten kann, erinnert auch 2015 noch einiges im Neckarsulmer Handball an die Amateurtage vorangegangener Spielzeiten. „Vieles bei uns war anfangs einfach learning by doing“, erinnert sich Perger. Doch der Sport-Union hilft, dass sie in ihrem Triumphzug durch die niedrigeren Spielklassen gemeinsam mit dem Frauen-Handball in Deutschland wächst und sich nicht von heute auf morgen an bereits existierende, für reine Amateurclubs nahezu unerfüllbare Standards, Budgets und Regularien anpassen muss.
Erst schrittweise gelingt es dem Verein, auch organisatorisch zu den Konkurrenten aufzuschließen, während man sie sportlich längst überholt hat. „Das war von A bis Z ein riesiger Lernprozess, aber wir haben immer versucht, das Bestmögliche daraus zu machen“, sagt Perger. Auch das Umfeld in Verein und Abteilung habe sich mit dem damals aufkommenden Profitum erst anfreunden müssen. „Die Begeisterung in der Halle ist über die Saison aber immer weiter gewachsen, als sich abgezeichnet hat, dass der Aufstieg tatsächlich möglich ist.“ Der Anfang Dezember 2015 vermeldete Besucherrekord von 1050 Zuschauern im Heimspiel gegen den BSV Sachsen Zwickau (36:22) wird in der Endphase der Saison, als die finalen Punkte für den Titelgewinn gebraucht werden, noch mehrfach überboten werden. Die Sport-Union wird zum Zuschauermagneten der Region.
Veränderte Kaderstruktur wirkt sich auf Aufgabenspektrum aus
Heute, so ist sich Jutta Perger sicher, wäre es für einen Emporkömmling in einer ähnlichen sportlichen Situation weitaus schwieriger, vielleicht sogar nahezu unmöglich, die vergleichsweise hohen Standards der HBF zu erfüllen. Vor zehn Jahren ist das noch anders. Einheitlicher Hallenboden? Verpflichtende Längstribüne? Hochauflösender Video-Livestream? Digitales Ticketing? Alles noch in den Kinderschuhen oder optional statt obligatorisch. „Sportlich wäre so ein Durchmarsch vielleicht noch machbar, aber von null auf hundert beim Drumherum?“, das schätzt Jutta Perger weitaus schwieriger ein.
Als Ansprechpartnerin für die Spielerinnen ist sie auch zehn Jahre nach dem Aufstieg noch immer unverzichtbar. Viele ihrer damaligen organisatorischen Aufgaben sind jedoch längst auf mehrere Schultern im Trainerteam oder auf der (personell verbreiterten) Geschäftsstelle verteilt worden. Die Fragen, Probleme und Bedürfnisse der Spielerinnen seien aber eigentlich noch immer die gleichen. Einzig die veränderte Kaderstruktur hat auf Pergers Aufgabenspektrum abgefärbt.
Weniger Auswärtsfahrten, gleiche Begeisterung
Wohnten viele Spielerinnen früher noch zu Hause bei den Eltern in der Nachbarschaft, muss Jutta Perger inzwischen hin und wieder bei Heimweh trösten, hilft bei Sprachbarrieren oder Anmeldungen beim Einwohnermeldeamt oder der Krankenkasse. „Wir versuchen immer noch, eine gewisse familiäre Atmosphäre zu erhalten, dabei aber zugleich die Selbstständigkeit der Spielerinnen zu fördern“, umschreibt Perger den Umgang mit den heutigen Handball-Profis. Regelmäßig ist sie beim Training dabei, schaut, ob sie helfen kann.
Statt „Team-Managerin“ ist sie inzwischen „Team-Betreuerin“. Anderer Name, ähnliche Aufgaben. Nur Urlaubstage für Auswärtsfahrten zu opfern, das mache sie inzwischen nicht mehr, gesteht Perger und lacht. Sie hat den Rausch der Aufstiegsjahre erst im Nachhinein richtig zu schätzen gelernt, als es in der Bundesliga meist ums nackte sportliche Überleben geht und die Leichtigkeit fehlt. Gründe zum Feiern werden in dieser Zeit rar.
Letzte Auswärtsfahrt führt die Aufsteigerinnen nach Novalja
„In der Aufstiegssaison dagegen“, erinnert sich Jutta Perger, „haben wir viel gefeiert“. Nach erfolgreichen Auswärtsfahrten hält der Mannschaftsbus mitunter nicht in Neckarsulm, sondern an der Böckinger Gartenlaube. Am frühen Morgen folgt ab und an noch ein Abstecher zum Neckarsulmer Schichtwechsel. So läuft es auch am Pfingstsamstag 2016, nachdem sich die Sport-Union mit einem wilden 36:36-Remis beim TV Beyeröhde − bis heute − aus der 2. Bundesliga verabschiedet hat. „Ja, mittlerweile sind wir auch im Feiern Meister. Seit fünf Wochen findet sich eigentlich immer irgendwie ein Grund“, gesteht Trainer Emir Hadzimuhamedovic damals.
Ihre letzte Auswärtsfahrt als Zweitligist führt die Mannschaft nach Pfingsten schließlich nach Novalja. An der kroatischen Adriaküste wird weitergefeiert. Jutta Perger sitzt damals nicht mit im Flieger. Die Team-Managerin genießt von zu Hause. Und hat wie selbstverständlich wieder ein offenes Ohr, als die Mannschaft zur Saisonvorbereitung 2016/2017 die Arbeit wieder aufnimmt. Dann als Erstligist.
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