Zur Person
Der ehemalige Skispringer Markus Eisenbichler hat einen besonderen Blick auf die 74. Vierschanzentournee. Das sagt der 34-Jährige über die beiden deutschen Hoffnungsträger beziehungsweise die beiden Sorgenkinder.
Der ehemalige Skispringer Markus Eisenbichler hat einen besonderen Blick auf die 74. Vierschanzentournee. Das sagt der 34-Jährige über die beiden deutschen Hoffnungsträger beziehungsweise die beiden Sorgenkinder.

Am Sonntag beginnt mit der Qualifikation in Oberstdorf die 74. Vierschanzentournee. Markus Eisenbichler hat seine Karriere als Skispringer zwar beendet, wird aber beim ersten Saisonhöhepunkt seinen ehemaligen Kollegen weiterhin sehr nahe sein. Im Interview verrät der 34-Jährige, wer seine Tourneefavoriten sind und was er der deutschen Mannschaft zutraut.
Herr Eisenbichler, wie geht es Ihnen ohne diese Freiheit der Lüfte und den Nervenkitzel des Skispringens?
Markus Eisenbichler: Eigentlich perfekt. Da es neben meiner täglichen Arbeit bei der Bundespolizei viele schöne sportliche Sachen gibt, die man machen kann, wie Radfahren, Bergtouren, Skitouren, Skifahren, Langlaufen und vier, fünf Mal die Woche Krafttraining. Es ist einfach angenehm, am Wochenende daheim zu sein. Und keinen Druck zu haben, trainieren zu müssen, sondern zu dürfen. Wann ich will und was ich will.
Fußball soll jetzt auch viel mehr als zu Skispringerzeiten dabei sein ...
Eisenbichler: Ja, beim TSV Siegsdorf. Meistens spiele ich ganz gemütlich in der dritten Mannschaft. Das reicht mir.
Ihre Position?
Eisenbichler: Gerne defensiver. Aber meistens werde ich auf der offensiven Außenbahn eingesetzt, weil ich halt einfach schnell bin und sehr viel Ausdauer habe. Ich kann 90 Minuten komplett durchrennen, rauf und runter.
Rauf und runter, das war auch Ihr Leben auf der Schanze. Sie haben sich quasi für den sanften Entzug entschieden, sind jetzt bei Eurosport tätig. Ohne Skispringen geht es nicht, oder?
Eisenbichler: Ich habe ein cooles Angebot bekommen und kann so meine Expertise mit einfließen lassen, dem Laien das Skispringen, meine Leidenschaft ein bisschen erklären. Ich versuche es einfach zu halten, damit es jeder Fernsehzuschauer verstehen kann. Mir ist wichtig, den Sport so zu erklären, dass auch Nicht-Skispringer gut mitkommen.
Sven Hannawald, Martin Schmitt und Severin Freund arbeiten ebenfalls als Experten beim Fernsehen. Was ist Ihre persönliche Note?
Eisenbichler: Ich will einfach so sein, wie ich bin – ich glaube, deshalb hat mich auch Eurosport geholt. Ich versuche, meine Erfahrungen und meine Emotionen einfließen zu lassen. Und auch meinen Schmäh. Mit Werner Schuster, der viele Jahre mein Cheftrainer war, funktioniert das ganz gut. Da gibt es die eine oder andere Anekdote, die man einfließen lassen kann.
Auch eine Anekdote: Sie haben vor Jahren den Journalisten nach der Vierschanzentournee gesagt: „Seid nicht traurig, das kriegen wir schon hin in den nächsten Jahren mit dem Tourneesieg. So lange werde ich noch weitermachen, bis von uns jemand das Ding wegradiert.“
Eisenbichler: (lacht) Ja, so ist das im Leben, dass es nicht so kommt, wie man es sagt und hofft. In Deutschland hat die Vierschanzentournee einen sehr hohen Stellenwert – bei Athleten, Medien und auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Das bringt automatisch eine große Erwartungshaltung und zusätzlichen Druck mit sich. Ich habe das selber miterlebt. Ich habe versucht, mich konsequent auf meine eigene Leistung zu fokussieren. Wenn einer besser ist, wie bei mir 2018/2019 Ryoyu Kobayashi, dann muss man das halt akzeptieren. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn ich nicht Zweiter, sondern Erster geworden wäre. Aber bei jeder vergebenen Chance geht woanders eine Tür auf: Ich bin im selben Jahr dafür Weltmeister geworden.

Der Druck wird nicht kleiner. Jetzt ist es 24 Jahre her, dass ein deutscher Springer die Tournee gewonnen hat. Wie sehen Sie diesmal die deutsche Ausgangslage?
