Die Besessene Vonn steht wieder am Start
Skifahrerin Lindsey Vonn tastet sich am Freitag an die Abfahrt heran undträumt weiterhin von einer Medaille. Sie schweigt, dafür spricht ihr Trainer Aksel Lund Svindal für sie.

Früh am Berg sein, wenn die Sonne aufgeht: Das sei der Grund, warum sie Skirennläuferin geworden sei, hat Maria Höfl-Riesch einmal gesagt. Bei US-Amerikanerin Julia Mancuso, wie die deutsche Ski-Ikone längst in Rente, war es das Alleinsein, „nur ich und die Berge“. Bei Lindsey Vonn ist die Motivation eine andere: „Rekorde sind der Grund, weshalb ich Ski fahre“, sagte die heute 41-Jährige während ihrer ersten Karriere, die sie 2019 beendete.
Diese Gier nach Erfolg und Anerkennung erklären ein Stück weit, warum die Ski-Ikone in Cortina am Freitagmittag beim Training für die Abfahrt (Sonntag, 11.30 Uhr) am Start stand – eine Woche zuvor hatte sie beim heftigen Sturz in Crans-Montana nach eigenen Angaben einen Kreuzbandriss im linken Knie erlitten. Wie passt das zusammen?Die berühmte Olimpia delle Tofane, auf der Lindsey Vonn zwölf ihrer insgesamt 84 Weltcup-Siege gefeiert hat, präsentiert sich viel welliger als sonst. „Das sind keine natürlichen Wellen“, formulierte die deutsche Medaillenhoffnung Kira Weidel-Winkelmann zarte Kritik. „Ich bin kein Fan davon, unser Sport ist actionreich genug.“
Vonn schweigt und geht
Vonn war bei ihrer Fahrt offensichtlich vorsichtig, ihr linkes Knie schien auch bei den Sprüngen zu halten, sie schwang mit 1,39 Sekunden Rückstand auf die Bestzeit ab – und verließ wortlos den Zielraum.Eigentlich führt der Weg der Athletinnen zum Ausgang zwingend an den Journalisten vorbei, Medienarbeit ist Pflicht. Die die Speed-Queen sausen ließ. Vorsichtig und auf ihre Skistöcke gestützt, ging sie einen matschigen Weg hinunter zu einem VW-Bus des US-Teams, mühte sich auf den Sitz und wurde fortgefahren. So dass die Reporter ihren Trainer belagerten.
„Sie hat nie Angst um ihr Knie gehabt“, berichtete Aksel Lund Svindal. Der Norweger, zweifacher Olympiasieger, ist seit dem Sommer Vonns Trainer. Weil die Spiele in Cortina stattfinden, war seine Athletin 2024 nach fast sechs Jahren Pause zurückgekommen.Am Dienstag hatte die Medaillenkandidatin bei einer Pressekonferenz in Cortina im Stile einer Drama-Queen bekannt: „Meine Chancen sind nicht mehr so groß wie vorher. Aber solange es eine Chance gibt, werde ich es versuchen.“„Ja“, sagte Aksel Lund Svindal nun mit seinem breiten Lächeln, „der Traum lebt.“ Vonn sei mit ihrer Fahrt, dem ersten Stresstest seit dem Crash, nicht zufrieden gewesen. Ob es sinnvoll ist, das Training am Samstag zu fahren oder sich besser zu schonen? „Das muss Lindsey entschieden“, sagte Aksel Lund Svindal, der von den Stunden nach dem Unfall erzählte. „Das war für uns Trainer und das ganze Team auch scheiße. Alles hat ziemlich lange gedauert“, so Svindal. „Als die Diagnose da war, war sie die erste, die gesagt hat: ,Wir machen weiter!’ Sie war von Anfang an positiv.“
Mit einer Prothese im Knie
Lindsey Vonn hat übertrieben viel Erfahrung mit Verletzungen, fuhr schon 2007 mit angerissenem Kreuzband, bekam 2024 eine Schlittenprothese im rechten Knie. „Sie hatte von Anfang an einen guten Plan. Den setzt sie um. Sei es am Start. Oder bei der Physiotherapie“, lobte Svindal. „Sie ist mental extrem stark.“ Sie will noch einmal eine Medaille.„Ich bin auf gewisse Weise besessen“, hat die Frau aus Minnesota, Mädchenname Kildow, einmal gesagt. Die gute Freundin von Maria Höfl-Riesch spricht nicht Deutsch, sondern Österreichisch mit amerikanischem Singsang, spricht vom „Skifohrn“. Die Vonn ist eine Marke. Die mit ihrer Besessenheit scheinbar Schmerzen ausblenden kann. „Ich habe auch den Eindruck, dass die Schmerzen nicht so groß sind“, sagte Aksel Lund Svindal. „Aber keine Ahnung: Ich konzentriere mich auf das, was im Schnee passiert.“
Große Ahnung hat der fünfmalige Weltmeister aber von Verletzungen. Wie kann man eine Woche nach einem Kreuzbandriss am Start stehen? „Ich hatte in Kitzbühel bei meinem Kreuzbandriss zudem den Meniskus und den Knorpel weg. Da hieß es, das kleinste Problem sei der Kreuzbandriss. Es gibt also schon Unterschiede.“Es geht Lindsey Vonn um Rekorde. Mit einer Medaille in der Abfahrt, im Super-G oder der Team-Kombination wäre sie die älteste Olympiamedaillen-Gewinnerin ihres Sport. Und das auch noch mit Teilprothese.

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