Zehn Jahre Bundesliga-Aufstieg der Sport-Union Neckarsulm − Kapitel 6: Es bewegt sich etwas
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Als Fans sind Winfried Vogt und Petra Oetzel im Neckarsulmer Aufstiegsjahr ganz nah dran und begleiten das Team im Mannschaftsbus durch die Republik. Auch die Anhänger trägt die Euphorie durch die Saison.
Winfried Vogt ist als ehemaliger Handballer und Neckarsulmer den Handballerinnen der Sport-Union seit Jahren eng verbunden.
Foto: Patrick Mohr
Früher war zwar nicht alles besser, aber doch vieles anders. Das wird schnell klar, wenn Winfried Vogt und Petra Oetzel ihre Blicke zehn Jahre zurückschweifen lassen. „Vor allem die Euphorie war in diesen Jahren riesig − anders als heute“, sagt Vogt, meint das mit Blick auf die sportlich derzeit sorglose Ausgangslage vor den Bundesliga-Playoffs aber gar nicht negativ. „Das lag einfach an der Entwicklung, dass der Handball in der Region (wieder) richtig höherklassig geworden ist.“
Den Schritt in die höchstmöglichen nationalen Höhen begleiten die beiden Fans in der Spielzeit 2015/2016 hautnah mit. „Nach vier oder fünf Spielen wuchs so langsam die Hoffnung, dass wir den Aufstieg in dieser Saison tatsächlich schaffen können. Einfach, weil wir bis dahin jeden Gegner dominiert hatten“, erinnert sich Winfried Vogt. Am vierten Spieltag übernehmen die Neckarsulmerinnen erstmals die Tabellenführung, nach dem fünften weist das Klassement zehn Punkte und bereits eine Tordifferenz von +44 auf. Anschließend ist der Aufstiegszug nicht mehr zu bremsen.
Als Teil der „Blauen Wand“ gehört Petra Oetzel (Mitte) zu den lautstärksten Unterstützerinnen der Mannschaft. Über ihren Handball-begeisterten Sohn findet sie einst zur Sport-Union.
Foto: Mario Berger
Alles beginnt mit einheitlichen T-Shirts in der Oberliga
Das erste Zweitliga-Jahr mit Tabellenplatz sieben sei noch mit einigen Niederlagen und regelmäßigen Blicken in die Abstiegszone verbunden gewesen, erinnert sich Vogt, bevor die Entwicklung bereits im zweiten, in dem die Sport-Union den Aufstieg als Tabellenvierter um drei Punkte verpasst, richtig Fahrt aufgenommen habe. „Das hat damals auch uns Fans einfach richtig viel Spaß gemacht“, sagt Petra Oetzel, und erzählt vom guten Miteinander mit den Protagonistinnen, aber auch den Fans, aus denen sich über die Aufstiegsjahre hinweg ein immer härterer Kern herauskristallisiert, der als loser Zusammenschluss bis heute die bei Spielen stets eifrig trommelnde Fan-Gruppe „Blaue Wand“ bildet.
Oetzel und Vogt zählen seit Jahren zum Kreis der treuesten Anhänger der Sport-Union Neckarsulm, sind Teil des großen ehrenamtlichen Helferteams bei Heimspielen und regelmäßig auch bei Auswärtsspielen in den Neckarsulmer Vereinsfarben gekleidet anzutreffen. Kurzum: Das Duo hat viel gesehen, viel miterlebt und in den ersten Erstliga-Jahren auch viel gezittert, wie beide inzwischen mit einem Lachen zugeben können. „Alles hat damit angefangen, dass die Mutter von Isabel Tissekker irgendwann in der Oberliga auf die Idee gekommen ist, einheitliche Shirts für uns zu organisieren“, erinnert sich Oetzel an die Anfänge der Neckarsulmer Fan-Gruppe. 15 bis 20 von ihnen sind der „Blauen Wand“ seit den Zweitliga-Jahren bis heute treu geblieben.
Viele positive Erinnerungen an Daniels, Vojtíšková und Co.
Häufig geht es seinerzeit im Mannschaftsbus gemeinsam mit dem Team auf Auswärtsfahrt. Baden-Württemberg-Duelle gegen den späteren Mitaufsteiger TV Nellingen, die TG Nürtingen oder die SG H2Ku Herrenberg haben schon damals einen besonderen Reiz. Auch die Albert-Loderer-Halle des TV Haunstetten, die Weststadthalle der HSG Bensheim/Auerbach, die Arena Trier oder die Sporthalle der Gustav-Stresemann-Wirtschaftsschule der FSG Mainz 05/Budenheim sind aus Neckarsulm im bis heute letzten Zweitliga-Jahr der Sport-Union keine Weltreise entfernt.
Mit dabei sind stets auch viele Familienmitglieder der Spielerinnen. „Denn es war ja eigentlich eine lokale Mannschaft mit vielen Spielerinnen aus dem Umkreis, die sich blind verstanden hat, weil viele von ihnen gemeinsam aus der B-Jugend kam. Und es gab nie mehr als zwei oder drei Neuzugänge pro Saison, was auch ein großer Unterschied ist zu heute“, sagt Winfried Vogt − „es war also genau das, was heute oftmals bemängelt wird“, ergänzt Petra Oetzel.
