Zehn Jahre Bundesliga-Aufstieg der Sport-Union Neckarsulm − Kapitel 1: Der Anruf
Als der Frauen-Handball in Neckarsulm 2010 am Boden liegt, greift Vereinschef Rolf Härdtner höchstpersönlich zum Telefon und tätigt einen folgenschweren Anruf. Wie der Bundesliga-Aufstieg in der Württembergliga seinen Anfang nahm.

„Wer? Welcher Verein? Und vor allem: Welche Liga?“ Emir Hadzimuhamedovic muss im Frühsommer 2010 dreimal nachfragen, wen er denn da eigentlich gerade am anderen Ende der Telefonleitung hat und was genau der Anrufer vom A-Lizenz-Inhaber möchte. So jedenfalls erinnert sich der 56-Jährige 16 Jahre später an das allererste Telefonat mit Rolf Härdtner, das den Stein für den Aufstieg in die Bundesliga sechs Jahre später ins Rollen bringen sollte.
Der Neckarsulmer Vereinschef selbst erinnert sich ebenfalls noch gut und mit einem Lachen an seinen Griff zum Telefonhörer. „Er hat sich das alles angehört und es für verrückt gehalten. Dann war er aber zu einem Gespräch bereit und danach von der verrückten Idee begeistert.“ Rolf Härdtner nennt es „zwei Glückszustände“, die damals zusammenkommen, und Emir Hadzimuhamedovic, den späteren Aufstiegstrainer, ins Unterland führen.
Zeitungslektüre hat noch nie geschadet
Der Erste: „Ich hatte zufällig in der ‚Stuttgarter Zeitung‘ gelesen, dass Emir als Trainer beim VfL Sindelfingen aufgehört hat, weil ihm dort alles mit zu viel Aufwand verbunden war und er wegen seines Berufs und der Familie kürzertreten wollte. In dem Moment ließt du das und weißt: Das musst du machen.“
Schließlich ist die Not im Neckarsulmer Frauen-Handball damals mindestens genauso groß wie das Kommen und Gehen und das damit verbundene Chaos. Im Frühjahr 2009 verpasst die damalige SG Neckarsulm nach ihrer bis dahin erfolgreichsten Saison der Vereinsgeschichte als Vizemeister der Württembergliga um Haaresbreite den anvisierten Aufstieg in die Oberliga; nach internen Querelen trennen sich Verein und Trainer Detlef Deininger nach anderthalb Jahren wieder.

Zurück bliebt ein personell ausgeblutetes Team, das als Abstiegskandidat Nummer eins gilt, von Deininger-Nachfolger Stefan Arnold jedoch mit Mühe und Not in der fünftklassigen Württembergliga gehalten wird. Doch es fehlt auch ein Jahr später noch die Perspektive; die Mannschaft soll vom Spielbetrieb abgemeldet werden.
Rolf Härdtner interveniert: „Hey, Freunde, so nicht!“
„Wir aus dem Vorstand wollten uns eigentlich nie intensiver in die Angelegenheiten der jeweiligen Abteilungen einmischen“, erinnert sich Rolf Härdtner, „aber als die Abmeldung der Mannschaft im Raum stand, habe ich gesagt: ‚Hey, Freunde, so nicht!‘“ Es ist dem damaligen wie heutigen Vorstandsvorsitzenden ein Anliegen, Ruhe und Kontinuität in den Württembergligisten zu bekommen und zugleich den hochtalentierten B-Jugend-Spielerinnen des Vereins eine attraktive sportliche Perspektive bei den Aktiven zu bieten. „Deswegen habe ich den Abteilungsverantwortlichen gesagt: ‚Ich habe eine Idee. Gebt mir vier Wochen Zeit und lasst mich machen.‘“
Längst hat sich zu diesem Zeitpunkt der zweite „Glückszustand“ eingestellt: Emir Hadzimuhamedovics jüngerer Bruder Edin ist in der gerade zu Ende gegangenen Saison 2009/2010 noch Spielertrainer bei der Männer-Mannschaft der Sport-Union und weiß um die Situation seines älteren Bruders. Der hat zwar Abstiegskandidat VfL Sindelfingen im Frühjahr 2010 in einer schier aussichtslosen Lage noch in der Bundesliga gehalten, möchte aber eben aus familiären Gründen kürzertreten. „Ich hatte damals gerade ein Haus gebaut und wollte einfach nicht mehr den großen Zeitaufwand eines Bundesligisten haben“, blickt Hadzimuhamedovic zurück. Dann klingelt sein Telefon.
