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Zehn Jahre Bundesliga-Aufstieg der Sport-Union Neckarsulm − Kapitel 2: Eine neue Hoffnung

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Schon bevor er seine Arbeit in Neckarsulm überhaupt aufnimmt, ist die Verpflichtung von Emir Hadzimuhamedovic ein Coup: Als Retter des VfL Sindelfingen in der Bundesliga wechselt der Trainer 2010 in die fünftklassige Württembergliga. Sechs Jahre später ist er zurück in der Erstklassigkeit.

Ist inzwischen begeisterter Fahrradfahrer und deutlich häufiger auf dem Rad als in einer Sporthalle anzutreffen: Aufstiegstrainer Emir Hadzimuhamedovic.
Ist inzwischen begeisterter Fahrradfahrer und deutlich häufiger auf dem Rad als in einer Sporthalle anzutreffen: Aufstiegstrainer Emir Hadzimuhamedovic.  Foto: privat

Es gibt Zustände, die mag Emir Hadzimuhamedovic überhaupt nicht. Plan- und Ziellosigkeit gehören dazu. Dinge dem Zufall zu überlassen ebenfalls. Weil all das auch nicht zu Rolf Härdtners Naturell zählt, sind der Trainer und der Vereinsvorsitzende der Sport-Union im Frühjahr 2010 schnell auf einer Wellenlänge. Als Hadzimuhamedovic in Neckarsulm als Trainer und Sportlicher Leiter anfängt, reizt ihn das Projekt: „Mir macht es mit einer zusammengekauften Truppe keinen Spaß. Ich wollte stattdessen mit den jungen Spielerinnen etwas aufbauen.“

Nicht nur an die Aufstiegssaison 2015/2016, an seine gesamten acht Jahre in Neckarsulm erinnert sich der inzwischen 56-Jährige als hätten sie gestern erst ihren Anfang genommen. „Das ist ja irgendwie mein Kind. Ich kann nichts davon vergessen, sondern habe das alles noch vor Augen“, sagt Emir Hadzimuhamedovic und lacht. „Ich habe diese Entwicklung damals richtig genossen. Es hat einen riesen Spaß gemacht zu sehen, wie aus einer total unbedeutenden Mannschaft ein Vorzeige-Team geworden ist. Diese Entwicklung hat uns von Jahr zu Jahr stärker gemacht.“

Neustart bei null: Hadzimuhamedovic leistet Aufbauarbeit

Von jener Stärke ist allerdings bei Hadzimuhamedovics Amtsantritt vor 16 Jahren noch nichts zu spüren oder gar zu sehen. Stattdessen liegt der Frauen-Handball in Neckarsulm am Boden; Ziele und Perspektiven fehlen ebenso wie ambitionierte Spielerinnen.

Hadzimuhamedovic, als Spielmacher einst selbst taktisch versierter Strippenzieher im Rückraum, lässt daher seine Kontakte spielen. Einerseits führt er die talentiertesten B-Juniorinnen des Vereins in seiner ersten Saison an den Aktiven-Handball heran, andererseits ergänzt er den bestehenden Neckarsulmer Kader in den folgenden Jahren immer wieder mit externen, Bundesliga-erfahrenen Neuzugängen, die der jungen Mannschaft Stabilität verleihen.

Klares Ziel, klare Vorgaben: Emir Hadzimuhamedovic führt die Sport-Union Neckarsulm 2015/2016 in die Bundesliga.
Klares Ziel, klare Vorgaben: Emir Hadzimuhamedovic führt die Sport-Union Neckarsulm 2015/2016 in die Bundesliga.  Foto: Veigel, Andreas

Verstärkungen aus Göppingen und Sindelfingen ergänzen Kader

Den Anfang machen 2010 Femke Mädger, Martina Fritz und Nicola Freudemann, mit denen Hadzimuhamedovic in Göppingen und Sindelfingen zusammengearbeitet hat; 2011 sind es die späteren Bundesliga-Aufsteigerinnen Hannah Breitinger und Kathrin Fischer, die der Coach nach einer gemeinsamen Vergangenheit ins Unterland lotst und mit denen er umgehend in die Oberliga aufsteigt. Im selben Jahr werden die B-Juniorinnen der Sport-Union, die parallel bereits Württembergliga-Luft schnuppern, deutsche Meisterinnen. „Diese Kombination hat uns damals schon richtig Schwung gebracht“, sagt Emir Hadzimuhamedovic in der Rückschau.

