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Zehn Jahre Bundesliga-Aufstieg der Sport-Union Neckarsulm − Kapitel 8: Aus der Lokalsport-Nische auf die Titelseite

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Kaum jemand ist während der Neckarsulmer Aufstiegssaison näher an der Mannschaft als Stimme-Redakteur Dominik Knobloch. Zehn Jahre später erinnert er sich an journalistische Herausforderungen, den Aufstieg zum Leuchtturm der Region und eine Menge „Hurra-Handball“.

Die Gefahren im Leben eines Sportredakteurs: Während sich Interviewpartnerin Hannah Breitinger (links) noch den Sekt aus dem Gesicht wischt, kann Stimme-Redakteur Dominik Knobloch dem Angriff von Alena Vojtíšková nicht mehr entkommen. Nach dem Bundesliga-Aufstieg ist in der Ballei alles erlaubt.
Die Gefahren im Leben eines Sportredakteurs: Während sich Interviewpartnerin Hannah Breitinger (links) noch den Sekt aus dem Gesicht wischt, kann Stimme-Redakteur Dominik Knobloch dem Angriff von Alena Vojtíšková nicht mehr entkommen. Nach dem Bundesliga-Aufstieg ist in der Ballei alles erlaubt.  Foto: stimme.tv

„Es wäre nach zehn Jahren eigentlich eher eine Geschichte wert, wenn die Mannschaft bei der Qualität, die sie damals hatte, nicht hochgegangen wäre“, sagt Dominik Knobloch und lacht. „Sie hatten nach den Verpflichtungen von Maike Daniels, Seline Ineichen und auch Melanie Herrmann in dem Jahr einfach die perfekte Mischung.“

Knobloch muss es wissen, schließlich begleitet er die Handballerinnen der Sport-Union für die Heilbronner Stimme ab dem zweiten Zweitliga-Jahr bis 2022 sieben Spielzeiten lang als Sportredakteur. Auch wenn der heute 36-Jährige inzwischen längst andere berufliche Wege eingeschlagen hat, ist ihm doch eine besondere Saison mit viel „schön anzuschauendem Hurra-Handball“ in Erinnerung geblieben. „Die damalige Entwicklung des gesamten Vereins sportlich wie journalistisch zu begleiten, das war schon eine coole Reise“, sagt er heute.

Auf einer Wellenlänge: Aufstieg als einzig realistisches Saisonziel

In der Aufstiegssaison beginnt diese Reise auch für den Journalisten während der Vorbereitung einmal mehr aufs Neue. Den Spielerinnen und Verantwortlichen bereits im Sommer eine klare Zielsetzung zu entlocken, sei ihm dabei ein besonderes Anliegen gewesen, erinnert sich Knobloch. „Schließlich war nach den vorangegangenen Platzierungen in der 2. Bundesliga ein Aufstieg eigentlich das einzig logische Ziel.“

Während der Reporter und die Spielerinnen mit ihren Erwartungen und Ambitionen auf einer Wellenlänge liegen, werden die journalistischen Herausforderungen im Saisonverlauf mit jedem Sieg der Mannschaft größer. „Anfangs hat man immer noch gemutmaßt, wer denn nun zum ersten Stolperstein werden könnte. Aber irgendwann wollte ja niemand mehr den x-ten Spielbericht lesen, in dem steht, wie toll die Mannschaft wieder gespielt und wie hoch sie diesmal gewonnen hat.“ Neue Geschichten müssen also her, solche die über Tore und Punkte hinausgehen.

Spielerinnen machen Sportredakteur die Arbeit einfacher

Diese sogenannten „bunten Geschichten“ mit veränderten Perspektiven aufzutreiben, ist zeitaufwändig, bieten aber doch meist einen besonderen Mehrwert: Was machen die Spielerinnen in ihrer Freizeit, wer arbeitet wo, und vor welchen Herausforderungen stehen eigentlich die Pendlerinnen auf ihrem Weg zum Training nach Neckarsulm? Knobloch findet immer wieder neue Ansatzpunkte, um den Stimme-Lesern die Mannschaft und ihre Persönlichkeiten nahezubringen.

„Es gab in dem Team aber auch viele meinungsstarke Spielerinnen, die immer bereit waren, etwas Gehaltvolles zu sagen“, erinnert er sich daran, dass ihm die Mannschaft seine journalistische Arbeit einfach macht. „Und wenn es sportlich dann auch noch so gut läuft, rennst du mit deinen Ideen meist auch offene Türen ein.“

Zu viel Nähe ist zu viel: Hadzimuhamedovic will sportlichen Fokus

Für Trainer Emir Hadzimuhamedovic sind diese Türen allerdings ab und an zu offen. „Emir war natürlich ein alter Hase in dem Geschäft und man musste immer aufpassen, dass man sich nicht alles von ihm in den Block diktieren lässt“, erzählt Knobloch und lacht. „Er war mit seinen Spielerinnen immer sehr kritisch und wollte stets den vollen Fokus auf das Sportliche.“

In der sich anbahnenden Aufstiegseuphorie, die beinahe die gesamte Handball-Region erfasst, die journalistische Distanz zu bewahren und kritisch zu bleiben, sei durchaus eine Herausforderung gewesen, gibt Dominik Knobloch zu. „Ich fand es immer sehr angenehm, dass man beim Frauen-Handball, anders als zum Beispiel im Profifußball, mit allen immer unkompliziert sprechen oder telefonieren konnte.“ Doch auf Mitfahrten im Mannschaftsbus und dem Lauschen von Halbzeit-Ansprachen in der Kabine verzichtet der Sportredakteur nach Testläufen dann aber doch. Zu viel Nähe ist zu viel.

