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Wie Cortina d’Ampezzo 1956 die Olympischen Spiele veränderte

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Wiedersehen in Cortina: Der Blick zurück auf die Spiele vor 70 Jahren mit der damals zwölfjährigen Eiskunstläuferin Marika Kilius fördert nicht nur ein fragwürdiges Frauenbild zutage.

Freiluft-Winterspiele: 1956 ging es noch familiär zu – es gab kein Olympisches Dorf, man schlief im Hotel. Bei der Eröffnungsfeier im Stadio Olimpico del Ghiaccio nahmen 32 Nationen teil.
Freiluft-Winterspiele: 1956 ging es noch familiär zu – es gab kein Olympisches Dorf, man schlief im Hotel. Bei der Eröffnungsfeier im Stadio Olimpico del Ghiaccio nahmen 32 Nationen teil.  Foto: Berger, Mario

Olympische Spiele sind etwas Einmaliges – was sich immer mal wieder doch wiederholt: Zum vierten Mal kehren die Winterspiele zurück. Nach St. Moritz (1928 und 1948), Innsbruck (1964 und 1976) sowie Lake Placid (1932 und 1980) ist Cortina d’Ampezzo von 6. bis 22. Februar Gastgeber der Olympischen Spiele, wie schon 1956. Diesmal allerdings mit Mailand an der Seite. Der Blick 70 Jahre zurück enthüllt Unglaubliches und zeigt, wie sehr sich die (Sport-)Welt verändert hat – und doch nicht.

Dass die damals zwölfjährige Eiskunstläuferin Marika Kilius jüngste Teilnehmerin in der ersten gesamtdeutschen Mannschaft bei Olympia war, dass der Österreicher Toni Sailer als erster Alpiner alle drei Wettbewerbe bei Olympischen Spielen gewann und der Schwede Sixten Jernberg Medaillen in allen vier Langlaufwettbewerben holte, ist nettes Wikipedia-Wissen. Zwei Bücher aus dem Schatz der Stimme-Sportredaktion gehen tiefer, lassen den Kopf schütteln.

Die Berichterstattung von Cortina 1956 ist als skandalös zu bezeichnen

Die 132 Frauen unter den insgesamt 823 Athleten wurden beäugt, die Berichterstattung ist 70 Jahre später als skandalös zu bezeichnen. „Der Skilanglauf für Frauen ist ein umstrittenes Problem“, schrieb Martin Maier im Olympia-Buch der Deutschen Olympischen Gesellschaft.

„40 Mädchen starteten, und da waren alle Typen vertreten. Das schöne und das hässliche Mädchen.“

Martin Maier

„40 Mädchen starteten, und da waren alle Typen vertreten. Das schöne und das hässliche Mädchen, das große und kleine und alle Temperamente waren dabei. Einige hatten die Lippen bemalt, ... die Rumänin Stefanio Botcario trug gar schillernde Ohrringe“, schrieb Maier.

Gleichberechtigung? Im alpinen Skilauf ja, aber doch nicht im Langlauf

Im Werk des Deutschen Sportbundes wird berichtet, dass sich viele nicht für die Gleichberechtigung begeistern könnten. Im alpinen Skilauf okay. Aber doch nicht im Langlauf! „Ich möchte nicht hässlich werden“, habe eine befragte Nicht-Langläuferin zum Ausdruck gebracht. Heinz Maegerlein urteilte: „Die leichtesten, zartesten, am sinnfälligsten fraulich-weichen Rhythmus zelebrierenden: die Langläuferinnen! Stärker im Wuchs fast ausnahmslos die Eiskunstläuferinnen, und überwiegend bäuerisch – kräftiger Typ – die Abfahrtsläuferinnen!“

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Heinz Maegerlein war nicht irgendwer. Der gebürtige Leipziger leitete 18 Jahre lang die Abteilung Sport des Bayerischen Rundfunks und moderierte das populäre Fernsehquiz „Hätten Sie’s gewusst?“. Übrigens sprach zum ersten Mal eine Frau den olympischen Eid: Skiläuferin Giuliana Chenal-Minuzzo, „Ehefrau und Mutter“.

