So sieht es aus, das Olympische Dorf in Mailand. Die Einwohner spüren noch wenig von der Faszination der Spiele. Einige fühlen sich nicht informiert oder ihnen sind die Tickets zu teuer.
Foto: Peter Kneffel
Es knistert. Die sportive Jugend der Welt tummelt sich in Mailand und Cortina d’Ampezzo, wo von Freitag an das olympische Feuer lodern wird. Wie ist die Stimmung in Norditalien kurz vor Eröffnung der Olympischen Spiele? Knistert es auch bei der Bevölkerung? Oder ist es wegen der monatelangen olympischen Baustellen eher ein Brodeln?
„Die Models sind mit Skianzügen und Skischuhen auf die Laufstege rausgegangen.“
Eine zugezogene Mailänderin
„Ich merke überhaupt nichts von den Olympischen Spielen“, sagt eine mit ihrer Familie in Mailand lebende Österreicherin. In Milano geht alles seinen gewohnten Gang – gerade ging die Milano Moda Uomo zu Ende, die Mailänder Modewoche für Herrenmode. Da seien olympische Einflüsse zu sehen gewesen: „Die Models sind mit Skianzügen und Skischuhen auf die Laufstege rausgegangen.“
In Mailand ist die olympische Stimmung noch nicht überall zu spüren
Die zugezogene Familie kann mit den Spielen nichts anfangen. „Wir sind leider total desinformiert und desinteressiert an Olympia. Wir wissen nur, dass am Freitag alle Schulen geschlossen sein werden, weil die ganze Stadt blockiert sein wird.“ Die Künstlerin, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, reist am Tag nach der Eröffnungsfeier mit ihrer Familie in die Berge. Nicht etwa nach Cortina. Es ist eher eine Flucht aus der etwa 1,3 Millionen großen Metropole, es geht in die Schweiz.
Selfie in Cortina: Bobfahrer Francesco Friedrich (links) mit Alexander Schüller und Tim Becker.
Foto: Michael Kappeler
In den Bergen hingegen kommt man an den Spielen nicht vorbei. In Cortina, aber auch in Antholz, Livigno, Bormio, Predazzo und Tesero geht es in den nächsten zwei Wochen sprichwörtlich rund. Dass es wochenlang kaum geschneit hat, war ein Segen. „Gottseidank, sonst wären die Baustellen nicht fertig geworden“, sagt eine ehemalige Lehrerin, die in Deutschland studiert hat und in der Nähe von Cortina, in Vodo di Caldore lebt.
Das ganze Tal vor und hinter Cortina ist eine Riesenbaustelle
„Wir haben jetzt schon ein Jahr viele Staus. Alles wurde sehr spät begonnen, auch wegen Covid. Die ganzen Maßnahmen werden viel teurer als gedacht. Das ganze Tal ist eine Riesenbaustelle.“ Wegen der Spiele gab es 51 Verkehrsprojekte sowie an 47 Sportanlagen Baumaßnahmen, 340 Unternehmen seien an der Vorbereitung auf Olympia 2026 beteiligt, teilte der italienische Verkehrs- und Infrastrukturminister Matteo Salvini mit.
Teil der Kosten offengelegt
Matteo Salvini, Italiens Verkehrs- und Infrastrukturminister, hat einen Teil der Baukosten für die Spiele offengelegt: Der Neubau des Eiskanals in Cortina habe 124,8 Millionen Euro gekostet, der Snowpark liegt bei 35,8 Millionen, die Freestyle-Ski-Anlage (beide in Livigno) bei 5,4 Millionen Euro. Die Modernisierung der Langlaufanlagen in Tesero kostete insgesamt 17,7 Millionen Euro.
Der gesamte olympische Winter-Spaß soll 5,2 Milliarden Euro kosten, zitiert ihn die Nachrichtenagentur Reuters. Man rechne mit Einnahmen von mehr als 5,3 Milliarden Euro. Olympia als gewinnbringendes Geschäft. 2019 gab es viel Freude in Cortina und sehr große Erwartungen, als der Zuschlag für 2026 kam, erzählt die Frau aus dem 850-Einwohner-Ort 17 Kilometer südlich von Cortina.
