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Berlin (dpa)

Steffi Nerius: «Was für ein Wochentag ist heute?»

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Steffi Nerius hat als erste deutsche Speerwurf-Weltmeisterin für einen Freudentaumel unter den Gastgebern bei der Leichtathletik-WM gesorgt.

Steffi Nerius verbeißt sich in die Goldmedaille.
Steffi Nerius verbeißt sich in die Goldmedaille.

Die 37 Jahre alte Leverkusenerin besiegte bei ihrer siebten Teilnahme zum Abschluss ihrer Karriere mit 67,30 Meter die favorisierten Maria Abakumova aus Russland und Weltrekordlerin Barbora Spotakova aus Tschechien - ihre insgesamt siebte Medaille bei internationalen Meisterschaften. Anstrengender als der Wettkampf war jedoch die Partytour und der Interview-Marathon nach ihrem Überraschungssieg in Berlin.

War es Taktik, gleich im ersten Versuch weit zu werfen?

Steffi Nerius : «Das war der Plan, aber nur Theorie. Es war unglaublich, und ich hätte nie gedacht, dass es für Gold reicht, vielleicht für eine Medaille. Als ich vor dem letzten Durchgang immer noch vorne lag, bin ich ganz schön nervös geworden. Nach der Qualifikation hatte ich zu meinem Trainer gesagt: Na ja, die Maria ist weg, die Barbora wirft auch weiter. Da bleibt nur, um Bronze zu kämpfen. Was soll's, alles Geschwätz - sagte ich dann. Ich werfe einfach 72 Meter und werde Weltmeisterin. Er meinte: Alles klar, aber wir sagen es nicht weiter. Auf der Fahrt ins Stadion habe ich noch meine Musik von Athen 2004 rausgeholt: One moment in time. Da habe ich Gänsehaut bekommen und gedacht: Heute ist dein Tag.»

Sie haben nach ihrem Sensationssieg gesagt, dass sie noch ganz unter Schock stehen. Haben sie ihn mittlerweile verarbeitet?

Nerius : «Ich bin wahrscheinlich noch im Schockzustand, sonst würde ich hier einschlafen. Ich bin nicht mal in der Lage zu weinen, weil die Tränen gestern alle aus mir herausgeströmt sind.»

Beim Speerwerfen gab es mit Ihnen und Christina Obergföll zwei deutsche Medaillenkandidatinnen - aber halbleere Ränge. Können Sie das verstehen?

Nerius : «Es ist einerseits ein bisschen schade, dass es nicht so richtig voll ist im Stadion. Aber wenn man da unten steht, hat man schon das Gefühl, dass es voll ist. Vielleicht sind die Karten zu teuer. Ich hab' ja auch 30 gekauft, das war nicht gerade ein Schnäppchen. Ich denke, die Preise sind zu hoch.»

Auf ihrem Stirnband stand bei dieser WM erst «Ran an die Buletten!», dann «Berlin - macht Rabatz!» und auf der Ehrenrunde: «Danke für die Treue.» Was haben sie für die drei letzten Wettkämpfe ihrer Karriere geplant?

Nerius : «Da schreibe ich nur noch «Party» drauf.»

Gibt es nach diesem grandiosen Erfolg den Rücktritt vom Rücktritt? Reizt sie die EM 2010 in Barcelona?

Nerius : «Niemand kann mich umstimmen. Alles ist perfekt. Ich war schon vor dem Wettkampf superstolz, was ich alles erreicht habe. Und das jetzt war die Krönung. Ich war ja schon Europameisterin, das kann jetzt nur schlechter werden. Ich hatte eine super Saison und glaube, mein Körper hat gesagt: Ich muss mich noch ein Jahr zusammenreißen. Da sollte man das Glück nicht herausfordern.»

Ist schon Wehmut aufgekommen?

Nerius : «Bis jetzt überhaupt nicht. Ich genieße das gerade einfach nur, so wie ich das ganze Jahr genossen habe. Ich freue mich auf die neue Herausforderung. Die Stelle bei Bayer habe ich ja seit 2002 und ich bin froh, dass ich jetzt zu 100 Prozent für meine Athleten da sein kann. Ich muss meinem Trainer danken, der mir sehr viel mitgegeben hat. Ich freue mich darauf, das meinen Athleten zu vermitteln - und sie zu quälen» (lächelt).

Was steht heute noch an?

Nerius : «Mein Terminkalender ist voll, das geht bis 18.30 Uhr durch. Die Siegerehrung krieg ich noch hin, aber dann haut es mich um. Was für ein Wochentag ist heute überhaupt?»

Aufgezeichnet von Ulrike John, dpa

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