Zehn Jahre Bundesliga-Aufstieg der Sport-Union Neckarsulm − Kapitel 3: Fördern durch fordern
Als Spielführerin und sichere Siebenmeter-Schützin weiß Hannah Breitinger im Aufstiegsjahr mit Druck umzugehen. Doch auch ihr guter Draht zu Trainer Emir Hadzimuhamedovic trägt zum Bundesliga-Aufstieg der Sport-Union Neckarsulm bei: „Ich wusste, was er erwartet − und was nicht.“

Keine Frage, „natürlich“ ist Hannah Breitinger gerne auch zehn Jahre später bereit, um noch einmal auf das zurückzublicken, was sie in der Retrospektive als „wahnsinnig harte Arbeit“, aber auch „wahnsinnig viel Spaß“ beschreibt. Die sportlichen Lasten tragen bei der Sport-Union Neckarsulm auf dem Feld längst andere, doch ihre Rolle als Spielführerin und damit auch Sprachrohr der Bundesliga-Aufstiegsmannschaft, die wird Hannah Breitinger nun einmal in diesem Leben nicht mehr los.
Das Ende der Spielzeit 2015/2016 markiert den Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte zwischen Trainer Emir Hadzimuhamedovic und der damals 27-Jährigen, die fünf Jahre zuvor begonnen hat. Als Breitinger 2011 von ihrem Auslandsjahr während des Studiums in Spanien zurückkehrt, muss sie nicht lange überlegen, als Hadzimuhamedovic sie nach ihren handballerischen Zukunftsplänen fragt. „Er hat mich damals von seinem Konzept überzeugt. Ohne Emir wäre ich nicht nach Neckarsulm in die vierte Liga gegangen“, gibt Breitinger, die seinerzeit auf der iberischen Halbinsel bei BM Murcia Erstliga-Handball spielt, ehrlich zu.
Es ist das zweite Mal, dass der Trainer bei der Linksaußen anklopft, nachdem er sie bereits 2008 von Drittligist TS Ottersweier zu Frisch Auf Göppingen gelotst hatte. „Ich wusste daher, dass er extrem ehrgeizig und immer offen und gerade heraus ist − anders geht es aber im Leistungssport auch nicht und das haben wir gerade in der Aufstiegssaison mit unserer Einstellung und unserem Trainingsfleiß auch wirklich alle verkörpert.“
Die Mischung macht’s: Mit Unbeschwertheit und Erfahrung nach oben
Emir Hadzimuhamedovic gelingt es, Typen und Charaktere passgenau zu einer Einheit zusammenzustellen. „Wir sind damals nicht nur von den Mädels, sondern auch vom Neckarsulmer Umfeld mit den vielen Eltern wahnsinnig gut aufgenommen worden“, erinnert sich Breitinger. Während die älteren ihre Erfahrung weitergeben und Ruhe ausstrahlen, sorgen die jungen Spielerinnen im Kader mit reichlich Druck dafür, dass sich auch im Angesicht des sich früh einstellenden Dauer-Erfolgs niemand der Etablierten ausruhen kann. Die Mischung macht’s − und sie passt.
„In der vierten und dritten Liga waren die Leistungsunterschiede zu den anderen Mannschaften deswegen schon deutlich spürbar, wir waren qualitativ und mit unserer super Mischung aus jungen Talenten und höherklassig erfahrenen Spielerinnen einfach sehr gut besetzt“, sagt Hannah Breitinger. „Dass wir dort aufsteigen, hat man deswegen in gewisser Weise auch von uns erwartet.“
In der zweiten Liga ändert sich die Erwartungshaltung dann erst im dritten Jahr. Nach Platz sieben und Rang vier ist vor der Saison 2015/2016 aber klar: Der nächste Schritt soll in die Bundesliga führen. „Alles andere wäre ja auch albern und Augenwischerei gewesen, schließlich hatten wir im zweiten Zweitliga-Jahr schon gemerkt, dass wir nicht mehr weit von der Spitze weg sind“, sagt Breitinger. „Und dieses gemeinsame Ziel hat uns dann auch extrem zusammengeschweißt: Wir mussten gar nicht für irgendjemand anderen gewinnen, sondern wir wollten unbedingt für uns selbst gewinnen.“
Trainer-Flüsterin Breitinger erweist sich als gutes Bindeglied
Eingeimpft hat der Mannschaft diese Haltung in den Jahren zuvor ihr Trainer. Fördern durch fordern lautet die Maxime von Emir Hadzimuhamedovic: 100 Prozent. Jeden Tag. „Im Training ging es bei uns deswegen immer rund. Schon das Aufwärmspiel wollte niemand verlieren“, erinnert sich Breitinger. „Und Emir konnte dementsprechend auch schonmal lauter oder böse werden, wenn die Einstellung nicht gestimmt hat.“ Dann ist die heute 38-Jährige hin und wieder als Vermittlerin gefragt. „Ich kannte ihn ja schon lange und wusste, was er erwartet − und was nicht.“
Es ist einer der Gründe, warum Emir Hadzimuhamedovic Hannah Breitinger zu seiner Spielführerin macht. „Ich bin da so ein bisschen reingewachsen, weil ich mit ihm immer auf Augenhöhe sprechen konnte. Emir konnte durchaus auch autoritär sein, womit aber nicht jeder umgehen konnte“, erinnert sich die Rechtshänderin, die dank ihrer 50 Siebenmeter-Treffer zweitbeste Neckarsulmer Torschützin im Aufstiegsjahr ist. Als gutes Bindeglied zwischen Trainer(-Team) und Mannschaft pflegt sie einen steten Austausch mit dem Cheftrainer und weiß, kritische Stimmen aus der Mannschaft gekonnt an- und unterzubringen. Hadzimuhamedovic weiß das zu schätzen und schenkt der Mannschaft (über seine Spielführerin) viel Vertrauen. Auch dieses trägt das Team durch die Aufstiegssaison.
Der Stolz und die Aufstiegserinnerungen sind geblieben
Als der Sprung nach ganz oben dann am 9. April 2016 durch den 38:20-Kantersieg gegen die Vulkan-Ladies Koblenz/Weibern perfekt ist, spürt Hannah Breitinger eine gewisse Erleichterung, wie sie auch zehn Jahre später noch weiß. „Es war zwar ein sehr souveräner Aufstieg, doch der Druck nimmt dann doch zu, je länger eine solche Saison geht.“ Gewinnen wollen statt gewinnen müssen hin oder her.
Umso mehr freut sie es, „dass die Vision funktioniert hat. Obwohl ich ja gar nicht mehr dabei bin, bin ich wahnsinnig stolz, dass es Bundesliga-Handball in Neckarsulm noch gibt und die Sport-Union dort auch konstant geblieben ist. Das zeigt, dass es offensichtlich ein sehr nachhaltiges Projekt geworden ist und dass sich das viele Herzblut, das die Spielerinnen und alle um den Verein dort investiert haben, ausgezahlt hat.“
Dem Verein fühle sie sich auch acht Jahre nach ihrem Karriereende im Unterland noch immer verbunden. „Es war schließlich eine besondere Zeit, in der ich echte Freundinnen gewonnen habe. Wir haben zwar später in der Bundesliga auch furchtbar bittere Niederlagen erlitten, aber die gehören in einer Sportler-Karriere dazu. Die Zeit in der ersten Liga war toll, aber die Aufstiege nach oben, die waren eben doch besonders.“
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