Zehn Jahre Bundesliga-Aufstieg der Sport-Union Neckarsulm − Kapitel 5: Der Arzt, dem die Frauen vertrauen
Vor der Aufstiegssaison 2015/2016 wird Boris Brand Mannschaftsarzt der Sport-Union-Handballerinnen. Viel zu tun hat er im ersten Jahr trotz einer Langzeitpatientin allerdings nicht. In zehn Jahren ist im Frauen-Handball viel passiert − aus medizinischer Sicht trifft das jedoch nur bedingt zu.

Ihn als entscheidenden Faktor für den Aufstieg der Sport-Union Neckarsulm in die Bundesliga auszumachen, das wäre dann doch zu viel des Guten. Auch er selbst sieht das so. Vielmehr ist es eine Mischung aus Zufall und dem Streben nach Professionalisierung, die dazu führt, dass Boris Brand just zu Beginn der Zweitliga-Saison 2015/2016 auch ganz offiziell der Mannschaftsarzt der Neckarsulmer Handballerinnen wird.
Das Engagement des Facharztes für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin, der aus Sontheim stammt, in Weinberg wohnt und in Neckarsulm im MediCross-Zentrum praktiziert, ist eines dieser vielen (kleinen) Rädchen, das auf dem Weg in die Bundesliga und in den Jahren danach ineinandergreift − und ein Beispiel für die (seinerzeit) eng miteinander verbundene Neckarsulmer Sport-Familie. „Denn zu den Handballerinnen bin ich eigentlich nur über die Fußballer der Sport-Union gekommen, die ich schon seit 2010 als Mannschaftsarzt betreut habe“, erinnert sich Brand.
Aufbruchstimmung im Verein ist bis heute in Erinnerung geblieben
Dieses Miteinander ist dem heute 62-Jährigen zehn Jahre später besonders in Erinnerung geblieben: „Der gesamte Verein befand sich damals im Wachstum: Handball, Fußball, Tischtennis, Schwimmen, Rugby − überall herrschte eine richtige Aufbruchstimmung, eine Gemeinschaft und es gab ein sehr enges Miteinander zwischen den einzelnen Sparten.“ So ist es keine Frage, dass die Fußballer „ihren“ Mannschaftsarzt mit den Handballerinnen teilen.
Die drei Sommerneuzugänge der Sport-Union − Maike Daniels, Melanie Herrmann und Seline Ineichen −, die allesamt mit Erstliga-Erfahrung von Frisch Auf Göppingen zum Verein stoßen, werden letztlich zum fehlenden Puzzleteil im Aufstiegsplan. „Das war eine tolle Mischung aus Eigengewächsen und Hinzugeholten; davon hat das Ganze irgendwie gelebt“, erinnert sich Boris Brand.
Der Mannschaftsarzt wird zum Verhandlungsargument
Er selbst zieht im Jahr 2015 mit seiner Praxis in neue, bestens ausgestattete Räumlichkeiten um, womit nicht nur er bei Patienten, sondern bald auch die Sport-Union Neckarsulm bei potenziellen Neuzugängen wuchern kann. Die medizinische Rundum-sorglos-Versorgung, die Brand als Spezialist für Knie- und Schulterchirurgie und damit für genau jene neuralgischen Regionen, die besonders am Körper einer Handballerin zehren, anbieten kann, macht Eindruck − und soll zu einem Köder in Vertragsverhandlungen werden. So ist es in den folgenden Jahren in Neckarsulm nicht ungewöhnlich, dass neue Spielerinnen den Mannschaftsarzt vor ihren neuen Mitspielerinnen kennenlernen.

Neckarsulmer Feldspielerinnen kommen ohne größere Verletzungen durch die Saison
Aus medizinischer Seit ist die Spielzeit 2015/2016 der Sport-Union Neckarsulm eine überraschend ruhige. Selbst kleinere Blessuren sind absolute Ausnahmen. Das Trainerteam um Chef Emir Hadzimuhamedovic und seine Co-Trainer Sven Fischer und Edin Hadzimuhamedovic weiß die Intensität zu dosieren und kann sich angesichts des qualitativ ausgeglichenen Kaders und des anhaltenden Höhenflugs erlauben, Spielzeit zu verteilen. Physiotherapeutin Eva Odenwald behebt zudem kleinere muskuläre Wehwehchen.
Viermal in der Woche, jeweils abends von Montag bis Donnerstag, trainiert der Zweitligist in der Aufstiegssaison. Freitags ist frei, das hat Emir Hadzimuhamedovic bei einer seiner jährlichen Vertragsverlängerungen irgendwann zur Bedingung für die Fortsetzung seiner Arbeit gemacht. Denn der Trainer und Sportliche Leiter arbeitet, wie alle anderen, nebenher noch in Vollzeit. Doch Freitagsnachmittags drei Stunden lang im Feierabendverkehr aus Unterhausen nach Neckarsulm? Das ist für den nach stetiger Professionalisierung strebenden Trainer dann doch zu viel des Guten.
Als plötzlich die Torhüterinnen-Trainerin reaktiviert wird
Einzig auf der Torhüterinnen-Position herrscht zu Beginn der Rückrunde ein Engpass. Denn Celia Schneider laboriert während der gesamten Spielzeit an einem mehrfach operierten Kreuzbandriss, zu dem sich zu allem Überfluss noch langanhaltende Meniskusprobleme gesellen. Deswegen steht die Schweizerin, die Jahre später eine Garantin für den Aufstieg der Zweiten Mannschaft der Sport-Union in die Regionalliga werden wird, im Aufstiegsjahr überhaupt nicht zwischen den Pfosten. Dort wechseln sich stattdessen Melanie Herrmann und Katrin Rüttinger ab.
