Warum die deutschen Handballer bei der EM einen Wettbewerbsvorteil haben
Die Abwehr ist das Prunkstück der deutschen Handball-Männer. Bundestrainer Gislason startet mit einem jungen, aber zusammengewachsenen Team in die EM in Dänemark.

Die üppigen Wälder sind nicht weit entfernt, der See Brassø liegt in unmittelbarer Nähe und vor der Haustür das Flüsschen Remstrup. Wenn sich die deutschen Handballer vom Stress der Europameisterschaft erholen möchten, gibt es in Silkeborg ausreichend Möglichkeiten. Auch ins Zentrum der 52 000-Einwohner-Stadt ist es vom Teamhotel auf dem Gelände einer ehemaligen Papierfabrik nur ein kurzer Fußmarsch.
„Wir kennen uns aus.“
Teammanager Benjamin Chatton
Schon bei der WM vor einem Jahr bezog die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) hier ihr Quartier, das Team ist also mit allem vertraut. „Wir kennen uns aus“, sagt Teammanager Benjamin Chatton. Anpassen muss sich die Mannschaft nicht, was von Vorteil sein kann. Denn Zeit zum Eingewöhnen bleibt ohnehin nicht. Zu anspruchsvoll sind die EM-Aufgaben, zu groß die ausgerufenen Ziele. Die Deutschen müssen sofort liefern, denn dieses Turnier kennt keine Gnade.
Für die DHB-Männer beginnt der EM-Gipfelsturm bereits in der Vorrunde
Der Gipfelsturm beginnt bereits in der Vorrunde. Nach dem Auftaktspiel gegen Österreich am Donnerstag (20.30 Uhr/ARD) folgen die Aufgaben Serbien (Samstag, 20.30 Uhr/ARD) und Spanien (Montag, 20.30 Uhr/ZDF). Nur die ersten zwei Mannschaften der Gruppe qualifizieren sich für die Hauptrunde. Wichtig: Die Punkte, die im direkten Duell dieser zwei Teams vergeben werden, werden mit in die Hauptrunde genommen.

Heißt konkret: Gewinnt Deutschland beispielsweise gegen Spanien, und diese beiden Teams qualifizieren sich für die nächste Runde, nimmt das DHB-Team zwei Punkte mit. Mit Blick auf die dann anstehenden Gegner wäre das im Kampf ums Halbfinale zwar keine Garantie, aber ein Plus.
Jede Partie ist für die Deutschen ein K.o.-Spiel
In der Hauptrunde heißen die Gegner vermutlich Weltmeister Dänemark, Europameister Frankreich, Norwegen und Portugal. Härter geht’s kaum. Jede dieser Partien sei „wie ein K.o.-Spiel“, sagt Regisseur Juri Knorr: „Wenn wir also weiterkommen, haben wir vier Viertelfinals. Ich glaube aber auch, dass nicht so viele Mannschaften gerne gegen uns spielen wollen. Wir haben durch die Bank Topspieler, in der Bundesliga gehört jeder zu den Besten auf seiner Position.“
„Wenn wir weiterkommen, haben wir vier Viertelfinals.“
Juri Knorr
Das Prunkstück ist die Abwehr, im Kader gibt es mehr Alternativen als früher. „Die Bank kann unsere Lebensversicherung und ein Wettbewerbsvorteil werden“, glaubt Chatton, bei dem die Zuversicht so ausgeprägt ist wie bei Alfred Gislason. „Diese Mannschaft hat bei den Olympischen Spielen gezeigt, dass sie hohe Hürden überspringen kann“, erinnert der Bundestrainer an den Silber-Coup von Paris 2024.
Sechs U 21-Weltmeister von 2023 stehen im Aufgebot
Der Großteil des damaligen Teams ist erneut dabei – aber seitdem gereift. Noch immer starten die Deutschen mit einem jungen Kader, sechs U 21-Weltmeister von 2023 stehen im Aufgebot. Es ist ein Zukunftsteam, das schon erfolgreich war und es weiter sein soll. „Unsere Mannschaft gehört nicht zu den erfahrensten, aber sie hat sehr viel Erfahrung miteinander“, sagt Alfred Gislason und stellt lieber das große Ganze in den Vordergrund.
„Unsere Mannschaft gehört nicht zu den erfahrensten, aber sie hat sehr viel Erfahrung miteinander.“
Alfred Gislason
Die DHB-Auswahl ist zusammengewachsen, hat schon eine Menge gemeinsam erlebt und ist mit vielen hochbegabten Handballern gesegnet, die in ihren Vereinen „führende Rollen“ übernehmen, wie der Bundestrainer betont. Der 22-jährige Marko Grgic ist der jüngste Spieler, der in der Bundesliga die 500-Tore-Marke geknackt hat und beim Spitzenclub SG Flensburg-Handewitt zu den Leistungsträgern zählt.
Juri Knorr mag die Struktur der Mannschaft
Rückraumstratege Knorr, eine feste Größe im Starensemble des dänischen Erstligisten Aalborg, zählt mit gerade einmal 25 Jahren schon zu den älteren Profis im Team und hat bereits 83 Länderspiele bestritten. „Ich mag die Struktur in der Mannschaft. Wir sind eine echte Einheit. Viele kennen sich aus den Nachwuchs-Nationalmannschaften. Wir sind ein Haufen junger Typen, die sich gegenseitig schätzen und mögen“, sagt Knorr.
Das Binnenklima im Team ist also gut, die Mannschaft hat es sich in Silkeborg gemütlich gemacht und will dort lange bleiben. Allerdings nicht wegen der Wälder, Seen und Flüsse, sondern weil im knapp 40 Kilometer entfernten Herning die Jyske Bank Boxen steht. Die 15 000 Zuschauer fassende Arena ist ein magischer Ort für alle Handballer – dort werden am 1. Februar die Medaillen vergeben.
Stimme.de