Aufstieg bringt die Sport-Union-Frauen auf die Stimme-Titelseite

Begleitet wird die Aufstiegsreise in die Bundesliga aber trotzdem aus nächster Nähe. „Die Auswärtsfahrten − im eigenen Auto − auch über Baden-Württemberg hinaus mitmachen zu können, das hat immer Spaß gemacht“, sagt Knobloch. Nach Jahren auf Bezirks- oder Regionalebene sind die Sport-Union-Frauen bereits vor zehn Jahren eine Mannschaft, die bundesweit für Aufsehen sorgt. „Alle Spielerinnen hatten damals Bock auf dieses Handball-Projekt, obwohl sie fast alle nebenher noch zu 100 Prozent gearbeitet haben. Meine Hochachtung, wie sie das angesichts dessen gewuppt haben. Unter dem Strich war es natürlich trotzdem immer die große ‚Emir-Show‘, aber es ist bemerkenswert, dass er sie durchgezogen hat.“

Mit ihren Erfolgen und der stetig wachsenden Aufmerksamkeit, spielt sich die Sport-Union Neckarsulm im Aufstiegsjahr auch in der Print-Zeitung nach vorne: Statt im weiter hinten angesiedelten Regionalsport-Teil, stehen die Berichte über den Zweitligisten nach dem Jahreswechsel 2015/2016 weiter vorne im Sportteil. Am Montag, den 11. April 2016, ist die Mannschaft schließlich inklusive Jubelfoto auf der Titelseite angekommen: „Vorzeitig aufgestiegen: NSU-Handballerinnen sind erstklassig“ titelt die Heilbronner Stimme und schreibt von einer „gigantischen Party mit Sektdusche, Polonaise und einem Bad im Planschbecken (...) vor der Rekordkulisse von begeisterten 1260 Zuschauern in der Ballei“.

Sport-Union Neckarsulm weiß gestiegene Aufmerksamkeit für sich zu nutzen

„Die Sport-Union ist damals zum sportlichen Aushängeschild der Region gewachsen“, sagt Dominik Knobloch und erinnert sich noch gut an den Balanceakt und die Interessenverschiebung zwischen den etablierten Handballern des TSB Horkheim und dem Emporkömmlingen aus Neckarsulm. „Alle in der Region hatten damals Bock auf höherklassigen Handball. Der TSB Horkheim war über viele Jahre hinweg der Platzhirsch, aber eben ‚nur‘ Drittligist. Und Bundesliga-Handball war dann eben doch nochmal etwas anderes.“ In Neckarsulm erkennt der Verein das Potenzial der Stunde. Der Slogan „Mit dem Herz in der Hand“, der damals innerhalb der Mannschaft entsteht, wird ebenso vermarktet wie das Konzept des Neckarsulmer Leuchtturms, der als handballerischer Orientierungspunkt in der und für die Region alles andere überstrahlt. Der Zuschauerschnitt von beinahe 1000 Fans pro Heimspiel wird zum Beweis dessen.

Die Sponsorenakquise und -betreuung sei damals ebenso clever gewesen wie das Marketing, sagt Knobloch, „doch schon da war klar, dass der regionale Charakter der Mannschaft früher oder später verloren gehen würde“. Denn in der vereinsinternen Lagerbildung zwischen den nach mehr Professionalisierung und höherklassigem Handball strebenden Bundesliga-Befürwortern und jenen, die den Fokus auf die 3. Liga und das Bewahren der Regionalität legen wollen, setzen sich erste letztlich durch.

Neckarsulmer Handballerinnen sind auch in der Disco vorne mit dabei

Mit der Professionalisierung neben, hält auch die Professionalisierung auf dem Feld Einzug. Mit zunehmendem Profitum erübrigten sich für Knobloch nun jene „bunten Geschichten“ über Nebenjobs und den steinigen Weg aus dem eigenen Nachwuchs bis hinauf auf die große Bundesliga-Bühne. „Und es gab von den neuen Spielerinnen, die natürlich meist schon erfahrener waren, auch immer mehr Floskeln zu hören“, erzählt der ehemalige Sportredakteur. Langweiliger wird sein Job in der Ballei dadurch nicht. Aber anders. Aus journalistischer Sicht sei daher gerade der Übergang zwischen zweiter und erster Liga die schönste Zeit gewesen, sagt Dominik Knobloch.

Die neue Professionalisierung einerseits, verbunden andererseits mit der Unkompliziertheit und Nahbarkeit, die sich viele Spielerinnen dabei bewahrt haben, sorgt für besondere Momente und spannende Geschichten. „Und sie waren damals nicht nur gut im Handballspielen, sondern auch im Feiern“, erinnert sich Knobloch an die Aufstiegssause in der Ballei, sein unfreiwilliges Bad im Kabinen-Planschbecken und Alena Vojtíškovás „Attacke“ mit einer Magnum-Sektflasche. Und auch zahlreiche Handballer-Abende in der Böckinger „Gartenlaube“ sin in Erinnerung geblieben. „Die waren damals in gewisser Weise ein Pflichttermin.“ Für die Mannschaft wie für den Stimme-Redakteur.

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