Gesucht: Ein handballerisches Aushängeschild für das Unterland
„Der Anruf kam eines Tages aus dem Nichts“, erinnert sich Hadzimuhamedovic. „Ich konnte es eigentlich gar nicht richtig glauben, dass da ein Württembergligist ein Angebot für mich abgeben wollte.“ Doch Rolf Härdtner ist hartnäckig und begeistert den Bundesliga-Trainer mit einem Konzept und einem spannenden Projekt. Von Bundesliga-Handball ist aber noch keine Rede. „Wir wollten damals nicht in die erste Liga“, sagt Hadzimuhamedovic. „Rolf Härdtner wollte damals vor allem ein handballerisches Aushängeschild für das Unterland schaffen.“ Dazu muss jedoch ein Neustart her.
Von 2004 bis 2007 hat Emir Hadzimuhamedovic bei Zweitligist TuS Metzingen schon einmal erfolgreich einen Umbruch moderiert. Der sportlich langersehnte Aufstieg in die Bundesliga wird 2007 jedoch am Grünen Tisch des Deutschen Handballbundes wieder einkassiert. Die „Causa Artschwager“ ist damals in aller Munde, nachdem es die „TusSies“ mit Pass und Spielberechtigung der just 18 Jahre alt gewordenen Nachwuchsspielerin Anna-Lena Artschwager, Tochter des späteren HVW-Präsidenten Hans Artschwager, nicht ganz so genau genommen haben. Der DHB bleibt hart, die Metzingerinnen vorerst in der zweiten Liga.
Emir Hadzimuhamedovic bekommt sofort freie Hand
Hadzimuhamedovic zieht es anschließend für zwei Jahre zu Frisch Auf Göppingen, wo er im ersten Jahr als Zweitliga-Meister erstmals in die Bundesliga aufsteigt und sich im Folgejahr für den EHF Challenge Cup qualifiziert. Danach konzentriert sich der gebürtige Bosnier auf die Erlangung seiner A-Lizenz und legt eine Handballpause ein, bevor er als 40-jähriger Feuerwehrmann im Februar 2010 bei Bundesligist VfL Sindelfingen übernimmt und den Verein für Leibesübungen noch in der Liga hält.
Eine andere Welt ist das im Vergleich zur fünftklassigen Württembergliga und den Neckarsulmer Amateuren, die auf wie neben der Platte schaffig, aber eben auch ziellos herumwurschteln. „Aber Emir hatte Gefallen an dem Projekt gefunden und war sogar relativ früh davon überzeugt, mit drei Neuzugängen in die Oberliga aufsteigen zu können. Und wir haben ihm dabei dann auch absolut freie Hand gegeben. Denn wir selbst hatten ja keine Ahnung und keine Kontakte. Und sonst war niemand da, der es hätte machen können“, erinnert sich Rolf Härdtner. Es ist der Anfang der bis heute andauernden Erfolgsgeschichte.
Viel später, im Sommer 2017, als der Vereinschef Hadzimuhamedovic mit einem neuen Drei-Jahres-Vertrag als Trainer und Sportlicher Leiter ausstattet, weiß er: „Wir sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Wenn es schiefgeht, müssen wir sicher beide abtreten.“ Es geht schief. Hadzimuhamedovic geht nur ein Jahr später. Härdtner hingegen lenkt die Vereinsgeschicke noch immer.
