Leon Glatzer: Auf der perfekten Welle nach Tokio
Der 24-jährige Wellenreiter kämpft sich von einem kleinen Dorf in Costa Rica in die Szene. Ab Sonntag ist Leon Glatzer mit den Helden seiner Kindertage auf dem Wasser.

In sein Buch schreibt er diesen innigen Wunsch. 2018. Satz für Satz. Immer wieder kommt eine Passage hinzu. Gedanken oder Tipps seines südafrikanischen Trainers Lu. Alles Zeichen, wie intensiv der innere Drang ist, sich den Traum zu erfüllen. Zugleich, um zu sehen, wie er ihn sich erfüllt. Es ist der Wunsch, bei Olympia dabei zu sein.
Leon Glatzer ist der erste deutsche Surfer bei den Spielen. Er zählt überraschend zu jenen 20, die bei der olympischen Premiere der Wellenreiter dabei sind. Als er bei der letzten Chance klappt, im Juni in El Salvador unter 155 Athleten einen der letzten fünf Plätze zu ergattern, weint er. Weil er nach fünf Jahren Training das Gefühl "am besten Tag seines Lebens" so hammermäßig findet und der ungeheure Druck nach dem achttägigen Marathon endlich raus muss.
Nach der Qualifikation lässt er sich die Ringe tätowieren
Noch am selben Tag lässt er sich die olympischen Ringe auf den Unterarm tätowieren. An dem Shop in der Nähe der Welle. Was als Witz beginnt, wird zum lebenslangen Begleiter. "Wenn du Olympionike bist, bist du es für immer. Für mich ist das sehr speziell", sagt Leon Glatzer.
Am Tsurigasaki Surfing Beach in Japan tritt er - wenn es die Natur zulässt - von Sonntag an gegen seine Helden seit Kindertagen an, den Brasilianer Gabriel Medina und John John Florence (USA), mehrmalige Titelträger der Championship Tour. Sie sind die Favoriten, Leon Glatzer aber hat keine Angst vor großen Namen, strahlt Selbstvertrauen aus, und in jedem seiner Worte schwingt ansteckende Begeisterung mit.
Glatzer weiß nun, was Feuer und Flamme für Olympia bedeutet
Sie entgeht auch Alfons Hörmann nicht, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes hebt den 24-Jährigen explizit hervor, als er mitbekommt, dass Glatzer nach eineinhalb Tagen im olympischen Dorf sagt: "Nun weiß auch ich, was Feuer und Flamme für Olympia bedeutet."
Dieser Mann lebt seinen Traum. Seine Geschichte aber ist anders. Geprägt von knallharter Arbeit auf dem Wasser, unendlich viel Reiserei, der richtigen Welle zum richtigen Zeitpunkt und nicht zuletzt von ein bisschen Zufall. Wer sich Leon Glatzer über Fotos und Videos nähert, gleitet rasch ins mit Kitsch und Romantik gepflasterte Klischee der Surfwelt ab. Doch Wellenreiten ist nicht Windsurfen à la Robby Naish.
Mit vier die erste Welle auf dem Board von Mama
Leon Glatzer wird auf Maui, Hawaii geboren. Seine Mutter, ein deutsches Model, und sein Vater machen 1999 Urlaub im Süden Costa Ricas, am Pazifik. Weil es allen gefällt, bleiben sie mit dem Zweijährigen in Pavones, einem kleinen Dorf nahe der Grenze zu Panama. Pavones, der Glücksort Glatzers. Mit vier erlebt er dort seine erste Welle, mit Mama auf dem Board. Ein Moment mit Langzeitwirkung. Unweit von ihrem Haus übt er auf der drittlängsten Welle der Welt all seine Manöver. In dieses "Paradies" kommt Leon Glatzer immer wieder zurück. Nicht nur, weil es für der ideale Trainingsort ist.
Als Corona die Sportwelt lahmlegt, findet er hier Ruhe, Zeit für Mama, den Bruder, seine Kumpels. Die andere Hälfte der Familie wohnt in Kassel. Eine besondere Phase für den Mann, den seine Leidenschaft seit er mit 15 Jahren seinen ersten Vertrag erhält, zehn Monate im Jahr um die Welt tingeln und einzig an Weihnachten daheim sein lässt. Daheim? "Mein Zuhause ist die Welt", sagt Leon Glatzer. Vor Olympia ist es Europa: Frankreich, Portugal, Spanien. Dort besitzt er weder Wohnungen noch Häuser, er kommt bei seinem Sponsor unter.
Coole, lässige Welt, harte tägliche Arbeit
Von wegen coole, lässige Welt. "Es ist ziemlich schwer Profi zu sein, da steckt enorm harte Arbeit drin. Ich stehe jeden Tag um 5.30 Uhr auf", sagt Leon Glatzer, an manchen Tagen schlafe er überhaupt nicht, seine Freundin sieht er selten und nach der Olympia-Qualifikation reißt er einen Medientermin nach dem anderen runter. Das Wichtigste aber ist es, "immer mental stark zu sein". Neben Yoga, Stretching, Mobilisation und Krafttraining arbeitet er mit einem Sportpsychologen. Der schaut Glatzer auf die Hände, beobachtet, arbeitet mit ihm, wenn er traurig ist. "Er bringt mich runter, wenn ich zu viel Energie habe, da ist sehr viel Vertrauen. Mein Coach würde in so einer Situation eher sagen: reiß" dich zusammen."
Um in Wettkampfmodus zu kommen, hört Leon Glatzer, "Verrückte Leute" von Capital Bra. Ein rauher, ja brutaler Song, der so gar nicht zu seinem sonnigen Wesen zu passen scheint. Doch: "Manchmal muss ich aggressiv sein, und dieses Lied bringt mir diese Härte und Aggressivität", sagt er und lacht.

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