Eisenbichler: Schon als gut. Wir haben eine Chance, die Chance ist immer da. Klar gibt es eine extreme Dominanz von Japan, Österreich und Slowenien. Das Feld ist enger zusammengerutscht, wie man sieht, wenn man einen schlechten Sprung macht, wenn sich ein Fehler eingeschlichen hat. Früher hast du es vielleicht noch ein bisschen besser kaschieren können. Jetzt fliegst du halt in der Qualifikation oder im ersten Durchgang raus.
Womit wir bei Karl Geiger wären. Wann haben Sie Ihren ehemaligen Zimmerpartner zuletzt besucht?
Eisenbichler: Erst vor kurzem. Wir haben Kaffee getrunken und ein bisschen gequatscht.
Was ist von ihm bei der Vierschanzentournee zu erwarten, nachdem er die Weltcups zuletzt in Klingenthal und Engelberg ausgelassen hat?
Eisenbichler: Er hat nichts zu verlieren. Er hat zu Hause an seinem Sprung gearbeitet. Ich weiß: Wenn’s einer hinkriegen kann, dann der Karl. Weil er ein sehr akribischer Arbeiter ist. Natürlich ist er mit der Situation nicht glücklich. Aber so ausgeglichen, wie bei unserem Treffen in Oberstdorf, habe ich ihn selten gesehen – auch wenn es sportlich gerade nicht so läuft, wie er es sich selbst wünscht.
Das Alter?
Eisenbichler: Ja, er ist ein bisschen gelassener geworden. Und er hat gemerkt, dass Skispringen nicht alles ist – auch wenn er nach wie vor 110 Prozent dafür gibt. Die Familie ist genauso wichtig. Er macht einen sehr guten, aufgeräumten Eindruck. Ich bin mir sicher, dass er diesen Winter nochmal in Form kommt – auch wenn es vielleicht nicht bei der Tournee ist, was ich ihm aber natürlich sehr wünsche.
Wenn einer Karl Geiger noch Tipps geben kann, dann Sie – keiner kennt ihn besser.
Eisenbichler: Natürlich haben wir über Skispringen geredet und ein bisschen darüber philosophiert, wie ich das die vergangenen zwei Jahre gemacht habe, als es phasenweise nicht so lief. Ich kann ihm da auch keinen großen Tipps geben. Außer es zu akzeptieren, wenn es mal schlecht läuft und sich nicht einzureden, dass es gleich wieder besser wird. Man muss akzeptieren, dass man an Punkt X ist und es nur besser werden kann. Es ist ein Prozess, der etwas Geduld erfordert.

Ist auch Andreas Wellinger an diesem Punkt X?
Eisenbichler: Der Andi ist ein anderer Typ Skispringer, der macht sehr viel übers Gefühl und über Selbstvertrauen. Aber auch er hat zuletzt den Weltcup in Engelberg ausgelassen und trainiert. Man darf keine Wunder erwarten. Ich wünsche ihm und Karl einfach, dass sie bei der Tournee stabile Sprünge auf Top-20-Niveau zeigen. Dann bekommst du wieder Selbstvertrauen, dann wird wieder alles von Wettkampf von Wettkampf selbstverständlicher. Sie dürfen nicht die Geduld verlieren und müssen die Zuversicht wahren: Es gibt diesen Winter noch eine Skiflug-WM in Oberstdorf und Olympische Spiele.
Also müssen bei der Vierschanzentournee Felix Hoffmann und Philipp Raimund die Kohlen aus dem Feuer holen.
Eisenbichler: Sie haben beide einen sehr guten Grundsprung und im Sommer sehr gut gearbeitet, was sich jetzt im Winter widerspiegelt. Auch wenn mal ein Wettkampf dabei ist, der nicht so läuft – das sollte natürlich nicht in der Tournee passieren. Philipp und Felix können für große Überraschungen sorgen – wenn sie entspannt bleiben, ruhig bleiben, den medialen Druck ausblenden und sich auf das Wesentliche fokussieren.
Wie kann man Philipp Raimund im Kampf mit dieser erdrückenden Erwartungshaltung helfen?
Eisenbichler: Meiner Meinung nach geht es darum, nicht irgendwas Besonderes zu machen, sondern den normalen Rhythmus der vergangenen Wochen weiterzufahren. Es liegt an ihm, wie er mit Interviews umgeht, was er an Medienterminen möchte und zulässt. Da kann ihm keiner helfen. Am Ende sitzt man alleine auf dem Balken – und in diesem Moment zählt nur der eigene Sprung.
Zur Person
Der ehemalige Skispringer Markus Eisenbichler hat einen besonderen Blick auf die 74. Vierschanzentournee. Das sagt der 34-Jährige über die beiden deutschen Hoffnungsträger beziehungsweise die beiden Sorgenkinder.
