Wenn der Muskel im Kopf zumacht
Mentale Gesundheit ist im deutschen Team ein Thema,dem man sich nicht nur plakativ widmet. Als Vorbild dient Doppel-Olympiasiegerin Julia Taubitz.

Wo der Erfolg und die Medaillen sind, da ist das Licht: Im Deutschen Haus der Olympischen Spiele 2026 in Cortina wurde am Donnerstagabend besonders kräftig gefeiert. Gold mit der Team-Staffel zum Abschluss der Rodel-Wettbewerbe. „Reißt die Hütte ab!“, skandierten die sechs Siegertypen, mittendrin Julia Taubitz. Doch die kennt wie alle Sportler auch die dunklen Momente: Misserfolg, Zweifel. „Ich bin da gute Ansprechpartnerin und weiß, wie man das händelt“, sagte die 29-jährige Sächsin im Laufe der ersten Olympia-Woche: Am Scheitern vor vier Jahren bei den Spielen in Peking wäre sie fast zerbrochen. Da war es kurz zu erkennen, das Thema mentale Gesundheit. Das so wichtig ist wie die körperliche Gesundheit. Und das bei genauem Hinsehen an Bedeutung gewonnen hat.Im Mobile Home von Hannah Neise im Olympischen Dorf von Cortina hängen drei Poster über dem Bett. „Unser Teamgeist kennt keine Winterpause“ ist da schwarz-rot-gelb-weiß zu lesen, „Selbstbewusstsein ist unser stärkster Halt in Eis und Schnee“ und „Respekt macht jeden Wettkampf größer“. Die Skeleton-Olympiasiegerin 2022, die an diesem Samstag ab 18 Uhr erneut um die Medaillen fährt, erkennt die Frage im Blick und erklärt: „Mentale Gesundheit ist kein Tabuthema. Ich finde sehr gut, dass es aufgegriffen wird.“ Was Turnerin Simone Biles 2021 ins Licht der Öffentlichkeit geholt hatte.
Biles hat eine Debatte angestoßen
Bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 hatte der Superstar eine weltweite Debatte über seelische Gesundheit im Sport ausgelöst, weil sie auf Starts verzichtet hatte. Es kann passieren, dass man sich vor dem wichtigsten Wettkampf seiner Karriere eine Zerrung holt, es kann aber auch sein, dass der Muskel im Kopf zumacht. Beides ist schlecht. In beiden Fällen kann man vorbeugend etwas tun.Welfare Officers Deshalb gab es für die deutschen Athletinnen und Athleten bei der Einkleidung in München nicht nur Kleidung für die Spiele, sondern auch Plakate, bei denen Hannah Neise zugegriffen hat. Natürlich braucht es mehr als einen guten Spruch. „Wir haben drei sogenannte Welfare Officers mit dabei. Das sind Psychologen mit spezieller Ausbildung und die direkten Ansprechpartner im Team, sowohl für die Athleten und Athletinnen als auch für die Betreuenden“, sagte Bernd Wolfarth, leitender Olympiaarzt des Deutschen Olympischen Sportbundes, der „Apotheken Umschau“. „Mentale Gesundheit ist ein Thema, das die letzten zehn Jahre massiv vorangetrieben wurde. Da hat sich richtig viel getan.“
Einschneidender Tag vor vier Jahren
Für Julia Taubitz war der 7. Februar 2022 der einschneidende Tag. „Er ist nach wie vor Thema bei mir. Es waren schwierige Jahre.“ Weil sie in Peking als große Favoritin stürzte und der Traum vom Gold zerplatzte. „Es waren viele Tage der Trauer und des Zweifels“, erzählte sie bereitwillig. Sie hing durch, hatte Schwierigkeiten mit der Motivation.Doch die Niederlage machte sie stärker, „hat mich zu diesem Gold hier gebracht. Man muss auch mal auf die Fresse fallen, um zu sehen, wer hinter einem steht.“ Julia Taubitz hofft, dass sie mit ihrem Weg ein Vorbild sei – das ist sie sportlich, denn nun hat sie endlich ihre ersten beiden olympischen Medaillen, beide in Gold (Einsitzer und Team). Jetzt ist ihre Karriere nach acht WM-Titeln und fünf Gesamtweltcupsiegen vollkommen. Julia Taubitz ist auch als Mensch ein Vorbild. Natürlich werde sie sich in den nächsten Tagen um Merle Fräbel kümmern, mit ihr sprechen. Der 22-Jährigen passierte am Dienstag etwas ganz Ähnliches wie einst Taubitz. Sie weiß: Es kommt wieder Licht am Ende des Tunnels. Auch wenn es nicht das Licht des Deutschen Hauses in Cortina sein kann.

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