Biathletin Vanessa Voigt: "Ich kriege keine 50.000 Nachrichten"
Die Zwillinge Vanessa und Kevin Voigt sprechen im Stimme-Interview über Stress bei der Heim-WM in Oberhof, Foto-Motive und den Unterschied, den drei Minuten machen.

Vanessa Voigt ist binnen eineinhalb Jahren zur Nummer zwei im deutschen Biathlon-Team geworden und erlebt die WM in Oberhof als prickelndes Heimspiel. Zwillingsbruder Kevin ist als Fotograf dabei. Für die 25-Jährigen aus Floh-Seligenthal steht an diesem Freitag (14.30 Uhr/ZDF) der Sprint an.
Sie beide sind sehr viel unterwegs. Was bedeutet für Sie Heimat?
Vanessa Voigt: Das Gefühl wieder nach Hause zu kommen und bei denen zu sein, die einen unterstützen - wenn es gut, aber auch mal nicht so gut läuft, wie in der Mixed-Staffel.
Und schon kommt Kevin ins Spiel.
Kevin Voigt: Bei mir ist es genauso. Wenn wir nach Seligenthal zur Familie kommen, sind wir daheim.
Sie haben noch einen Bruder, Tom, der in der Öffentlichkeit keine Rolle spielt. Warum?
Vanessa Voigt: Das hat sich über Jahre entwickelt. Wir wissen, wie es mit der Öffentlichkeit ist. Sie hat Vor- und Nachteile. Es ist wichtig ihn zu schützen. Er soll sein Leben gestalten, wie er möchte. Bei der WM schaut er aber zu. Kevin Voigt: Mit unseren Eltern ist es das Gleiche. Da sagen wir auch nicht: "Schaut her, so sehen sie aus."
Sind Sie auch Zwillinge im Geiste?
Vanessa Voigt: Ja, wir sind uns wirklich enorm ähnlich.
Kevin Voigt: Unbedingt. In unserem Denken und Handeln gibt es sehr viele Parallelen. Nach einem nicht so guten Wettkampf von Vanessa weiß ich genau, was sie braucht oder ob wir darüber sprechen sollten. Vanessa ist zielstrebig. Das ist bei mir auch so, meine Selbstständigkeit bedarf durchaus einen gewissen Fokus.
Kevin ist drei Minuten früher geboren. Lässt er Sie manchmal spüren, dass er der ältere Bruder ist?
Vanessa Voigt: Schon, ja! Manche denken, er sei der Ältere, weil er ein Jahr vor mir im Weltcup war. Trotzdem sind es nur diese drei Minuten.