Schauen Sie jetzt kraft Ihres neue Jobs anders auf das Thema medialer Druck?
Eisenbichler: Ja, natürlich. Wobei ich versuche, alles sehr sachlich und sehr pro Sportler einzuordnen. Man darf nicht vergessen: Eine Top-Ten-Platzierung ist ein sehr gutes Ergebnis. Ich weiß, wie es ist, wenn die Medien sehr kritisch bewerten und die öffentliche Bewertung sehr streng ausfällt. Mir hat es Gott sei Dank nicht so viel ausgemacht. Weil mir wirklich wichtig ist, was meine Freunde und meine Familie denken. Nicht andere.
Das merkte man Ihnen auch im Erfolgsfall an.
Eisenbichler: Einen guten Sportler macht auch aus, wie er mit Niederlagen und Enttäuschungen umgeht. Man darf sich nicht eingraben und denken, dass alles Scheiße und alles gegen mich ist. Man ist für die Leistung immer selbst verantwortlich.
Felix Hoffmann springt eine tolle Saison, ist mit 28 aber keine Nachwuchshoffnung mehr. Wo sind die jungen deutschen Hüpfer, die nachrücken?
Eisenbichler: Die sind leider aktuell noch nicht so sichtbar. Es gibt immer mal wieder kleinere Durststrecken, so wie nach Sven Hannawald und Martin Schmitt. Wir haben es damals auch geschafft, wieder sehr erfolgreich zu sein. Aber man muss mit dem arbeiten, was man im Moment hat. Und es kommen schon wieder richtig junge Springer nach oben.
Was macht die Ankündigung von Bundestrainer Stefan Horngacher, nach dieser Saison aufzuhören, mit der Mannschaft?
Eisenbichler: Die älteren Athleten waren jedenfalls nicht so überrascht. Trainerwechsel gehören im Leistungssport dazu, für die Sportler bleibt entscheidend, sich auf die eigene Arbeit zu konzentrieren. Man darf nicht vergessen: Man trainiert als Athlet grundsätzlich mehr mit den Co-Trainern, hat da mehr Kontakt. Der Cheftrainer steht ein bisschen oben drüber und muss schwierige Entscheidungen treffen, die Organisation und Medienarbeit machen.
Welche Einflussmöglichkeiten hat Stefan Horngacher während der Tournee?
Eisenbichler: Wenn die Tournee läuft, kann ein Cheftrainer nicht mehr so viel machen. Er kann Tipps geben, er kann Korrekturen geben. Aber umsetzen müssen es die Athleten. Alle Trainer, Betreuer, Techniker und Physiotherapeuten stecken viel Zeit und Energie in die Athleten. Wenn es dann nicht funktioniert, dann leidest du extrem mit.
Sie haben gesagt, Sie können sich gut vorstellen, eines Tages Trainer zu werden – auch Bundestrainer?
Eisenbichler: Aktuell kann ich mir das absolut nicht vorstellen.
Weil?
Eisenbichler: Ich mit den Athleten arbeiten, sie nach vorne bringen, auf die richtige Bahn lenken möchte. Das würde mir Spaß machen. Aber nicht als Cheftrainer. Da bist du die „Wand“, die vor der Mannschaft steht und alles erklären muss. Wenn es schlecht laufen würde, wäre ich zu emotional – du musst sofort Interviews geben. Das wäre nichts für mich, ich brauche ab und zu einfach fünf Minuten, um zu reflektieren und runterzukommen.

Was würden Sie als Bundestrainer vor und während der Vierschanzentournee optimieren?
Eisenbichler: Ich würde sagen, dass es hilfreich wäre, wenn vor der Tournee nicht schon von Hoffnung auf den Tourneesieg oder große Erwartungen an einzelne Athleten gesprochen würde. Man sollte das Thema sachlich und nüchtern betrachten. Lasst einfach die Athleten springen. Und nach Oberstdorf können wir weiterreden.
Die Favoritenbürde tragen diesmal andere: Wer sind Ihre Kandidaten für den goldenen Tourneeadler?
Eisenbichler: Die großen Favoriten sind die, die in diesem Winter bisher vorne waren: Ryoyu Kobayashi, Stefan Kraft, Domen Prevc und Anze Lanisek. Auf die Norweger bin ich gespannt, Halvor Egner Granerud und Marius Lindvik, der mit der Tournee noch eine Rechnung offen hat. Ich möchte ja nicht so große Hoffnungen schüren. Aber natürlich hoffe ich, dass entweder Philipp Raimund oder Felix Hoffmann für eine kleine Überraschung sorgt. Und vielleicht kommen ja auch noch ein Pius Paschke, ein Karl Geiger oder ein Andreas Wellinger um die Ecke. Man weiß es im Skispringen einfach nicht.
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