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Olympische Momente
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Rettungshubschrauber, Mamas Geschenk und Familienfotos: Ein persönlicher Rückblick auf die 25. Winterspiele 

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Der olympische Geist hat viele Gesichter: Mal bewegt er die Menschen, mal erfreut er sie, manchmal übertreibt er aber auch. Wie bei Lindsey Vonns tragischer Abfahrt.

Von lm 
So stellt man sich Olympische Winterspiele vor: Die Ringe am Casa Italia vor verschneiten Bergen, dem Tofana-Massiv.
So stellt man sich Olympische Winterspiele vor: Die Ringe am Casa Italia vor verschneiten Bergen, dem Tofana-Massiv.  Foto: Lars Müller-Appenzeller

Der olympische Geist, er ist ein flüchtiger Geselle. Es war gar nicht so einfach, ihn bei den 25. Winterspielen zu fassen zu bekommen, da zur Feier des Jubiläums die Wettkampstätten so großzügig über Norditalien von Mailand bis Cortina verteilt worden waren. Aber er war da, immer mal wieder. Machte Gänsehaut. Machte warm ums Herz. Machte Lust auf mehr. Zumindest in diesen Momenten rund um Cortina.

Nette Begrüßung von Skeletonpilotin Hannah Neise und ihre Kuscheldecke

Es ist ein Privileg, sechs Mal bei Olympischen Spielen dabei sein zu können. Und ein noch größeres, im olympischen Dorf herumspazieren zu dürfen. Da war er überall, der olympische Geist. Mal trug er kanadisch rot-schwarze Sportkleidung, mal italienisch blaue, mal argentinisch weiß-blaue, immer ein Lächeln. Die deutsche Skeletonfahrerin Hannah Neise bat auf dem ehemaligen Flugplatzgelände mit bewegender Herzlichkeit in ihr Mobile Home: „Hallo, ich bin Hannah, die Schuhe könnt ihr anlassen.“ Aber dann wird doch alles nass!? „Das macht nichts, ich wische nachher durch.“

Persönliche Einblicke: Hannah Neises Kuscheldecke mit Botschaft von Mama.
Persönliche Einblicke: Hannah Neises Kuscheldecke mit Botschaft von Mama.  Foto: Lars Müller-Appenzeller

Die 25-Jährige freute sich, dass sich jemand für sie und ihren Sport interessiert. Sie erzählte und erzählte, beantwortete jede Frage. Auch zu der Kuscheldecke auf ihrem Bett, die sie von ihrer Mutter für die Corona-Spiele in Peking 2022 mit auf den olympischen Weg bekommen hatte. Auf der Decke stand: „An meine Tochter, auch wenn ich nicht bei dir sein kann, möchte ich, dass du weißt, dass ich dich liebe, für das Mädchen, das du mal warst, für die großartige Frau, die du heute geworden bist, und für die besondere Tochter, die du immer sein wirst. Decke dich hiermit zu und nimm es als große Umarmung!! In Liebe, deine Mama“.Der olympische Geist bewegt.

Himmerfahrtstag für Lindsey Vonn statt Heiligsprechung

Gibt es etwas Schlimmeres, als sein Kind, seine Tochter leiden zu sehen? Alan Kildow gehörte am ersten Sonntag der Spiele zu den Zuschauern, die ins Ziel der Olimpia delle Tofane gepilgert waren. Es stand eine Heiligsprechung im Raum, Lindsey Vonn, geborene Kildow, schickte sich an, in der Abfahrt mit ihren 41 Jahren die älteste Olympiasiegerin ihres Sports zu werden – mit wenige Tage zuvor erlittenem Kreuzbandriss, wie die Drama-Queen mitgeteilt hatte. Doch nach 13 Fahrsekunden mit Startnummer 13 passierte ein fürchterlicher, folgenschwerer Sturz – komplizierter, offener Schienbeinbruch, in Zeitlupe auf der Videowand seziert. Stille im Ziel, minutenlange absolute Stille. Bis knatternd der Rettungshubschrauber kam. Statt Heiligsprechung gab es eine Himmelfahrt: Die US-Amerikanerin wurde mit einem Seil geborgen, in den strahlend blauen Himmel gezogen. Langsam setzte wieder Musik ein: „We could be heroes“. Der Heli, mit Vonn am Haken, flog über das Ziel, die Zuschauer applaudierten, als könnte es die engelhafte Skiheldin hören. Papa Alan Kildow sagte später: „Es bricht mir das Herz.“