2012 stoßen dann Luisa Gerber und Lena Hoffmann zum Team. Vor allem Hoffmanns Verpflichtung ist ein Fingerzeig des Drittliga-Aufsteigers. Die damals 21-Jährige gilt seinerzeit als größtes Talent der Region, bei dem es Hadzimuhamedovic gelingt, es trotz Angebote anderer Vereine im Unterland zu halten. 2013 und 2014 sind es die ehemaligen Göppingerinnen Celia Schneider und Alena Vojtíšková, die den Weg nach Neckarsulm finden, bevor zu Beginn der Aufstiegssaison 2015 in Maike Daniels, Melanie Herrmann und Seline Ineichen drei weitere FAG-Spielerinnen die Seiten wechseln. Breitinger, Fritz, Schneider und Vojtíšková hatten 2010 noch gemeinsam im Frisch-Auf-Trikot das EHF Challenge-Cup-Finale bestritten, „opfern“ das internationale Parkett später aber für das Aufstiegsprojekt bei der Sport-Union.

Aufstrebendes Neckarsulmer Handball-Projekt spricht sich herum

Da muss Hadzimuhamedovic auch längst nicht mehr jede Klinke sorgsam selbst putzen. „Wir waren auf einmal in, Handball in Neckarsulm war plötzlich angesagt“, erinnert sich der Aufstiegstrainer. Deswegen klopfen Spielerinnen nun auch bei ihm an, um in Neckarsulm zu spielen. Das ambitionierte Handball-Projekt im Unterland spricht sich herum.

„Martina Fritz hat für uns in Göppingen extrem Werbung gemacht“, erinnert sich der Trainer, „und die Spielerinnen kennen sich ja auch alle untereinander. So hatten wir im Aufstiegsjahr eine kompakte Truppe zusammen und sind ohne Sorgen in die Saison gegangen. Wir wussten, dass wir eine sehr starke Zweitliga-Mannschaft haben und ich hatte schon vor der Saison das Gefühl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um anzugreifen.“

Immer auswärts: Emir Hadzimuhamedovic fährt 1000 Kilometer in der Woche

Die fünfjährigen Vorarbeiten führen jedoch nicht nur aufgrund guter Personalentscheidungen zum Erfolg, sondern auch deswegen, weil Emir Hadzimuhamedovic und sein Trainerteam von Anfang an ungewohnt hohe Maßstäbe anlegen. „Ich habe viel verlangt, aber auch gerne gelobt und korrigiert. Wichtig war dabei immer das Leistungsprinzip, weil Frauen extrem feinfühlig sind.“ Eine Frauen-Mannschaft funktioniere schlicht nicht, sofern Regeln und Erwartungen allzu flexibel gehandhabt würden. Entsprechend hat nur wer beim qualitativ anspruchsvollen Training mitzieht, am Wochenende eine Einsatzchance. 

„Dabei war ja eigentlich jedes Training und jedes Heimspiel für mich auch ein Auswärtsspiel“, sagt Emir Hadzimuhamedovic und lacht angesichts der 200 Kilometer, die er in dieser Zeit bis zu fünfmal in der Woche zwischen seinem Wohnort Unterhausen, seiner Arbeitsstelle in Reutlingen und dem Pichterich zurücklegt. „Das war alles schon sehr anstrengend und es hat mir deshalb extrem geholfen, dass ich auf gute Leute setzen konnte.“ Seine Co-Trainer Sven Fischer und Edin Hadzimuhamedovic leiten eine Einheit pro Woche ohne den Cheftrainer, um ihn zu entlasten. Bruder Edin kümmert sich zudem noch um das Sponsoring und den Austausch mit einzelnen Spielerinnen während der Spiele, Sven Fischer ist für Athletik- und Einzeltraining zuständig, Susanne Anker arbeitet mit den Torhüterinnen.

