Zehn Jahre Bundesliga-Aufstieg der Sport-Union Neckarsulm − Kapitel 7: Aus der Oberliga zur Nationalmannschaft
Als Spätstarterin wächst Rechtsaußen Luisa Geber gemeinsam mit der Sport-Union Neckarsulm in die Bundesliga. Statt Oberliga-Handball in Pflugfelden klopft bei der berufstätigen Bankbetriebswirtin plötzlich der Bundestrainer an.

„Zehn Jahre Bundesliga? Am Stück? Das hätte ich nie gedacht und das war damals auch eigentlich nicht abzusehen“, sagt Luisa Walter in der Rückschau ehrlich. Schließlich habe man sich noch in den Spielzeiten 2013/2014 und 2014/2015 schon in der 2. Bundesliga nicht ganz leicht getan. 2015/2016 ist das anders. Da reitet die Sport-Union Neckarsulm mit 25 Siegen aus 30 Spielen auf einer nicht enden wollenden Erfolgswelle durch die Liga. Auch dank Luisa Walter, die vor zehn Jahren noch ihren Geburtsnamen Gerber trägt und als flinke Rechtsaußen 110 Treffer zum Aufstieg beisteuert.
Die Geschichte der heute 38-Jährigen ist im kleinen ein wenig das Spiegelbild des großen Neckarsulmer Ganzen. Denn Walter ist eine Spätstarterin, wechselt 2012 mit 24 Jahren vom TV Pflugfelden, mit dem sich sich in der gerade zu Ende gegangenen Saison der viertklassigen Oberliga noch mit der Sport-Union duelliert hat, zum frisch gebackenen Drittliga-Aufsteiger nach Neckarsulm. „Eigentlich wollte ich da gar nicht weg“, erinnert sich Luisa Walter. Doch Emir Hadzimuhamedovic habe sie in Gesprächen von seinem ambitionierten Projekt überzeugt.
Die Mischung macht’s: Das Miteinander als Schlüssel zum Erfolg
„Luisa hatte ein riesiges Tempo und konnte auf Rechtsaußen alles“, sagt der Trainer noch heute und erinnert sich an eine „brutale Entwicklung“, die die Linkshänderin in ihren sechs Jahren im Unterland hingelegt habe. Gemeinsam steigen der Coach und die Außenspielerin 2013 bei nur vier Minuspunkten gleich im ersten gemeinsamen Jahr in die 2. Bundesliga auf und gehören damit plötzlich zu den besten Mannschaften im deutschen Frauen-Handball.

Dass im dritten Zweitliga-Jahr dann der Sprung in die Bundesliga gelingt, führt Walter vor allem auf die Kaderstruktur und den Trainer zurück: „Menschlich und auf dem Spielfeld hat es bei uns immer gepasst, das war der ausschlaggebende Punkt. Emir hat bei der Auswahl seiner Spielerinnen immer darauf geachtet, dass es auch im Miteinander funktioniert. Er hat die Mannschaft über die Jahre aufgebaut und immer eine Mischung gefunden aus dem anfangs großen Kern an Jugendspielerinnen und neu hinzugekommenen Spielerinnen.“
Vormittags Bankbetriebswirtin, abends Handballerin
Dass immer wieder höherklassig erfahrene Spielerinnen zu der über die Jahre gewachsenen Mannschaft stoßen, wird dabei nie zu einem Problem. „Da hat nie jemand von oben herab auf diejenigen hinuntergeschaut, die vielleicht einige Jahre zuvor, so wie ich, noch in der Oberliga gespielt haben. Stattdessen haben alle voneinander gelernt und die Bundesliga-erfahrenen Spielerinnen haben die anderen mitgerissen“, gibt Luisa Walter Einblicke in das damalige Innenleben des Teams.
