Stimme+
Olympia 2026
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Das empfiehlt ein Sportpsychologe Franziska Preuß und Lena Dürr

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Bei den Winterspielen in Cortina läuft es nicht so recht für das deutsche Team. Sportpsychologe Dirk Schwarzer hat vor allem bei Biathletin Franziska Preuß und Lena Dürr genau hingeschaut.


Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Gold und Blech, Freud und Leid liegen bei den Olympischen Spielen eng beieinander. Es gibt gerade viele Enttäuschungen bei den deutschen Athletinnen und Athleten. Dirk Schwarzer aus Flein hat als Sportpsychologe einen besonderen Blick aus das Team Deutschland. 

Herr Schwarzer, worauf schauen Sie als Sportpsychologe, wenn Sie in diesen Tagen das deutsche Team bei Olympia verfolgen?

Dirk Schwarzer: Ich habe eher den Blick auf die Situationen, in denen Athletinnen und Athleten hinter ihren Erwartungen geblieben sind.

Biathletin Franziska Preuß hat offensichtlich ein Kopfproblem. Wie könnte man ihr mit Blick auf den Massenstart auf die Schnelle helfen?

Schwarzer: Das lässt sich nicht mit ein paar einfachen Tricks beheben. Sie hat schon die gesamte Saison eine Formkrise. Ich glaube, das ist nicht ihre Wohlfühlzone, auf ganz großer Bühne zu laufen und zu schießen. Ich erinnere mich an ein Interview, in dem sie gesagt hat, dass sie am Schießstand die natürlich positiv gemeinten Stimmen hört, die „Franzi, Franzi“ rufen. Ich schätze sie als eine Sportlerin ein, die das mitbekommt und das nicht komplett ausblenden kann. Das kann im positiven Fall dazu führen, dass sie hervorragende Leistungen bringt, weil sie sich bestärkt fühlt. Aber sie hat ein mentales Thema beim Stehendschießen, vor allem bei Nachladern. 

Macht gerade schwere Zeiten durch: Franziska Preuß.
Macht gerade schwere Zeiten durch: Franziska Preuß.  Foto: Hendrik Schmidt

Dass es ihre letzten olympischen Wettkämpfe sind, macht es nicht einfacher.

Schwarzer: Ja, weil sie es allen, vor allem sich selber noch ein letztes Mal zeigen und diese ihr fehlende olympische Einzelmedaille holen will. Letztlich geht es um den Umgang mit Erwartungen. Davon muss sie sich freimachen.

Wie funktioniert das?

Schwarzer: Indem sie sagt: Okay, das will ich jetzt noch einmal genießen! Das ist jetzt mein Moment! Indem sie sich Dinge hervorruft, die sie stark gemacht haben, die sie zu einer außergewöhnlichen Sportlerpersönlichkeit gemacht haben.

Dirk Schwarzer ist Professor an der DHBW Heilbronn.
Dirk Schwarzer ist Professor an der DHBW Heilbronn.  Foto: privat

Wäre es eine Lösung für sie, auf den letzten Start zu verzichten?

Schwarzer: Das würde ich nicht empfehlen. Was ist jetzt zu verlieren? Der schlimmste Fall ist eingetreten. Es gibt ja nur die Möglichkeit zum Besseren hin.

Bei Lena Dürr ist bereits in drei olympischen Momenten der schlimmste Fall eingetreten. Ist ihre Situation mit jener von Preuß vergleichbar?

Schwarzer: Ja. Weil es für beide die letzten Olympischen Spiele sind. Auch die olympische Geschichte der beiden hat Parallelen. Es ist ein gewisses Muster erkennbar.

Lena Dürr sagt, sie sei stolz auf ihre Teilleistungen. Ist das der richtige Ansatz, um alles zu verarbeiten?

Schwarzer: Ich habe nicht mit ihr gesprochen. Aber was sich beobachten ließ: eine heftige emotionale Reaktion nach dem Wettkampf nach einem Scheitern. Sie hat sich erst einmal zurückgezogen, wie der Norweger Atle Lie McGrath nach seinem Ausscheiden, der erst mal in den Wald gegangen ist. Das zeigt, dass ganz schön Druck auf dem Kessel gewesen sein muss. Dass sie sich erstmal gesammelt hat, ist selbstwertdienlich. Bei einer jüngeren Athletin, bei der es noch um das sportliche Weiterentwickeln geht, müsste man schon genauer auf das aufgetretene Muster schauen.

Wie würde man das machen?

Schwarzer: Man überlegt, was Wohlbefinden schafft, mit welcher Strategie sie sich hinterher okay fühlt mit dem, was sie geleistet hat. Wenn ich im Tennis oft eine klare Führung habe und den Sack nicht zumache oder bei Skirennen im zweiten Lauf oft zurückfalle, dann muss ich fragen: Was hat dazu geführt? Natürlich muss Lena Dürr im olympischen Finale voll auf Angriff fahren, um eine Medaille zu holen – ab dem dritten Tor. 

Hat im Slalom im ersten Tor des zweiten Laufes eingefädelt: Lena Dürr.
Hat im Slalom im ersten Tor des zweiten Laufes eingefädelt: Lena Dürr.  Foto: Michael Kappeler

Bobpilot Johannes Lochner hat von Stimmen in seinem Kopf berichtet, die sagten: „Es ist nur alle vier Jahre“. Welche Rolle spielt dieser Faktor?

Schwarzer: Eine sehr große. Olympische Spiele sind nicht vergleichbar mit irgendeinem Wettkampf. Da kommt es in Präzisionssportarten wie Biathlon und im Slalom der Alpinen sehr auf das Zusammenspiel von Emotion, Konzentration und mentaler Stärke an. Und das alles mit einer immensen medialen und zunehmend aggressiven Öffentlichkeit, so dass der Deutsche Olympische Sportbund gar KI-Filter einsetzen muss, um Hasskommentare aus dem Internet rauszunehmen. Das ist schon Stress verschärfend für Athleten. 

Für die Erfolge der jeweiligen Olympia-Gastgeber gibt es viele Erklärungen. Wie lassen sich die vielen Medaillen für Italien erklären?

Schwarzer: Das hat vor allem mit der Sportförderung zu tun. Man muss strukturell darauf schauen. Das hatten wir ja auch in Deutschland 1972. Damals wurden Strukturen geschaffen, Sportinstitute gegründet, Gelder ins System gegeben. Wobei mehr Geld im System nicht zwangsläufig dazu führt, dass wir im Medaillenspiegel weit vorne stehen. Italien erlebt auch außerhalb des Wintersports einen Boom, vor allem im Tennis. Das passt ins Bild. Der Heimvorteil scheint die Italiener zu beflügeln. Grundsätzlich gilt im Spitzensport: Etwa ein Drittel aller Athletinnen und Athleten zeigt unter vermeintlicher Last auf großer Bühne noch bessere Leistungen.

Zur Person

Professor Doktor Dirk Schwarzer leitet den Studiengang BWL-Dienstleistungsmanagement/Sportmanagement an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn. Der 53-jährige Sportpsychologe aus Flein berät und betreut Leistungs- und Spitzensportler. Dirk Schwarzer ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland und war viele Jahre Sportlicher Leiter beim Tennis-Weltranglistenturnier Heilbronn Open.

Nach oben  Nach oben