Als Herrmann dann im Frühjahr 2016 sieben Partien aufgrund eines Schambeinsehnenrisses verpasst, ist die Not groß und Torhüterinnen-Trainerin Susanne Anker, von 2010 bis 2013 selbst noch Spielerin für die Sport-Union, nimmt pro forma Herrmanns Platz auf dem Spielberichtsbogen ein. Zum Einsatz kommt die damals 42-Jährige allerdings nicht.
Arzt, Psychologe, Vermittler: Die verschiedenen Rollen des Boris Brand
Gerade bei langwierigen Verletzungen ist Boris Brand nicht nur als Arzt, sondern auch als Psychologe gefragt. „Für Spielerinnen ist es wichtig, zu wissen, dass da jemand ist, der sich auskennt, der ein offenes Ohr hat und ihnen bei Bedarf beratend zur Seite steht“, erklärt er. Als Mannschaftsarzt ist Brand Vertrauensperson. Für die Spielerinnen wie für die Trainer. Eine gute Beziehung zu beiden Seiten ist daher essenziell. „Deswegen mache ich das bis heute ehrenamtlich; so habe ich keinem eine Verpflichtung gegenüber. Denn irgendwann ist ein Sportler nämlich auch Patient und hat entsprechende Patientenrechte.“
In solchen Fällen gilt es, im Spannungsfeld der Interessen von Sportlern, Trainern und Vereinsverantwortlichen die richtigen Entscheidungen zu treffen, manchmal auch zu vermitteln, und dabei seine ärztlichen Pflichten nicht außer Acht zu lassen. So könnte ein verfrühtes Comeback dem Trainer etwa kurzfristig helfen, der Spielerin aber langfristig schaden. „Aber ich mache es natürlich auch, weil es Spaß macht und ich ein bisschen verrückt bin“, sagt der Facharzt, der als Sportmediziner unter anderem auch im Eishockey (EHC Straubing/Bietigheim Steelers/Deutscher Eishockey-Bund) und American Football (Schwäbisch Hall Unicorns) ein gefragter (Fach-)Mann ist, mit einem Grinsen.
„Wenn du keine Begeisterung hast, kannst du das gar nicht machen“
Anders als in den kontaktreichen US-Sportarten ist Brands Expertise während Handball-Spielen damals wie heute nur selten gefragt und die Anwesenheit eines Mannschaftsarztes laut Regularien auch nicht verpflichtend. „Deswegen kann ich es mir da auch erlauben, zu 90 Prozent Fan zu sein. Wenn du keine Begeisterung für den Sport hast, kannst du das in dieser Form auch gar nicht machen.“ Seine Hauptarbeit als Mannschaftsarzt finde ohnehin von Montag bis Freitag statt: Untersuchungen, Kernspin, Physiotherapie, OP-Termine organisieren, der Austausch mit Kollegen und Experten, auch das gehört dazu. Damals wie heute.
Auch sonst habe sich im Vergleich zu 2015 oder 2016 aus medizinischer Sicht gar nicht allzu viel verändert. „Das hat damit zu tun, dass auf diesem Niveau ja bereits eine Art positive Selektion stattgefunden hat“, sagt Brand. Will heißen: Wer es bis in die Bundesliga (oder kurz davor) geschafft hat, weiß für gewöhnlich längst um seine persönliche Verantwortung für Körper und Geist.
Mannschaftsarzt erkennt keine Zunahme von Sportverletzungen
Auch eine Zunahme von akuten Verletzungen oder Überlastungen kann der Mannschaftsarzt trotz der erhöhten Intensität und des gestiegenen Tempos im Frauen-Handball nicht feststellen, schließlich hätten sich zugleich die Trainingsqualität und -quantität wie auch die Verletzungsprophylaxe verbessert. Eine Entwicklung sieht Boris Brand hingegen bei der Fitness der Sportlerinnen. „Ich habe das Gefühl, dass die Spielerinnen heute austrainierter und, wie auch alles andere drumherum, professioneller geworden sind.“
Dass sich die Sport-Union zehn Jahre später noch immer ununterbrochen in der Erstklassigkeit hat halten können, sei damals nicht absehbar gewesen, sagt Brand − obwohl schon damals klar gewesen sei, dass man im Frauen-Handball mit dem vorhandenen Budget zu größeren Sprüngen ansetzten könnte als in anderen Sportarten. „Es ist schön, dass der Handball in Neckarsulm zeigen konnte, dass er keine Eintagsfliege ist.“
Meisterschaften werden auch im Kopf entschieden
Was Boris Brand zehn Jahre später nicht mehr bewusst ist, ihn im Rückblick aber auch nicht überrascht, ist die Charakterstärke, die die Aufstiegsmannschaft auszeichnet. Denn klare Ziele zu formulieren, fällt vor der Spielzeit niemandem schwer: bis auf wenige Ausnahmen geht es nach den Saisonplatzierungen sieben und vier in den beiden vorangegangenen Zweitliga-Spielzeiten bei fast allen Spielerinnen einzig und allein um den Aufstieg.
Das Selbstbewusstsein dafür, lebt Trainer Emir Hadzimuhamedovic vor. „Wir haben uns vor der Saison immer hingesetzt, die Ziele gemeinsam formuliert und die Messlatte dann auch immer super hoch gehalten“, erzählt Hadzimuhamedovic. „Ich war auch immer der Überzeugung, dass du hohe Ziele brauchst und die auch aussprechen musst.“ Mit dem Mannschaftsarzt ist der Trainer dabei auf einer Wellenlänge. „Ich finde es gut, wenn man sich offen zu seinen Zielen bekennt“, betont Boris Brand. „Das schweißt zusammen und ist auch sportpsychologisch wichtig.“ Meisterschaften werden eben nicht nur auf der Platte, sondern auch im Kopf entschieden.
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare