Nationaltorwart Enke tot - Abschiedsbrief gefunden
Fußball - Nach dem Tod von Robert Enke hat die Polizei in Hannover die Existenz eines Abschiedsbriefes des Fußball-Nationaltorwarts bestätigt. Nach dem Fund des Briefes gäbe es praktisch keine Zweifel mehr an einem Selbstmord des 32-Jährigen.
Fußball -Nationaltorwart Robert Enke hat vor seinem Selbstmord einen Abschiedsbrief hinterlassen. Die Polizei bestätigte am Vormittag, dass ein entsprechendes Scheiben des Fußball-Profis von Hannover 96 gefunden worden sei. Über den Inhalt wurde zunächst nichts mitgeteilt. Enkes Berater Jörg Neblung hatte bereits wenige Stunden nach dem tragischen Unglück vom Selbstmord des 32-Jährigen gesprochen. Bundesligist Hannover 96 kündigte für 13.00 Uhr eine Pressekonferenz an.
Der achtmalige Nationalspieler Enke war am Dienstag an einem Bahnübergang in Neustadt am Rübenberge, in der Nähe seines Wohnorts, gegen 18.25 Uhr von einem Zug erfasst und tödlich verletzt worden. Sein Tod löste in Deutschland und über die Grenzen hinaus große Fassungslosigkeit und tiefe Trauer ausgelöst. Noch am Sonntag hatte er im Punktspiel seines Vereins gegen den Hamburger SV im Tor gestanden.
Die Nachricht hatte Bundestrainer Joachim Löw und die Spieler am Dienstagabend in Bonn nach dem ersten Training für die Spiele am Samstag in Köln gegen Chile und vier Tage später in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste erreicht. Das Vormittagstraining und Interview-Termine der Spieler wurden abgesagt, die Pressekonferenz auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben. Im Team-Hotel beriet die Führung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gemeinsam mit Löw über eine mögliche Absage der Partie gegen Chile oder andere Konsequenzen.
„Ich bin fassungslos. Mir fehlen die Worte“, erklärte DFB-Kapitän Michael Ballack in der „Bild“-Zeitung. „Robert Enke war ein wunderbarer Mensch, der auch harte Schicksalsschläge verdauen musste“, äußerte DFB-Chef Theo Zwanziger.
Kondolenzbuch
Noch am Dienstagabend hatten sich am Unfallort und vor der AWD-Arena Fans und einige Spieler von Hannover 96 versammelt und Kerzen, Blumen, Bilder, Schals und Trikots niedergelegt. Am frühen Mittwoch standen Hunderte Menschen Schlange, um sich vor der AWD-Arena in Hannover in ein Kondolenzbuch einzutragen. Der Club hatte die Kondolenzliste mit einem Enke-Trikot und drei Kerzen bereits in der Nacht vor dem Haupteingang des Stadions ausgelegt.
Auch in zahlreichen Internet-Foren dokumentierten Fußball-Fans ihre Bestürzung. Hannover 96 änderte seine Homepage. Auf einer schwarzen Seite erinnerte die Inschrift „Wir trauern um Robert Enke“ an den Profi. Enkes Webseite wurde in ein Kondolenz-Webbuch umgewandelt.
Auch der Weltfußball-Verband FIFA zeigte sich betroffen. „Die internationale Fußballfamilie hat die äußerst traurige Nachricht über den Hinschied von Robert Enke erhalten. Unsere Gedanken sind in dieser schweren Zeit bei der Frau und der Familie von Robert Enke, und wir wünschen ihnen die Kraft, den Schmerz ertragen zu vermögen“, schrieb FIFA-Präsident Joseph S. Blatter.
Fußballpokal
Enkes früherer Verein FC Barcelona widmete seinen Sieg im spanischen Fußballpokal am Dienstagabend seinem ehemaligen Spieler. „Der Torwart war ein Teil dieses Vereins gewesen“, sagte Barça-Trainer Josep Guardiola nach dem 5:0-Erfolg der Katalanen über Cultural Leonesa im Pokalrückspiel. Enke hatte in der Saison 2002/2003 für Barça gespielt. Der spanische Meister und Champions-League-Sieger legte vor der Partie im Camp-Nou-Stadion eine Schweigeminute für Enke ein.