Himmelfahrtstag: Die US-Amerikanerin Lindsey Vonn wird nach ihrem schweren Sturz in der Abfahrt ins Krankenhaus geflogen – über das Ziel hinweg.
Himmelfahrtstag: Die US-Amerikanerin Lindsey Vonn wird nach ihrem schweren Sturz in der Abfahrt ins Krankenhaus geflogen – über das Ziel hinweg.  Foto: Jacquelyn Martin

 Ski-Ass Federica Brignone, die Königin der Rückkehrerinnen

Statt Lindsey Vonn krönte sich an selber Stelle ein paar Tage später die Italienerin Federica Brignone, auferstanden nach einer komplizierten Verletzung („Mein Knie ist ruiniert, mein Unterschenkel nicht mehr gerade“), mit Gold im Super-G und im Riesenslalom zur Königin aller Rückkehrerinnen. Da hat die eine der anderen die Show gestohlen. Und die Heiligsprechung.Der olympische Geist übertreibt manchmal.

Warum Ebba Anderssons Doppelsturztechnik in Antholz für Belustigung sorgt

Das Problem bei Olympischen Spielen ist, dass mehrere Dinge gleichzeitig passieren. Das ist in den Pressezentren am besten zu beobachten. Überall sind fünf, sechs, sieben Bildschirme verteilt, auf denen hier Vorläufe aus Mailand zu sehen sind, dort die Entscheidung aus Tesero gezeigt wird, nicht zu vergessen Curling in Cortina. Auch im Bauch des imposanten Biathlon-Stadions von Antholz ging es vor dem Sprint der Frauen wuselig zu. Rechts sprangen zwei Männer jubelnd auf: Lettland hatte im Eishockey gerade Deutschland mit 4:3 besiegt. Links gab Ole Einar Björndalen ein Interview, ein paar Meter weiter plauderten Magdalena Forsberg und Sven Fischer – Biathlonlegenden unter sich. Sie schwirren immer noch um Olympia, angezogen vom noch bis Sonntagabend brennenden olympischen Feuer.

Papa hat bei Olympia im Eiskanal gearbeitet: Die Letten Martins Bots und Roberts Plume sind zwar nur Fünfter geworden, Plümes kleine Tochter hat ihn im Zielbereich dennoch strahlen lassen.
Papa hat bei Olympia im Eiskanal gearbeitet: Die Letten Martins Bots und Roberts Plume sind zwar nur Fünfter geworden, Plümes kleine Tochter hat ihn im Zielbereich dennoch strahlen lassen.  Foto: Michael Kappeler

Der Olympische Geist ist auch unterhaltsam

Plötzlich ging ein Raunen durch den mit Hunderten Menschen gefüllten Saal. Auf einem Bildschirm links war zu sehen, wie sich die schwedische Langläuferin Ebba Andersson im Staffelrennen überschlug und mit einem Ski weiterlief. Kollektive Anteilnahme. Als ein Helfer eingeblendet wurde, der ihr einen Ersatzski bringen wollte und dabei ebenfalls stürzte, schlug die Anteilnahme in kollektive Belustigung um. Die Doppelstocktechnik ist auf Langlaufskiern elementar. Die Doppelsturztechnik hinderlich. Der olympische Geist unterhält.

Roberts Plümes besondere olympische Vater-Tochter-Beziehung 

Am olympischen Eiskanal ist immer was los, von morgens bis spät abends. Bei den Rodelrennen stand immer ein Kinderwagen im Zielhaus, wobei der dort gar nicht groß gebraucht wurde. Das dazugehörende kleine Mädchen im süßen rosa Overall war immer hellwach. Kein Wunder, bei dem Lärm. Wobei ihre Mama immer darauf achtete, dass der Gehörschutz nicht verrutschte. Ihr Papa Roberts Plüme ist ein echter Flitzekeks, bildet mit Martins Bots einen Doppelzweier. Während der 25-Jährige vor vier Jahren in der Team-Staffel Bronze holte, war es diesmal nur Platz vier, im Doppel Platz fünf.Roberts Plüme lächelte trotzdem stets im Ziel, wenn er sein Töchterchen sah. Nach seinem letzten Rennen machte er stolz Familienfotos. Mit Lettland-Fahne. Mit den Olympischen Ringen. Mit ohne Gehörschutz. Die Bilder wird er eines Tages seiner Tochter zeigen und ziemlich sicher sagen: „Schau mal, da warst du schon bei den Olympischen Spielen!“Der olympische Geist hat viele Gesichter. Man muss nur im olympischen Trubel genau hinschauen, um das zu erkennen.

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