Vor 20 Jahren: «Flo-Jo» pulverisiert Weltrekord

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Hamburg (dpa) ­ Sie lief lange nur mit. Aber eine Mitläuferin war Florence Griffith-Joyner nie. Am 16. Juli jährt sich zum 20. Mal der Tag, an dem sich die plötzliche, wundersame Wandlung der Läuferin in einer extremen Leistungsexplosion dokumentierte.

Von Hans-Hermann Mädler, dpa
Florence Griffith-Joyner kniet nach ihrem 200m-Erfolg 1988 auf der Tartanbahn von Seoul.
Florence Griffith-Joyner kniet nach ihrem 200m-Erfolg 1988 auf der Tartanbahn von Seoul.

Als sie noch im langen Schatten der Olympiasiegerinnen Evelyn Ashford und Valerie Brisco-Hooks und der DDR-Asse Marlies Göhr und Marita Koch stand, zog die rassige Kalifornierin die Blicke des Publikums schon magisch auf sich: Mit wehenden schwarzen Haaren, grellen, knallengen Rennanzügen und 16 Zentimeter langen, buntlackierten Fingernägeln rannte «Flo-Jo» über die Laufbahnen der Welt. Bis 1987 irgendwo auf den Rängen drei bis zehn der Jahresbestenlisten über 100 und 200 Meter. Dann, bei den USA-Ausscheidungen für die Olympischen Spiele in Seoul rannte sie in Indianapolis im Viertelfinale die 100 Meter in 10,49 Sekunden - unglaubliche 27/100 Sekunden schneller als der bestehende Weltrekord von Evelyn Ashford (10,76).

«Die Götter waren mit ihr», schwärmte der neunmalige Olympiasieger Carl Lewis über den Lauf, an dem offiziell nur die angegebene Windstille verdächtig ist. In Seoul bestätigte sie mit 10,62 diese Zeit und verbesserte über 200 Meter den Weltrekord von Marita Koch (21,71) mit 21,34 um eben so phänomenale 37/100 Sekunden. Bis heute ist ihr nur eine etwas näher gekommen: Marion Jones (10,65/21,62) - die geständige Doping-Sünderin.

Natürlich wurden die Wunderzeiten von Florence Griffith-Joyner sofort voller Misstrauen betrachtet. Zu auffallend und verdächtig waren die körperlichen Veränderungen, die innerhalb weniger Monate zu erkennen waren: Aus der grazilen, leichtfüßigen Sprinterin war eine muskelbepackte Athletin mit sonorer Stimme geworden, bei der mancher Beobachter gar einen leichten dunklen Flaum auf der Oberlippe erkennen wollte. Noch in Seoul machte das Gerücht die Runde, dass ein weiterer großer Goldfisch positiv getestet worden sei, die Olympier aber einen zweiten Fall Ben Johnson nicht zulassen wollten.

«Ich habe nie gedopt», erklärte die bei zahlreichen Doping-Tests nie aufgefallene extravagante Schönheit, die den Sündenfall des kanadischen Sprinters mit den Worten kommentierte: «Es ist traurig für den Sport, dass Athleten glauben, Dopingmittel nehmen zu müssen, um Sieger zu werden.» Für ihre Wandlung hatte sie eine Erklärung: «Ich war es leid, immer Zweite zu sein. Wenn man wie ein Mann laufen will, muss man wie ein Mann trainieren.» Schon wenige Monate nach den drei Goldmedaillen von Seoul (100, 200 und 4 x 100 sowie Silber über 4 x 400 Meter) beendete sie am 25. Februar 1989 ihre Karriere.

Danach verdiente sie ihr Geld mit Werbeverträgen, als Designerin von Laufanzügen, Babywäsche und Fingernägel sowie nach der Geburt ihrer Tochter Mary Ruth als Kinderbuchautorin. Das angekündigte Comeback zu den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta scheiterte wegen eines Knorpelschadens im Knie, ehe der Versuch ernsthaft in Angriff genommen wurde.

Einen leichten Schlaganfall im April 1986 während eines Fluges von Los Angeles nach St. Louis nahm Florence Griffith-Joyner nicht ernst, er belebte aber die Verdächtigungen: Spätfolgen des Dopings? Auch ihr plötzlicher Tod im Alter von gerade 38 Jahren am 21. September 1998 heizte die Diskussionen um Folgeschäden von Anabolika-Missbrauch wieder an. Doch die schnellste Frau der Welt starb nach einem epileptischen Anfall im Schlaf, der durch eine angeborene Abnormität des Hirns hervorgerufen wurde. Hinweise auf Doping ergab die Obduktion nicht.

Ehemann Al Joyner, der Dreisprung-Olympiasieger von 1984 klagte: «Lasst sie doch wenigstens jetzt in Frieden.» Und der damalige US- Präsident Bill Clinton sagte nach ihrem Tod tief bewegt Worte, die trotz aller Ungereimtheiten im kurzen Leben der Florence Griffith- Joyner auch heute noch gelten: «Wir wurden geblendet von ihrer Geschwindigkeit, überwältigt von ihrem Talent und im Bann gehalten von ihrer Ausstrahlung.»

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