In Cortina gibt es zwei Gruppen: Olympia-Befürworter und -Gegner
Ihr Bruder, der in der Nähe von Heilbronn lebt, sagt, es sei bei der Bewerbung von nicht allzu großen Kosten und von großer Nachhaltigkeit die Rede gewesen. „Das alles wurde nicht eingehalten.“ Es gäbe zwei Gruppen in und um Cortina: „Ich bin Olympia-Gegner. Es gibt keinen Umweltaspekt, der das rechtfertigen kann. Olympia ist völlig aus der Zeit gefallen. Es gibt viele Leute, die sagen: ,Es ist nicht mehr mein Cortina.’“
„Olympia ist völlig aus der Zeit gefallen.“
Ein in der Nähe von Heilbronn lebender Mann mit Wurzeln in Italien
Seine Schwester hofft, „dass erst einmal alles fertig wird und dann keine Ruinen bleiben“. Eine berechtigte Sorge. Zwar sagte Christophe Dubi, Exekutivdirektor des Internationalen Olympischen Komitees, im Oktober mit Blick auf sämtliche Spiele zwischen 1896 in Athen und 2022 in Peking: „Wir können mit Stolz bestätigen, dass 86 Prozent der olympischen Sportstätten und Dörfer auch heute noch genutzt werden.“
Cesana und Pragelato als mahnende Beispiele
Zu den 14 Prozent Zerfall im Zeichen der Ringe gehören aber unter anderem die Bobbahn von Cesana und die Skisprungschanzen von Pragelato – Teile der Olympischen Spiele 2006 von Turin. Fakt ist, erzählt die Olympiagegnerin aus Vodo: Immobilien in Cortina seien sehr teuer. „Es wird lieber verkauft als renoviert. Die Leute ziehen weiter runter ins Tal.“ Derzeit leben etwa 5500 Menschen in Cortina – während der ersten Spiele 1956 waren es mehr als 6000.
Italienischer Moment im Olympischen Dorf von Cortina: ein verschneites Kaffeemobil.
Foto: Michael Kappeler
Klar wird der Tourismus vom erneuten Erstrahlen der olympischen Ringe über Cortina profitieren, was viele freut. „Über Weihnachten kamen mehr Gäste nach Cortina als sonst, obwohl da noch kaum Schnee lag“, erzählt die Frau aus den Dolomiten. Hier ist das Thema Olympia allgegenwärtig. In Cortina knistert es. Ja, es brodelt ein bisschen.
Olympisches Dorf in Mailand für 1300 Athleten und Funktionäre
Vom olympischen Motto „IT’s your vibe“ ist in Mailand noch nicht viel zu spüren, „vielleicht liegt das auch daran, dass wir nicht im Zentrum wohnen“, sagt Federica. Die Unternehmensberaterin wohnt in der Nähe des ehemaligen Güterbahnhofs Scala di Porta Romana, wo das Olympische Dorf 1300 Athleten und Funktionäre beherbergt. Das sei mit den Parkanlagen alles ganz nett geworden. „Aber ehrlicherweise hatten wir erwartet, dass die Wohngebäude schöner werden.“
„Ehrlicherweise hatten wir erwartet, dass die Wohngebäude im Olympischen Dorf schöner werden.“
Federica aus Mailand
Federica wird Teil der Spiele sein, „na klar haben wir uns um Tickets bemüht, wobei die Preise ein großes Thema sind“. Deshalb sei es leider nicht Eiskunstlaufen geworden. „Es geht bei 250 Euro pro Ticket los – das ist mir zu teuer. Eishockey ist am günstigsten.“ Deshalb also Eishockey. „Wobei ich wirklich gar nichts über diesen Sport weiß. Aber ich wollte einfach bei Olympia dabei sein.“
Während der Modewoche war in Mailand mehr los
Federica hat nicht das Gefühl, dass Mailand richtig an den Spielen teilnehme. „Wir warten einfach auf die Olympia-Touristen. Während der Modewoche war richtig was los, es gab viele Events. Aber wir wissen überhaupt nichts von Veranstaltungen, die die Spiele begleiten.“ In Mailand knistert es noch nicht. Aber da wie dort wird es von Freitag an lodern – das olympische Feuer.
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