So soll der VfB Stuttgart gleich wieder aufsteigen
Die Bosse des in die 2. Liga abgerutschten Traditionsvereins haben am Sonntagmorgen über die Zukunft gesprochen. Erstmals aufgetreten ist bei diesem Pressefrühstück Sportdirektor Sven Mislintat.

Ein paar kleine Witzeleien dürfen schon sein. Trotz des Abstiegs, trotz der sportlichen Düsternis. Warum, bitteschön, der VfB Stuttgart? Das wird Sven Mislintat gefragt. Der neue Sportdirektor war in London beim FC Arsenal, davor bei Borussia Dortmund. Und jetzt: 2. Liga. Spiele gegen Sandhausen und Wehen Wiesbaden. Was musste sich Mislintat da wohl im Bekanntenkreis anhören. "Einige haben gesagt: geiles Auswärtstrikot, schwarz-gelb, das ist super", grinst der VfB-Manager mit den BVB-Kumpels.
Viel Spaß hatte er nicht seit dem Stuttgarter Amtsantritt am 1. Mai. Krise, erfolglose Relegation, Absturz. Aber Sven Mislintat vermittelt am Sonntagmorgen Aufbruchstimmung. Der VfB hat seine Führungskräfte um 9.30 Uhr zu einem Pressefrühstück im Clubzentrum versammelt. Mislintat sitzt zwar am Rand der "Gruppe der Leader", neben Sportvorstand Thomas Hitzlsperger, VfB-Präsident Wolfgang Dietrich, Finanzvorstand Stefan Heim und Marketingchef Jochen Röttgermann. Doch er ist es, der gleich zu Beginn das Versprechen formuliert: "Wir sind die, die den VfB wieder flottkriegen wollen und werden."
Zur schonungslosen Fehleranalyse gezwungen
Den Abstieg hätte er gerne verhindert gesehen, irgendwie. Klar. Doch Mislintat schaut jetzt mit positiver Power nach vorne. "Abstieg, das hört sich knallhart an. Aber das bietet auch eine Chance. Das sage ich nicht nur aus Pragmatismus."
Durch den Sturz in die 2. Liga sei man zu einer schonungslosen Fehleranalyse gezwungen. Wenn man diese "knallhart" durchziehe, sei man in der Lage, den VfB "richtig schnell wieder nach vorne zu bringen". Jetzt sei es erforderlich, mit "Vollgas nach vorne zu denken".
Sponsoren halten dem Verein noch die Treue
Vieles soll sich gravierend ändern, auch wenn Jochen Röttgermann im Blick zurück sagt, der Abstieg sei "extrem unnötig" gewesen. Doch der Marketingvorstand will "alles tun, um den sofortigen Wiederaufstieg möglich zu machen". 2016 sei man "um Dimensionen schlechter aufgestellt gewesen". Damals klappte es mit dem Erstliga-Comeback binnen eines Jahres. Röttgermann sieht ein "sehr gutes Fundament", verweist auf die "Treue unserer Partner", vor allem des Ankerinvestors Daimler AG. "Das ist für uns von überragend wichtiger Bedeutung." Auch in der Breite habe man viele positive Signale. "Schon 75 Prozent der Logen auf der Haupttribüne sind wieder verkauft."
Der VfB ist finanziell gesund, auch wenn Finanzvorstand Stefan Heim sagt: "Der Umsatz wird ungefähr um ein Drittel einbrechen." Vor allem wegen der weit geringeren Fernsehgelder.
Im typischen Deutsch der Geldverwalter sagt Heim: "Dieser Verein hat kein Mittel-Herkunftsproblem, sondern er hat ein Mittel-Verwendungsproblem." Das heißt: Viel Geld wurde vergeudet, weil man es falsch investiert hat. In Fußballprofis vor allem, die nicht die erhofften Leistungen gebracht haben.
Die Konsequenz laut Stefan Heim: "Wir brauchen maximale sportliche Kompetenz." Die beiden Verantwortlichen sitzen zwei Meter neben ihm, Sportvorstand Hitzlsperger und sein Sportdirektor. Sven Mislintat weiß, dass die angepeilte Erstliga-Rückkehr kein Selbstläufer wird. "Die 2. Liga ist nächstes Jahr ein echtes Brett." Nicht nur wegen dem HSV, Hannover und Nürnberg. Er schaut auch auf Heidenheim, St. Pauli und den von unten in die Liga zurückgekehrten badischen Landesrivalen Karlsruher SC. "Aber es ist keine Herausforderung, vor der wir Angst haben."
Am 19. Juni ist Trainingsauftakt. Die Pause ist extrem kurz. Drei Zugänge hat der VfB bereits bekanntgegeben, außerdem wird mit den nach Stuttgart zurückkommenden Leihspieler Marcin Kaminski (Düsseldorf) und Orel Mangala (HSV) geplant. Der Sportdirektor hat noch "drei, vier Spieler im Köcher", die der VfB verpflichten könnte. Mislintat geht es nach den Erfahrungen der abgelaufenen Saison auch darum, "etwas hinzubekommen, was man Leistungskultur nennen kann". Einen echten Kampf um die Startelf-Plätze soll es geben.
Wer bleibt, wer kommt, wer geht?
Offen ist noch, wie es mit zahlreichen Profis weitergehen wird, die unter den Erwartungen geblieben sind. An diesem Montag ist intern der Entscheidungstag, wenn Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat zusammensitzen und final den Daumen nach oben oder unten drehen. "Da werden wir das abschließend klären und dann auf die Spieler zugehen", sagt der Sportvorstand. Dann werden auch die VfB-Routiniers mit den auslaufenden Verträgen hundertprozentige Klarheit haben, ob es für sie eine Zukunft am Cannstatter Wasen gibt, Kapitän Christian Gentner sowie die Defensivspieler Andreas Beck und Dennis Aogo.
Grundsätzlich geht der Weg in eine andere Richtung. "Mut ist eine der Überschriften, die wir setzen wollen", verkündet Sven Mislintat. Der VfB soll anders Fußball spielen, frischer, hungriger, offensiver. Tim Walter, der neue Trainer, der aus Kiel kommt, habe "einen Spielstil, der uns sehr gefällt", sagt der Sportdirektor. Er sei einer, "der Fußball mit Ball denkt, nicht nur gegen den Ball". Mislintat und Hitzlsperger haben sich für einen speziellen Trainertypen entschieden, vor allem aber für dessen Denken.
Insofern sieht der Talentefinder Sven Mislintat im VfB Stuttgart trotz des Abstiegs keinen unangemessen kleinen Arbeitgeber. Von einem gewissen Jürgen Klopp, frisch gebackener Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool, ist der einstige Dortmunder Wegbegleiter Mislintat jedenfalls zum VfB-Job beglückwünscht worden. "Ey, Wahnsinnspotenzial", soll Klopp gesagt haben.
Was zu beweisen wäre, zumindest mal auf Zweitliganiveau.
Stimme.de