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Pro und Contra: Schützen Geschlechtertests den Frauensport?

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Im Vorfeld der Leichtathletik-WM hat der Weltverband die verpflichtende Überprüfung des Geschlechts eingeführt. Unsere Autoren sind unterschiedlicher Meinung.

Von Lars Müller-Appenzeller und Stephan Sonntag
Auch WM-Titelverteidigerin Malaika Mihambo hat sich dem Gentest unterziehen müssen. Die Weitspringerin hatte im Vorfeld Kritik geübt: „Für ein sehr kleines Problem werden enorme Ressourcen aufgewendet.“
Auch WM-Titelverteidigerin Malaika Mihambo hat sich dem Gentest unterziehen müssen. Die Weitspringerin hatte im Vorfeld Kritik geübt: „Für ein sehr kleines Problem werden enorme Ressourcen aufgewendet.“  Foto: Bernd Thissen

Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo sieht die vor den Weltmeisterschaften verpflichtenden Gentests skeptisch. „Ich habe den Gentest schon gemacht. Ich habe auch schon mein Ergebnis. In dem Sinne ist es mir nicht schwergefallen“, sagte die 31-Jährige vor dem Start der WM am Samstag in Tokio.

Die Maßnahme sei aber nicht optimal gewesen, weder kurzfristig noch langfristig, „weil da einfach sehr viele Fragen offen bleiben“. Schützen Geschlechter-Tests den Frauensport? Unsere Autoren sind unterschiedlicher Ansicht.

Pro: Die bestehenden Geschlechtertests sind besser als nichts

Von Lars Müller-Appenzeller

Geschlechtertests wie vor der noch bis Sonntag laufenden Box-WM und den am Samstag beginnenden Leichtathletik-Welttitelkämpfen sind im Sport nicht neu. Einfache körperliche Untersuchungen wurden schon zu den Europameisterschaften der Leichtathleten 1966 in Budapest eingeführt (weil es ein Problem geworden war, zwischen gedopten Frauen und Männern zu unterscheiden).

Auch das Internationale Olympische Komitee testete von 1968 bis 1996 alle Olympia-Starterinnen per Abstrich. Der Zweifel, ob da nicht manche Frau ein Mann ist, ist so alt wie der Sport. Damals wie heute geht es darum, gleiche Wettbewerbsbedingungen für Frauen und Männer zu haben. Sport muss messbar, vergleichbar sein – dafür braucht es Regeln.

Das Durcheinander von Paris zeigt, dass die Regeln präzisiert werden müssen

Das Durcheinander mit den beiden Boxerinnen Imane Khelif aus Algerien und Lin Yu-ting aus Taiwan bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris zeigte, dass die Regeln präzisiert werden müssen. Zur Erinnerung: Beide waren von der WM 2023 vom Boxverband ausgeschlossen worden, waren bei Olympia aber startberechtigt – und holten trotz Protesten ihrer Gegnerinnen und unter großem Wirbel jeweils Gold.

Der Ansatz ist richtig, im Spitzensport braucht es einen Test, der feststellen kann, ob jemand eine Frau oder ein Mann ist. Aber tatsächlich gibt es etwas dazwischen, so dass der weltweite Sport ein komplexes Problem und dafür immer noch keine optimale Lösung hat. Die bestehenden Tests sind besser als nichts. Ja, sie sind ein Eingriff in die Privatsphäre. Das ist aber jeder Dopingtest auch.

Contra: Richter haben Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Testmethode

Von Stephan Sonntag

Um Fairness im Sport geht es bei der von World Athletics (WA) beschlossenen Einführung der wissenschaftlich fragwürdigen SRY-Tests nur vordergründig. Ausschlaggebend ist vielmehr das Ende Juli ergangene Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Fall Caster Semenya. Die südafrikanische 800-Meter-Läuferin war wegen ihrer erhöhen Testosteronwerte von Wettbewerben ausgeschlossen worden.

Die Straßburger Richter sprachen der 34-Jährigen 80 000 Euro Schadensersatz zu, wichtiger war aber, dass sie grundsätzliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Methode anmeldeten. Allein dadurch war der Weltverband schon zum Handeln gezwungen.

Weltverbandschef Sebastian Coe griff in seiner Not zu einem alten Hut

Zusätzlicher Druck kommt vom Mann im Weißen Haus in Washington und seiner „Es-gibt-nur-zwei-Geschlechter“-Politik. Donald Trump hat per Dekret Trans-Menschen generell vom Frauensport ausgeschlossen.Also griff WA-Chef Sebastian Coe in seiner Not zu einem alten Hut. Bereits in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte sich die SRY-Tests als untauglich zur Geschlechterbestimmung erwiesen.

Denn das SRY-Gen, das für die Hodenentwicklung verantwortlich ist, kann in nicht funktioneller Form auch bei Frauen vorliegen. Ein sportlicher Vorteil entsteht dadurch nicht. „Es gibt kein simples Entweder-oder“, stellte die frühere australische Mittelstrecklerin und Geschlechterforscherin an der Universität Lausanne, Madeleine Pape, kürzlich im Deutschlandfunk klar.

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