Hoch-, aber nicht überambitioniert geht es in die Saison 2015/2016
2017 ist die Sport-Union jedoch bereits in der ersten Liga angekommen. „In den Blick genommen hatten wir den Aufstieg aber eigentlich erst, als sich im zweiten Zweitliga-Jahr abgezeichnet hatte, dass das tatsächlich möglich ist“, sagt Rolf Härdtner. Hoch-, aber nicht überambitioniert ist daher die Herangehensweise im Aufstiegsjahr 2015/2016. Denn Spiele in den Amateurligen gegen den SV Allensbach und den TV Nellingen II hat der heute 83 Jahre alte Bäckermeister nicht vergessen.
„Ich habe damals bei einem Spiel gegen die Nellinger Zweite zu Emir gesagt, dass ich in Zukunft irgendwann einmal gerne gegen deren Erste Mannschaft spielen würde, denn die waren lange so etwas wie unser großes Vorbild. Darüber haben wir Jahre später noch gelacht“, erzählt Rolf Härdtner schelmisch. 2016 steigen Sport-Union und TV Nellingen I gemeinsam in die Bundesliga auf.
Der Verein für die ganze Familie: Sport-Union punktet mit Softskills
Anders als der TVN, der nach drei Erstliga-Jahren keine Lizenz mehr beantragt, in die 3. Liga absteigen muss und inzwischen gar keine Aktiven-Mannschaft mehr im Spielbetrieb gemeldet hat, ist die Sport-Union längst ein etabliertes Mitglied der deutschen Beletage − „auch wenn wir in all den Jahren fast immer um den Klassenerhalt bangen mussten“, wie Härdtner nicht vergessen hat.
Die sportliche Konstanz führt er auf die „vielen guten Leute und Ehrenamtler, die früh oder manche auch erst später von dem Projekt begeistert waren“ zurück. „Deren Einsatz hätten wir gar nicht bezahlen können.“ Und noch etwas hat der Vereinschef in den vergangenen zehn Jahren gemerkt: „Wir sind hier in Neckarsulm anders als alle anderen.“ Spielerinnen fühlten sich in der Stadt wohl und beim Verein gut aufgehoben, schätzten das familiäre Umfeld und die kurzen Wege. „Ich selbst habe das nie so empfunden, bekomme das aber immer wieder zu hören.“
Das Neckarsulmer Erfolgsgeheimnis
Es ist in der Tat nichts Ungewöhnliches, dass ehemalige Spielerinnen beim Vereinschef höchstpersönlich nachfragen, ob sich die Tür nach Neckarsulm für sie nicht doch noch einmal öffnen könnte. Jene zurück in die Bundesliga-Mannschaft bleibt allerdings meist verschossen, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Jene zurück in den Schoß des Vereins und der Handball-Abteilung steht hingegen für die allermeisten stets weit offen. Das ist Rolf Härdtner wichtig. „Es menschelt hier sehr“, hat Melanie Herrmann im Sommer 2015 festgestellt, wie sie damals im Stimme-Interview verrät.
Diese menschliche Art und das familiäre Miteinander wolle man sich auch in Zukunft auf keinen Fall nehmen lassen, betont er. „Auch wenn der ein oder andere diese Haltung vielleicht als unprofessionell bezeichnen mag.“ In Neckarsulm ist sie so etwas wie das Geheimnis des Erfolgs.
Zehn Jahre Bundesliga-Handball ohne einen Abstieg, ohne finanzielles Harakiri, ohne Fusionen und Spielgemeinschaften mit anderen Vereinen und auch ohne Umzüge in andere Städte − die Zahl derer, die ähnliches von sich behaupten können, ist überschaubar. Angefangen hat alles im Frühsommer 2010. Mit einem Anruf und Rolf Härdtners „verrückter Idee“.
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