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Skispringen

Fis-Rennleiter Pertile: Das wird eine Revolution in unserer Sportart sein

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Der mächtigste Mann im Skisprung-Weltcup, der Italiener Sandro Pertile, spricht im Interview zum Auftakt der Skispringer im norwegischen Lillehammer über die Reduzierung der Sprunganzüge und die Aufwertung der Telemark-Landung. Welche Folgen haben die Regeländerungen?

Rennleiter Sandro Pertile steht voll hinter den Regeländerungen.
Rennleiter Sandro Pertile steht voll hinter den Regeländerungen.  Foto: IMAGO/GEPA pictures/ Wolfgang Grebien

Über den Sommer hat der Internationale Skiverband Fis mit Rennleiter Sandro Pertile an Regeländerungen im Skispringen gearbeitet. Der 55-jährige, der im italienischen Predazzo lebt, spricht über die Reduzierung der Anzahl der Sprunganzüge auf zehn pro Saison und Athlet, aber auch die Neuerungen bei den Haltungsnoten.

Signore Pertile, Skispringen ist eine ästhetische Sportart. Wollen Sie mehr davon, weil unsaubere Landungen fortan mehr Punktabzüge bringen?

Sandro Pertile: Ohne einen Telemark hat es bisher einen Abzug von zwei Punkten gegeben. Künftig werden es drei sein. Das ist eine Möglichkeit, besser jene Athleten zu ermitteln, die einen sehr guten oder vielleicht sogar perfekten Telemark zeigen. Die Lücke zwischen einem guten, geschummelten oder unsauberen Telemark wird damit größer.

Ein Defizit ist ja gewesen, dass die Sprungrichter häufig bei den Abzügen in der Mitte geblieben sind.

Pertile: Genau, das war sehr einfach für sie. Jetzt ist die Idee, dass sie mehr Verantwortung übernehmen und klar sagen müssen, ob es ein Telemark war oder nicht. Das bringt uns auch mehr Sicherheit, denn eine Landung mit parallelen Beinen erhöht das Sturzrisiko. Wir sind alle gespannt, was passiert.

Nicht alle Reaktionen aus dem Springerlager sind positiv gewesen.

Pertile: Die ersten Rückmeldungen aus den Sommerspringen waren positiv. Erst der Winter wird ein klares Bild bringen, und ich erwarte, dass alle Athleten einen sauberen Telemark setzen. Das ist auch unser Ziel.

Wird es auch bei der Reduzierung der Sprunganzüge auf zehn pro Athlet und Saison und bei der elektronischen Anzugkontrolle spannend werden?

Pertile: Das wird eine Revolution in unserer Sportart sein. Wir hatten immer die Problematik, dass die Nationen mit mehr Geld auch viel mehr Anzüge hatten. Wir kommen aus einer Zeit, in der manche Athleten 40, 50 Anzüge besaßen. Aber die Springer der kleinen Nationen mussten die gesamte Saison über mit fünf bis sieben Anzügen auskommen. Jetzt gibt es hier keine Konkurrenz mehr, das ist ein wichtiger Schritt zu mehr Fairness. Natürlich geht es neben Chancengleichheit auch um Kostenreduzierung und Nachhaltigkeit.

Das heißt, es ist das Ende der Materialschlacht im Anzugsbereich?

Pertile: Das ist unser klarer Wunsch. Wir möchten, dass der Beste der Sieger ist und nicht der Athlet, der über das beste Material verfügt. Das ist nicht unsere Philosophie. Wir hatten aber auch Schwierigkeiten, dass wir besonders vor dem zweiten Durchgang nicht alle kontrollieren konnten.

Weil eine einzige Kontrolle zwischen fünf und acht Minuten dauert?

Pertile: Ja, aber so lange dauert es jetzt auch noch. Weil uns die Zeit zum Kontrollieren vor dem zweiten Durchgang gefehlt hat, haben Athleten auf den Rängen 27, 28, 29 durchaus mal das Risiko eines größeren Anzugs genommen. Damit hatten sie Vorteile im Flug und verbesserten sich um einige Positionen.

Das ist aufgrund der Regulierung von zwei Sprunganzügen pro Athlet und Wochenende nicht mehr möglich?

Pertile: Das wird jetzt nicht mehr passieren, weil jeder Anzug mit einem Chip markiert wird. Mit den sogenannten NFC-Chips, die in die Einzelteile der Anzüge geklebt werden, kontrollieren wir alles. Für die Männer sind sieben Chips, für die Frauen fünf vorgesehen. Grund sind die verschiedenen Anzugsschnitte. Kommt beispielsweise Andreas Wellinger zur Vorkontrolle und alle Maße stimmen, wird sein Anzug gleich markiert.

Und weil die Springer nur noch einen Anzug pro Tag haben dürfen, reicht nun auch die Zeit aus.

Pertile: Richtig. Wir kontrollieren vor dem Wettkampf und sind damit sicher, dass die Athleten in beiden Sprüngen die gleichen Anzüge tragen. Zudem richten wir eine zweite Equipment-Kontrolle ein, damit verdoppeln wir unsere Kontrollen. Mit diesem System gibt es wenig Spielraum für die Athleten. Wir erwarten einige Überraschungen.

Apropos Kostenreduzierung: Einigen Skifirmen geht es wirtschaftlich sehr schlecht, S.K.I. ist insolvent.

Pertile: Für die nun startende Saison ist das kein so schwieriges Thema, wenngleich wir auch da eine schnelle Lösung finden müssen. Klar ist aber: Skisprungski sind kein Massenprodukt.

Macht es ob dieser Probleme denn Sinn, dass die Fis gern größere Schanzen hätte, um den Sport und das Skifliegen mit Weltrekorden noch attraktiver zu machen?

Pertile: Absolut. Vor zwei Jahren war ich in Vikersund, und wir konnten dort wegen des Radius nicht weiter als 240 Meter fliegen. Die Zuschauer fragen sich, woran das liegt, wenn der offizielle Weltrekord doch bei 253,5 Metern und der inoffizielle bei 291 Metern liegt. Wir sind bereit für den nächsten Schritt, aber es braucht die richtigen Bedingungen.

Zur Person

Sandro Pertile (55) ist ehemaliger Skispringer und seit der Saison 2020/21 Rennleiter Skispringen beim Weltverband Fis. Der Italiener hat schon im Organisationskomitee der Olympischen Winterspiele 2006 in Turin gearbeitet, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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