Auch ehemalige Spieler und Funktionäre aus der Bundesliga würdigten den Menschen und Sportler. „Vom Charakter und seiner Persönlichkeit war Robert Enke ein überragender Mensch“, erklärte Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick. Für Ewald Lienen, unter dem Enke in Hannover trainiert und gespielt hatte, ist der Tod noch immer unvorstellbar: „Ich habe bereits mit Weggefährten und Teamkollegen wie Steven Cherundolo, Michael Tarnat und Hanno Balitsch gesprochen. Für uns alle ist es ein unfassbarer Schlag, den wir kaum in Worte fassen können. Dass er in so einer Situation war, so etwas ins Auge fassen konnte, tut mir unendlich leid und unendlich weh.“

Erkrankung
Enke hatte wegen einer Erkrankung, die als Bakterien-Infektion des Darmes angegeben worden war, zuletzt WM-Qualifikationsspiele verpasst. Er war auch nicht für die beiden Länderspiele gegen Chile und die Elfenbeinküste am 14. und 18. November eingeladen worden. Löw hatte dem Hannoveraner aber deutlich signalisiert, dass er weiter ein Favorit auf die Nummer eins bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika sei. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erfuhr erst unmittelbar nach der Rückkehr vom ersten Training in Bonn von der Katastrophe.
Nach der EM und dem Rücktritt von Jens Lehmann war Enke bald Stammtorhüter der DFB-Auswahl geworden. Sein erstes Länderspiel bestritt Enke im März 2007 beim 0:1 gegen Dänemark. Bereits beim Confed Cup 1999 hatte er zum DFB-Kader gehört, blieb aber ohne Einsatz. Insgesamt hütete er in sechs von elf Länderspielen in der Saison 2008/09 das Tor. Löw hatte sich allerdings nicht ausdrücklich für Enke als neue Nummer Eins ausgesprochen, so dass sich dieser auch weiterhin dem Konkurrenzkampf mit Rene Adler, Tim Wiese und Manuel Neuer stellen sollte.
Polizei berichtet über Hergang
Nach dem Tod von Robert Enke hat die Polizei bei einer Pressekonferenz in einer Bahnhofsgaststätte in Eilvese erste Informationen zum Unfall-Geschehen gegeben.
Demnach habe Enke sein Auto am Dienstagabend etwa zehn Meter von den Gleisen entfernt abgestellt, berichtete der Sprecher der Polizeidirektion Hannover, Stefan Wittke. Der 32-jährige Enke habe sein Portemonnaie auf dem Beifahrersitz des nicht verschlossenen Wagens liegenlassen. Anschließend muss Enke mehrere 100 Meter an den Gleisen entlang gegangen sein, bevor er von dem aus Bremen in Richtung Hannover fahrenden Regionalzug RE 4427 erfasst wurde.
In einer ersten Befragung gab der Zugführer zu Protokoll, dass er eine Person auf den Gleisen habe stehen sehen. Er und ein weiterer im Führerhaus anwesender Lokführer hätten sofort eine Notbremsung eingeleitet, berichtete Wittke über das Unglück. An der Unglücksstelle fahre der Zug ungebremst mit hohem Tempo. Weitere Augenzeugen gebe es für das Unglück nicht. Ein Selbstmord wurden von Wittke nicht offiziell bestätigt, allerdings deuteten alle Anzeichen daraufhin. Es sei kein Ort, an dem man normalerweise die Gleise überquere.
Fragen nach einem Abschiedsbrief Enkes wurden zunächst nicht beantwortet. Der Kriminaldauerdienst kümmerte sich um Enkes Ehefrau, die nach dem Unglück zum Unfallort gekommen war. Hannover 96 Manager Jörg Schmadtke war bei der Pressekonferenz anwesend und drückte seine tiefe Trauer aus: «Er hinterlässt eine große Lücke, nicht nur in Hannover, sondern auch in Fußball-Deutschland. Wir stehen alle unter Schock und sind noch nicht in der Lage, die Dinge zu kommentieren.»
In der Nähe des kleinen Ortes Eilvese war die Unfallstelle weiträumig abgesperrt. Flutlichtwagen der Feuerwehr tauchten die Unglücksstelle in helles Licht. Mehrere Einsatzwagen von Polizei und Rettungskräften waren im Einsatz. In Eilvese zündeten viele Menschen Kerzen an und legten Schals und Trikots von Enkes Arbeitgeber Hannover 96 nieder.

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