Saisonstart mit elf Siegen als Basis für den Sprung in die Bundesliga

Dass alle Spielerinnen aus einem Umkreis von rund 80 Kilometern um Neckarsulm herum stammen oder aus jenem Einzugsgebiet zur Sport-Union gewechselt sind, macht den Zweitligisten besonders. „Das war wirklich toll, denn im Prinzip waren das alles einheimische Stars. Und die Mädels aus Neckarsulm waren extrem ehrgeizig und haben schnell gemerkt, dass von außen Spielerinnen hinzukommen, die ihnen auf dem Weg nach oben helfen und dabei auch charakterlich einwandfrei sind. Das waren alles Power-Frauen mit Charakter, von denen die Zeit in Neckarsulm für viele der absolute Höhepunkt ihrer Handball-Karriere war. Und nur mit solchen Spielerinnen gewinnst du knappe Spiele.“

Mit allzu vielen Partien dieser Art bekommt es die Sport-Union Neckarsulm im Aufstiegsjahr aber gar nicht zu tun. Es dauert ohnehin erst einmal bis zum zwölften Spieltag, ehe der HC Rödertal durch ein 24:24 als erste Mannschaft in der Saison den Neckarsulmerinnen überhaupt einen Punkt abluchsen kann. Am 14. (TV Nellingen, 32:32) und 30. und letzten Spieltag (TV Beyeröhde, 36:36) remisiert die Sport-Union in der Fremde ebenfalls noch, zu Hause gegen die HSG Bensheim/Auerbach (23:26, 19. Spieltag) und beim SV Werder Bremen (28:36, 23. Spieltag) kassiert das Hadzimuhamedovic-Team seine einzigen beiden Saisonniederlagen.

Fehlende Freude ist für Hadzimuhamedovic der beste Aufstiegsindikator

30 Spiele, 25 Siege, drei Unentschieden und zwei Niederlagen lautet die Bilanz im Aufstiegsjahr. Im DHB-Pokal muss man sich erst im Viertelfinale dem Erstligisten HSG Blomberg-Lippe mit 22:28 geschlagen geben. Zwischen einem 23:26 am 28. März 2015 gegen den TV Beyeröhde und dem gleichen Ergebnis am 13. Februar 2016 gegen die HSG Bensheim/Auerbach ist die Sport-Union saisonübergreifend 20 Zweitliga-Spiele ungeschlagen. „Wir sind in dieser Aufstiegssaison oft über uns hinausgewachsen. Dadurch ist eine Power entstanden und wir waren dann nicht mehr zu bremsen“, erinnert sich Hadzimuhamedovic.

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Fünf Spiele vor dem Saisonende macht die Sport-Union den Aufstieg am 9. April 2016 gegen die Vulkan-Ladies Koblenz/Weibern schließlich perfekt. Das 38:20 ist vor 1260 Zuschauern in der Ballei ein reines Schaulaufen und der Auftakt zu einem langen Feiermarathon. „Irgendwann in so einer Saison kommt der Punkt, an dem sich eine Mannschaft nicht mehr über einzelne Siege freut, sondern direkt nach einem Spiel nach vorne auf das nächste schaut. Dieser Punkt war relativ schnell da und von da an wusste ich, dass wir es schaffen können“, verrät Emir Hadzimuhamedovic, der vor zehn Jahren jedoch von Woche zu Woche gemahnt und beschwichtigt hatte. Sicher ist sicher.

Traumhaftes Bundesliga-Debüt ist in Erinnerung geblieben

Besonders in Erinnerung geblieben ist dem Trainer allerdings nicht etwa das entscheidende Aufstiegsspiel oder ein anderer Moment der so erfolgreichen Zweitliga-Spielzeit, sondern der erste Auftritt fünf Monate später in der Bundesliga. Als am 14. September 2016 Trainer Norman Rentsch mit seinem amtierenden DHB-Pokal-Sieger HC Leipzig, der mit den Nationalspielerinnen Karolina Kudłacz-Gloc, Katja Kramarczyk, Anne Hubinger und der späteren Neckarsulmerin Luisa Schulze vier Tage zuvor die Qualifikation für die Champions League perfekt gemacht hat, in der Ballei gastiert und mit 33:30 wieder nach Hause geschickt wird, ist die Sport-Union Neckarsulm endgültig in der ersten Liga angekommen. „Eigentlich hatten wir gar keine Chance, sind an dem Abend aber über uns hinausgewachsen“, sagt Emir Hadzimuhamedovic. Wie so häufig in den sechs Jahren zuvor.

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