Aus Skispringer mach Skeletoni: Umschulung zum Medaillengewinner bei Olympia
Die beiden deutschen Skeletonpiloten Axel Jungk und Christopher Grotheer begeistern bei den Winterspielen im Eiskanal von Cortina d`Ampezzo sportlich, aber auch mit ihrer klaren Meinung über den Weltverband.

Die Wege zu olympischen Medaillen sind mitunter abenteuerlich, verwinkelt, verblüffend. Axel Jungk und Christopher Grotheer waren bis 2007 Skispringer, ehe ihr Körper sie zwang, am Boden zu bleiben: Als Teenager wurden sie zu groß und zu kräftig, somit aussortiert und umgeschult. Jetzt sind der 34-jährige Jungk und der 33-jährige Grotheer mit je zwei olympischen Medaillen dekorierte Größen ihres Sports: Grotheer, Olympiasieger von 2022 in Peking, holte am Freitagabend Bronze; Jungk in China damals Silber, ebenso jetzt im Eiskanal von Cortina. In einer Sportart, die sie als Jugendliche gar nicht kannten. In einer Sportart, in der am Samstag auch die Frauen glänzten: Susanne Kreher gewann Silber, Jacqueline Pfeifer Bronze.
Axel Jungk verwechselt einst selbst Skeleton mit Shorttrack
Als ein Trainer anfragte, ob er nicht Skeleton ausprobieren wolle, „dachte ich, dass ich zu Shorttrack, zum schnellen Kreislaufen zugesagt habe“, erzählte Axel Jungk. Bis er von Mitschülern aufgeklärt wurde, dass Skeleton der Sport sei, bei dem man Kopf voraus den Eiskanal hinunter jage. „Schon crazy, dass ich als Wintersportler auf dem Sportinternat die Sportart nicht kannte. Daher mache ich auch niemandem einen Vorwurf, wenn er mich fragt, was Skeleton ist.“ Was Skispringen und Skeleton gemein haben: „Für beides muss man ein bisschen verrückt, positiv gestört sein, um das zu wollen, den Geschwindigkeitsrausch zu spüren“, sagte Christopher Grotheer. Mut und Körpergefühl habe er vom Skispringen mitgenommen.

Grotheer: „Man muss positiv gestört sein, um das zu wollen, den Geschwindigkeitsrausch zu spüren“
Die Höchstweite der beiden: „117, 118 Meter in Oberstdorf auf der Großschanze“, sagte Axel Jungk, der in Zschopau einst seinen Brüdern nacheiferte, aus einer Skispringerfamilie stammt und seit zweieinhalb Jahren in Dortmund lebt und trainiert. „95 Meter in Berchtesgaden – ich bin leider nie auf einer Großschanze gesprungen“, antwortete Christopher Grotheer, der aus Wernigerode kommt. Alles richtig gemacht: Im Skispringen hätten sie es eher nicht zu sieben (Grotheer) und drei (Jungk) WM-Goldmedaillen gebracht. Wobei die Glanzleistungen und Glanzstücke von Cortina alles andere als abzusehen waren.
Freitag, der 13. bringt alles andere als Pech
Dass es für ihn an einem Freitag, den 13. Bronze gab, überraschte Christopher Grotheer nicht: „Ich habe an einem Freitag, den 13. geheiratet, das sollte mir also Glück bringen“, hatte er vor vier Wochen bei der Olympia-Einkleidung in München gesagt. Und: „Olympia kann eine Eigendynamik entwickeln aus der verrückte Dinge entstehen.“ Ja, Cortina war nach einer komplizierten Saison mit Verletzungen verrückt. Und die Erfolge waren nicht nur Glück.

Die Deutschen halten Innovationen am Schlitten ganz bewusst zurück
Man habe Innovationen am Schlitten, an dem zusammen mit dem Berliner Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) getüftelt wird, „bewusst zurückgehalten über den Winter, um das Risiko zu vermeiden, dass Sachen kopiert werden können, um diesen Vorteil für das Rennen hier zu ermöglichen“, verriet ein bewegter Bundestrainer Christian Baude. Vor allem der Freitag „hat mich sehr zu Tränen gerührt“. Der 43-Jährige aus Suhl war einfach nur glücklich: „Wir haben an die Leistungen der erfolgreichen Rodler angeknüpft.“Auch bei Axel Jungk lassen die deutschen Ergebnisse des olympischen Wochenendes den markanten Schnauz um ein paar Zentimeter breiter werden. Aber es bleibt dabei: Er muss nach wie vor erklären, was Skeleton ist. Weshalb er den internationalen Bob- und Skeleton-Weltverband IBSF kritisiert.
Trotz Spektakel immer nur im Schatten der Bobsportler
„Es ist traurig und schwach vermarktet. Wir stehen immer so ein bisschen im Schatten vom Bobsport.“ Während der sich im Weltcup samstags und sonntags zur Primetime präsentiere, „haben wir jede Woche Freitag früh um 9 Uhr unsere Rennen. Dann müssen wir uns nicht wundern, dass die Sportart nicht populärer wird.“ Bei den Skeletonrennen in Cortina d‘Ampezzo war richtig was los, der Fanclub von Axel Jungk war beispielsweise mit „fast 50 Personen hier, crazy“, sagte der Pilot über seinen orange gekleideten Fanclub aus Hohndorf um seine Brüder Felix und Robert sowie Freundin Laura. Auch Christopher Grotheer hatte Unterstützung von seiner Familie, unter anderem von seiner Frau Mary-Ann und seiner Tochter Elsa: „Wer kann schon sagen, dass er ein olympisches Rennen vor den Augen seiner Tochter gefahren ist.“ Und wer kann sagen, dass er nach einer Umschulung vom Skispringen zum Skeleton mehrmaliger Medaillengewinner geworden ist.

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