Rückblickend sei der Kader für Zweitliga-Verhältnisse schon überdurchschnittlich gut besetzt gewesen, sagt die Neckarsulmerin. Eine Spielmacherin vom Kaliber einer Maike Daniels habe man in der Ballei etwa bis auf die drei Jahre mit Lynn Knippenborg nicht mehr erlebt und auch Torjägerin Alena Vojtíšková sei in gewisser Weise überqualifiziert gewesen. „Die Mannschaft hat damals unglaublich viele schnelle Tore gemacht und ihre Gegner teilweise wirklich überrannt“, sagt Oetzel.
Saisonauftakt vor vollem Haus: Zum ersten Ligaspiel der Zweitliga-Saison 2015/2016 gegen die DJK/MJC Trier kommen 1000 Fans in die Ballei. Auch Petra Oezel ist damals mit dabei.
Foto: Mario Berger
Neckarsulm im Handball-Fieber: Besucherzahlen schnellen in die Höhe
Die vielen guten Spielerinnen (aus der Region), der sportliche Erfolg und die Aussicht auf Erstliga-Handball ziehen die Fans schließlich scharenweise in die Ballei, die zu Saisonbeginn und noch leihweise erstmals mit einer Videoleinwand aufwartet. 14.660 Zuschauer sehen in der Aufstiegssaison die insgesamt 15 Neckarsulmer Heimspiele; ein Durchschnitt von 977 Besuchern pro Spiel, der selbst zehn Jahre später noch mit Abstand der Top-Wert in der 2. Bundesliga wäre.
In der laufenden Saison führt derzeit die TG Nürtingen mit 874 Zuschauern pro Partie die ligaweite Rangliste vor dem HC Leipzig (625 Zuschauer) und dem HC Rödertal (532 Zuschauer) an. Als der Neckarsulmer Aufstieg im April 2016 dann gegen die Vulkan-Ladies Koblenz/Weibern ausgerechnet mit dem 50. Zweitliga-Sieg (im 85. Spiel) gelingt, sind gar 1260 Zuschauer dabei. Der Höhepunkt der sechsjährigen Gipfeltour ist erreicht.
Falsche Erwartungen und veränderte Erwartungshaltungen
„Heute ist die Erwartungshaltung der Fans höher“, hat Winfried Vogt festgestellt. Zehn Jahre Bundesliga-Handball und immer mehr auswärtige Fans haben ihre Spuren hinterlassen. „Aber wir sind als Fans im Frauen-Handball immer noch relativ nah dran“, weiß der 71-Jährige die Nahbarkeit und Bescheidenheit der meisten Spielerinnen zu schätzen. Das zeichne den Sport aus.
Die Euphorie des Erstliga-Aufstiegs ist Petra Oetzel und Winfried Vogt noch ebenso gut in Erinnerung, wie der furiose Saisonstart in der ersten Bundesliga-Spielzeit. Nach drei Spielen und Siegen gegen Top-Team HC Leipzig (33:30) sowie bei der HSG Blomberg-Lippe (24:21) ist die Sport-Union als Aufsteiger plötzlich Fünfter. „Da hat jeder erst einmal gedacht, dass es jetzt genauso weitergeht wie in den Jahren zuvor“, erinnert sich Vogt und lacht. Es kommt anders.
(Wahlabonnements und Dauerkarten sind übertragbar)
Vater und der Tochter begeistern Fans gleichermaßen
Bis zum Saisonende muss der Aufsteiger um den Klassenerhalt zittern; erst ein knapper 21:20-Erfolg beim TV Nellingen sichert der Mannschaft von Emir Hadzimuhamedovic am vorletzten Spieltag den Ligaverbleib. „Wir waren damals mit 300 Fans in Nellingen und haben ein Drittel der Halle vollgemacht“, erinnert sich Winfried Vogt lebhaft an eine besondere Derby-Atmosphäre. Es sind solche Momente, die dem ehemaligen Torhüter bei der Sportvereinigung Neckarsulm im Gedächtnis geblieben sind.
Rund um die einzige Drittliga-Spielzeit der SG Neckarsulm 1990/1991 − die geprägt ist von bis heute im Handball des Unterlands klingenden Namen wie Jürgen Kaufmann, dem Vater von Aufstiegs-Spielmacherin Svenja Kaufmann, Volker Häberlen oder Reiner Kazmeier − habe er nach seiner Studien- und Bundeswehr-Zeit wieder als Fan zum Handball gefunden, erzählt Vogt, und sei schließlich als Anhänger der erfolgreichen B-Juniorinnen gemeinsam mit einigen der Spielerinnen bei den Aktiven gelandet.
Während sich für ihn persönlich damit ein Kreis schließt, ist das Bundesliga-Kapitel für die Sport-Union zehn Jahre später noch immer weit aufgeschlagen. „Dass es mal zehn Jahre Erstliga-Handball in Neckarsulm geben würde? Das hätte ich nach dem Aufstieg niemals für möglich gehalten“, sagt Winfried Vogt − und bedauert seine Fehleinschätzung von damals überhaupt nicht.
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