Wenn Sie ein Foto Ihres Bruders schießen müssen. Welches Motiv charakterisiert ihn perfekt?
Vanessa Voigt: Auf dem Boden liegend mit der Kamera. Das ist das typische Bild, das man von einem Sportfotografen im Kopf hat. Außenstehende könnten glauben, er sei faul, aber er steht für das Gegenteil: Er müsste sich mal ausruhen.
Und umgekehrt?
Kevin Voigt: Es gibt schon verschiedene Portraits. Darauf ist Vanessa sportlich gekleidet, doch es kommt auch ihre lustige, fröhliche Art raus - dieser Kontrast von Sport und Privatmensch, dass sie nicht nur voll fokussiert ist auf Biathlon, sondern auch Spaß am Leben hat.
Wie viel Prozent gehören dem Biathlon, wenn Sie durch die Welt tingeln?
Vanessa Voigt: Schon viel. Wir sprechen uns immer wieder ab. In der letzten Zeit auch viel über die Familie und dann die Arbeit. Kevin Voigt: Ich sage fifty-fifty.
Ist Kevin wie ein Manager für Sie?
Vanessa Voigt: Ja, aber nicht nur das, sondern auch Trainingspartner oder teils Trainer, der mal durchs Glas schaut oder mich durch die Welt kutschiert. Er ist alles in allem.
Nehmen Sie ihn denn am Rande der Strecke wahr?
Vanessa Voigt: Ja. In hektischen Situationen muss ich manchmal aufpassen, dass ich nicht lache: Er muss Bilder machen und feuert mich gleichzeitig an.
Dabei ist Sportfotograf allein schon ein Knochenjob.
Vanessa Voigt: Absolut. Aber nicht nur im Team bekommen die Leute mit, was es dafür braucht. Ich werde oft gefragt, wo er sich schon wieder rumtreibt. Ich habe nur ein Rennen am Tag zu meistern, er hat die Frauen und die Männer zu fotografieren.
Die Heim-WM in Oberhof läuft. Schaffen Sie es denn, alle Anfragen und Wünsche abzuschütteln?
Vanessa Voigt: Schon. Ich finde es spannend diesen Prozess zu verfolgen, gerade mit den vielen Zuschauern. Ende Dezember Auf Schalke sind es schon viele gewesen, da habe ich gemerkt, dass ich damit umgehen kann. Meine Freunde wissen genau, wie sie mit der Situation umgehen müssen, so dass ich keine 50 000 Nachrichten von ihnen kriege. Eine gute Generalprobe war Olympia in Peking. Bei so einem Großereignis merkt man den Trubel um einen herum - gerade, wenn man gute Leistungen bringt. Das zu filtern, ist als junge Sportlerin nicht so leicht.
Ist Peking auch für Sie ein guter Test gewesen, alles zu schaffen?
Kevin Voigt: In Peking war ich nur Fotograf, in Oberhof mache ich alles: Video, Fotos und und und. Daher habe ich viel mehr Arbeit. Olympia war für das Team hinter mir eine gute Generalprobe. Es ist für uns beide spannend, was passiert.
Sind Sie auch mal Spion, da die Norweger, Franzosen und andere ebenfalls zu Ihren Kunden zählen?
Kevin Voigt: Sehr selten. Mich fragen eher internationale Journalisten, wie es Vanessa geht. Und Vanessa fragt nicht explizit nach, was ich bei einem Team gehört habe.
Frau Voigt, wie charakterisieren Sie Ihren Bruder?
Vanessa Voigt: Er ist zielstrebig, akkurat und ohne Pause unterwegs. Ich würde ihm wünschen, dass es ihm noch besser gelingt runterzukommen oder mal Nein zu sagen.
Wo ist Ihre Schwester anders als Sie?
Kevin Voigt: Sie ist perfektionistisch. Das sieht man ja am Schießstand. Sie ist hartnäckig und zweifelt manchmal zu sehr an sich, obwohl sie dies gar nicht müsste. Sie hat sportlich eine super Grundlage.
Frau Voigt, das zweite Weltcupjahr ist schwierig, weil mit den Erfolgen die Erwartungen von außen, aber auch die eigenen, gestiegen sind. Wie zufrieden sind Sie mit sich?
Vanessa Voigt: Prinzipiell bin ich zufrieden. Natürlich werden die Erwartungen und der Anspruch an sich immer höher. Aber ich bin immer noch die Jüngste im Team, was bei den Leuten draußen aber gar nicht so ankommt. Die denken, ich bin eine Erfahrene. Ich habe gezeigt, dass ich meine Leistungen aus der Vorsaison wiederholen kann. Teils fehlen nur Feinheiten. Es war solide, aber es ist noch mehr drin.
Was wäre Ihr Traum für die WM?
Vanessa Voigt: Wie bei Olympia wieder auf den Punkt fit zu sein und dass das Laufen funktioniert. Das Schießen klappt, das weiß ich. Ich möchte die besten Ergebnisse in der Saison schaffen.
Wann ist die WM perfekt gelaufen?
Kevin Voigt: Wenn der Workflow so funktioniert hat, wie er sollte, weil noch ein Fotograf für mich arbeitet und im Hintergrund ein Team. Wenn wir dann noch wie in Peking zusammen eine Medaille feiern können, wäre es eine perfekte WM.

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