Nicht immer gewinnt der Beste, doch Lando Norris ist ein würdiger Formel-1-Weltmeister
Der Weltmeister-Titel von McLaren-Pilot Lando Norris ist gleich aus mehreren Blickwinkeln besonders und markiert eine kleine Zeitenwende in der Formel 1, urteilt unser Autor. Darüber hinaus tut der Motorsport-Königsklasse ein Max Verstappen als Herausforderer gut.

Im Leben und im Sport gewinnen nicht immer die Besten. Das hat diese Formel-1-Saison einmal mehr bewiesen, in der sich am Ende nicht der beste, talentierteste oder entschlossenste Fahrer im Feld als Weltmeister in die Winterpause verabschiedet, sondern derjenige, der im Zusammenspiel mit seinem Team über das gesamte Jahr hinweg die größte Konstanz beweisen und die Chance seines Lebens ergriffen hat, als sie ihm sich bot.
Lando Norris ist als 35. Formel-1-Weltmeister dennoch ein verdienter Titelträger, auch wenn er seinen Triumph nicht so souverän eingefahren hat, wie zuletzt sein Vorgänger Verstappen. Dessen Titelsammlung verharrt vorerst bei vier Gesamtsiegen, doch in der Gewissheit, der beste Fahrer seiner Generation und einer der besten aller Zeiten zu sein, was er mit seiner Aufholjagd nach der Sommerpause einmal mehr bewiesen hat, dürfte die Motivation des Niederländers, sich den Titel im nächsten Jahr umgehend zurückzuholen, größer denn je sein.
Lando Norris steht stellvertretend für einen neuen Fahrertypus in der Formel 1
Lando Norris ist sich dessen bewusst. Der 26-jährige Brite ist nun der erste Weltmeister einer neuen Fahrergeneration, deren Karriere von Anfang an von der Netflix-Dokumentarserie „Drive to Survive“ begleitet und geprägt wird und die anders als all ihre Vorgänger fahrerische Schwächen und mentale Herausforderungen offen thematisieren. Letzteres war im F1-Zirkus lange Zeit ebenso verpönt wie unvorstellbar.
„Ich möchte einfach mein Leben genießen. Das ist eine Einstellung, die vielleicht nicht unbedingt mit Killer-Instinkt gleichzusetzen ist“, hatte er vor der Saison dem britischen „Guardian“ gesagt. „Ich glaube einfach nicht, dass man diesen haben muss, um Weltmeister zu werden.“ Mit seiner abgeklärten Fahrt in die Nacht von Abu Dhabi lieferte er am Sonntag den besten beweis dafür. Vom schwierigen Start und dem anfänglichen Druck von Charles Leclerc ließ sich der McLaren-Pilot nicht beirren.
Für McLaren ist Norris’ Fahrertitel, verbunden mit dem zweiten Konstrukteurstitel in Folge, der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die der Rennstall nach den schwierigen Saisons mit Honda und Renault als Motorenpartner in der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre auf allen Ebenen sorgsam und in kleinen Schritten vorangetrieben hat. Der Fahrertitel ist der erste für McLaren seit Lewis Hamiltons denkwürdigem Triumph 2008.
Versöhnliches Ende der umstrittenen „Ground-Effect“-Ära
Die Saison 2025 bescherte den Fans darüber hinaus doch noch einen versöhnlichen, weil im Titelkampf mit Norris, Verstappen und Oscar Piastri spannenden, Abschluss der „Ground-Effect“-Ära. Die Wiedereinführung der schweren, breiten und aerodynamisch veränderten Fahrzeuge hatte seit 2022 häufig für Langeweile gesorgt und war bei den meisten Fahrern auf wenig Gegenliebe gestoßen.
Auch das Ende dieser Ära bedeutet eine Zeitenwende. Weil die Karten im nächsten Jahr durch die grundlegenden Reglement-Änderungen wieder neu gemischt werden, kann sich Lando Norris auf seinem WM-Titel nicht ausruhen oder gar voraussetzen, mit ihm eine neue Ära in der Motorsport-Königsklasse einzuläuten.



Stimme.de