Schneemangel, große Kälte und die Welt in Sorge

Andere Zeiten. Und andere Zahlen. 1956 gab es 24 Wettkämpfe in acht Sportarten, 70 Jahre später sind es 116 in doppelt so vielen Sportarten mit knapp 3000 Athleten. Die elf Tage im Ampezzaner Tal, sie waren von „Schneemangel und außergewöhnlicher Kälte“ gekennzeichnet. Und der Kalte Krieg drückte auf die Stimmung, die Welt war – wie heute – in großer Sorge. 

Die Entscheidung im Eiskunstlauf der Paare war ein Skandal. Die Punktrichter werteten Marika Kilius und den sechseinhalb Jahre älteren Franz Ningel hauchdünn auf Platz vier. „Die Wertung verstimmte nicht nur einen wesentlichen Teil des international zusammengesetzten Publikums, sondern auch Fachleute“, ist im Buch des Deutschen Sportbundes zu lesen. Zuschauer sollen Orangen und Chianti-Flaschen geworfen haben.

1956 gab es 160000 Zuschauer, 2026 sind es 1,6 Millionen Tickets

Schwer sei es gewesen, das „Olympische“ zu spüren – auch, weil in Summe nur 160 000 Zuschauer dabei waren. 2026 gibt es 1,6 Millionen Tickets für die 17 tollen Tage. Der enttäuschende Zuschauerschnitt vor 70 Jahren von 14545 Fans pro Tag ist erklärbar. Zum einen waren alle Wettkämpfe unter freiem Himmel, es wurde bei bis zu minus 20 Grad mitgezittert. Und es war nicht so einfach, an die Sportstätten zu kommen.

Der Misurinasee, „Perle der Dolomiten“, 14 Kilometer von Cortina entfernt über den Tre-Croci-Pass zu erreichen, sorgte trotz immer wieder hemmenden Gegenwindes für ein „Fest der Rekorde“. Aber auf 1755 Metern Höhe „waren die Athleten unter sich“. Die alpinen Wettbewerbe waren auch für die Zuschauer sportliche Veranstaltungen. Denn die Ziele lagen „auf beträchtlicher Höhe“, für das Ziel im Riesenslalom der Männer „hatte man gut über zwei Stunden anzusteigen“.

Ossi Reichert holt das einzige Gold für Deutschland

Zur Abfahrt der Frauen seien es 90 Minuten gewesen, „bis zum Ziel der Slaloms „immer noch deren 70“. Doch das einzige Gold für Deutschland, im Riesenslalom für die 20-jährige Rosa „Ossi“ Reichert (am 27. Januar 1956), und die legendären Siege von Toni Sailer mit großem Vorsprung (6,2 Sekunden im Riesenslalom, 4,0 Sekunden im Slalom und 3,5 Sekunden in der Abfahrt mit Laufzeit von 2:52,2 Minuten) wurde dennoch millionenfach verfolgt. 

„Die Erfassung der Millionen kann aber auch – und endgültig – den Sport zu einem geschäftlichen Unternehmen, die Athleten zu bezahlten Darstellern und die Olympischen Spiele zum „Reißer“ auf der Schmierenbühne machen.“

Olympia-Buch 1956 der Deutschen Olympischen Gesellschaft

Doch das einzige Gold für Deutschland, im Riesenslalom für die 20-jährige Rosa „Ossi“ Reichert (heute vor 70 Jahren), und die legendären Siege von Toni Sailer mit großem Vorsprung (6,2 Sekunden im Riesenslalom, 4,0 Sekunden im Slalom und 3,5 Sekunden in der Abfahrt mit Laufzeit von 2:52,2 Minuten) wurde dennoch millionenfach verfolgt: Cortina 1956 waren die ersten Olympischen Spiele, die im Fernsehen übertragen wurden.

Die Kraft und Macht der TV-Bilder sind Segen und Fluch. Arnold Kaech sorgte sich wegen der „Bildübertragung“: „Die Erfassung der Millionen kann aber auch – und endgültig – den Sport zu einem geschäftlichen Unternehmen, die Athleten zu bezahlten Darstellern und die Olympischen Spiele zum „Reißer“ auf der Schmierenbühne machen.“

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