Pro und contra: Soll der Olympia-Ausschluss für Russland weiter gelten?
Biathleten mit Militärgrad, aber Eiskunstläufer unter neutraler Flagge: Die Verbände ringen vor Olympia 2026 mit teils schwierigen Entscheidungen. Unsere Autoren sind unterschiedlicher Meinung.

Knapp zwei Monate vor der Eröffnung der Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo ist weiter offen, welche Athleten aus Russland und Belarus wegen des anhaltenden Angriffskrieges gegen die Ukraine auf die große Olympia-Bühne zurückkehren dürfen.
Während einige Weltverbände nach Urteilen des Sportgerichtshofs Cas Anpassungen vorgenommen und Starts unter neutraler Flagge erlaubt haben, hält etwa der Biathlon-Weltverband bislang am Ausschluss fest. Soll der Olympia-Ausschluss für Russland weiter gelten? Unsere Autoren sind unterschiedlicher Meinung.
Pro: Grünes Licht für Russen führt zu Unfairness im internationalen Vergleich
Von Stefanie Wahl
Die Situation ist politisch brisant, sportlich komplex und menschlich belastend. Kriege kennen zumeist eben nur Verlierer. Auch die russischen und belarussischen Biathleten zählen dazu. Ihr Wunsch, bei den Olympischen Spielen in Mailand/Cortina dabei zu sein, ist legitim. Ihre Erfolgsaussichten sind allerdings sehr gering.
Daran ändert auch der Fakt wenig, dass zuletzt einige Ski- und Snowboardfahrer ihre Olympia-Qualifikation unter neutraler Flagge erstritten haben. Die Sportsysteme in Russland und Belarus sind nachweislich massiv staatlich gefördert und beeinflusst. Um beim Biathlon zu bleiben: Dort existiert gar keine Regelung für einen Start von neutralen Athleten.
Wer neutralen Status beantragt, darf keine Verbindungen zum Militär oder zu staatlichen Sicherheitsbehörden haben. Das Gros der Skijäger gehört allerdings – schon formal – den russischen Streitkräften an. Ein Beispiel: Der Olympia-Dritte von Peking 2022, Eduard Latipow, besitzt den Dienstgrad Leutnant.
Tür und Tor für Beschiss und Betrug geöffnet
Hinzu kommt, dass die Quotenplätze für die Spiele in Italien bereits vergeben sind. Punkte für Wildcards für Verbände ohne Quotenplätze sind nur noch bis Mitte Januar bei den Weltcuprennen in Ruhpolding zu holen. Dies ist aufgrund des IBU-Ausschlusses der Russen und Weißrussen de facto aber gar nicht möglich.
Nicht zu reden davon, dass die Athleten in kein Antidoping-System mehr involviert sind, was jegliche Art von Missbrauch drastisch erhöht – und zu einer Unfairness im internationalen Vergleich führt.
Dass beschissen und betrogen wird, belegt der jüngste Fall: Ein unabhängiges Gremium des Rodel-Weltverbandes Fil hat einige Individuelle Neutrale Athleten mit sofortiger Wirkung vom Weltcup in Übersee ausgeschlossen, nachdem diese erneut überprüft worden sind.
Contra: Verbände müssen Start unter bestimmten Voraussetzungen ermöglichen
Von Lars Müller-Appenzeller
Es ist ein Dilemma. Natürlich kann während den Olympischen Spielen nicht so getan werden, als sei auch außerhalb von Mailand und Cortina d’Ampezzo überall Friede, Freude, Eierkuchen. Die olympische Friedenspflicht, eine Erfindung der alten Griechen, gebietet, dass Kriegshandlungen überall auf der Welt zu ruhen haben, damit die Athletinnen und Athleten unbeschwert ein Sportfest feiern können.
Nein, der (bela-)russische Sport hat bei dieser Party nichts verloren. Aber dennoch muss der Sport in Mailand/Cortina 2026 mit einer Sprache sprechen. Und das tut er – Stand jetzt – nicht. Zum einen dürfen Behindertensportler aus Belarus und Russland im Februar wieder unter eigener Flagge antreten, das Internationale Paralympische Komitee hob die aus dem Angriffskrieg gegen die Ukraine resultierenden Sanktionen gegen beide Nationen im September überraschend auf.
Mannschaftssport unter neutraler Flagge, das funktioniert nicht
Zum anderen sind sich die olympischen Sportverbände uneins, wie sie mit den Urteilen des Sportgerichtshofs Cas umgehen. Im Eishockey und Curling sind die Nationalmannschaften von Russland und Belarus komplett ausgeschlossen – recht so, denn Mannschaftssport unter neutraler Flagge, das funktioniert nicht, das wäre unglaubwürdig. Die neutrale Flagge, sie hat sich als Deckmantel für einen Kompromiss während der Sommerspiele 2024 in Paris bewährt.
Wer mit russischem beziehungsweise belarussischem Pass gewisse Bedingungen erfüllt, sollte in Mailand und Cortina starten dürfen – egal, ob es ein Biathlet, eine Eiskunstläuferin oder ein Langläufer ist. Das müssen alle Verbände einheitlich regeln und ermöglichen. Erfüllen die Sportler die Voraussetzungen nicht, sind sie weder politisch noch mit Blick auf den Antidopingkampf sauber, dann vermisst sie auch wirklich niemand.
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