Sie selbst ist, wie viele ihrer Teamkolleginnen, vor zehn Jahren neben dem Handball noch voll berufstätig. Als Bankbetriebswirtin in Ludwigsburg kann sie ihren Beruf mit den vier wöchentlichen Trainingseinheiten verbinden, mehr ist aber nicht drin. „Es gab ab und an auch noch die ein oder anderen zusätzlichen Vorbereitungseinheiten“, erinnert sich Luisa Walter, „da war ich aber wegen meines Jobs nie dabei“.
Hadzimuhamedovics professionelle Trainingskonzepte zahlen sich aus
Dass sie als ehemalige Oberliga-Spielerin trotzdem bis hinauf auf die große Bühne Bundesliga mithalten kann, führt sie vor allem auf das Training zurück. „Wir haben das Pensum zwar Jahr für Jahr etwas gesteigert, aber grundsätzlich gab es da gar keinen großen Unterschied.“ Warum auch? Trainer und A-Lizenz-Inhaber Emir Hadzimuhamedovic setzt von Anfang an auf professionell strukturierte Einheiten. Bereits in der Württembergliga trainiert die Sport-Union inhaltlich nahezu wie ein Erst- oder Zweitligist. Das macht es den Spielerinnen, die den Weg aus den niedrigeren Spielklasse mitgehen, später einfacher, sich an das Niveau in der nationalen Spitze anzupassen.
Das bemerkt auch der damalige Bundestrainer Michael Biegler, der Walter (gemeinsam mit Lena Hoffmann und später auch Selina Kalmbach) im November 2016 und im Frühjahr 2017 zu Regionallehrgängen der A-Nationalmannschaft einlädt. Ein Länderspiel bestreitet Neckarsulms Nummer 6 in dieser Zeit zwar nicht, doch vier Jahre nach ihrem Wechsel von Oberligist TV Pflugfelden ist Luisa Walter als Erstliga-Spielerin im erweiterten Kreis der Nationalmannschaft angekommen. „Ich habe damals gar nicht realisiert, was wir da eigentlich geschafft haben“, sagt sie heute über die Aufstiegssaison.
Neckarsulmer Tempospiel kommt Luisa Walter zugute
Sportlich sei ein solches Aufstiegs-Kunststück von der fünften bis hinauf in die erste Liga auch heute noch denkbar, mutmaßt Walter. „Dazu müssen aber der Unterbau da sein und parallel entsprechende Strukturen geschaffen werden. Und wir hatten damals mit Emir einen Trainer, der durch seine Zeit in Göppingen und Metzingen auch super viele Kontakte hatte.“
Dessen favorisierter Spielstil, aus einer stabilen Abwehr heraus mit viel Tempo umzuschalten, kommt Luisa Walter als schneller Außenspielerin entgegen. „Das Tempospiel war unsere Waffe, weil wir dafür die passenden Spielerinnen hatten“, sagt Emir Hadzimuhamedovic. „Wir haben eine super organisierte Erste und Zweite Welle oder Schnelle Mitte gespielt. Und wenn das nicht funktioniert hat, haben wir nach einem langen Kreuzen in der Zweiten Welle sogar häufig noch eine Dritte Welle gespielt“, gibt der Trainer Einblicke in seine damaligen taktischen Ideen.
Walter hält noch immer Kontakt zu ehemaligen Mitspielerinnen
„Es war eine wirklich coole Zeit“, sagt Luisa Walter ganz ohne Wehmut, denn das Familienleben hat bei ihr den Handball als Nummer eins längst abgelöst. Mit einer Handvoll ihrer ehemaligen Teamkolleginnen stehe sie aber immer noch in mehr oder weniger regelmäßigem Kontakt. Und ab und an schaue sie natürlich auch auf die Ergebnisse und die Tabelle der Handball-Bundesliga, um zu sehen, was ihre Nachfolgerinnen in Neckarsulm zehn Jahre später so treiben.
Diese haben schließlich ein Erstliga-Erbe zu bewahren, von dem im Sommer 2016 nicht einmal die späteren Erblasserinnen unbedingt geglaubt haben, dass es zehn Jahre später noch nahezu unverändert Bestand haben würde.
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