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Anzugskandal um Forfang und Lindvik überschattet Ski-WM in Trondheim

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Im letzten Skisprungwettbewerb der Ski-WM von Trondheim werden Norweger wegen Manipulation disqualifiziert. Was sind die weiteren Folgen? Bekommt Deutschland mehr Medaillen?

Von lm 
Offene Münder, offene Fragen: Die Disqualifikation von Johann André Forfang (von rechts) und Marius Lindvik lässt auch am Erfolg im Mixed drei Tage zuvor mit Eirin Maria Kvandal und Anna Odine Strøm Zweifel aufkommen.
Offene Münder, offene Fragen: Die Disqualifikation von Johann André Forfang (von rechts) und Marius Lindvik lässt auch am Erfolg im Mixed drei Tage zuvor mit Eirin Maria Kvandal und Anna Odine Strøm Zweifel aufkommen.  Foto: Hendrik Schmidt

Dem skandalösen letzten Wettkampf im Skisprungstadion von Trondheim folgte eine skurrile letzte Pressekonferenz im Hotel der Gastgeber. „Wir haben betrogen und damit alle Skisprungfans enttäuscht, auch uns selbst“, sagte Jan Erik Aalbu, Sportdirektor der norwegischen Skispringer, am Sonntagnachmittag im Scandic Lerkendal.

„Ich möchte mich bei den anderen Teams, den Springern, den Sponsoren und den Fans entschuldigen. Wir werden der Sache auf den Grund gehen. Wir werden so offen sein, wie wir nur sein können. Und Sie können zu 100 Prozent sicher sein, dass es Konsequenzen geben wird.“

Was nach einem umfangreichen Geständnis und maximaler Transparenz gegenüber dem entsetzten Skiweltverband Fis klingt, ist nicht mehr als eine Nebelkerze in einem zwielichtigen Fall, der einen dunklen Schatten auf die mit 221 000 verkauften Tickets so stimmungsvolle Nordische Ski-WM 2025 wirft.

Drei Norweger disqualifiziert: Verdacht auf Manipulation an Sprunganzügen

Sandro Pertile, Rennleiter des Skiweltverbandes Fis, sagte am denkwürdigen Samstagabend in einer Traube von Reportern um Fassung ringend: „Ich bin geschockt.“ Die Abteilung für Ethik und Compliance ermittelt, es geht um Grundlegendes: Drei Norweger sind am Samstag disqualifiziert worden, was lange nach dem Ende des Wettkampfes von der Großschanze die Medaillenvergabe beeinflusste, weil der zweitplatzierte Marius Lindvik involviert war.

Es geht um Manipulation an den Sprunganzügen. Das hat Sprengkraft und scheint sich in die Reihe der großen WM-Skandale mit Blutdoping 2019 in Seefeld und 2001 in Lahti einzureihen. Denn der Betrug wirft ein ganz anderes Licht auf die WM, zieht alle Ergebnisse, in denen Athleten der Gastgeber von Schanzen gesprungen sind, in Zweifel.

„Ich bin geschockt.“

Sandro Pertile

Den von Norwegen gesammelten Medaillen im Skispringen (3 Gold/0 Silber/3 Bronze) sowie in der Nordischen Kombination (4/4/1) haftet ein Makel an. Andreas Widhölzl, Cheftrainer der österreichischen Skispringer, sagte: „Ich gehe davon aus, dass es heute nicht das erste Mal war.“ Fakt ist: Die Norweger haben sich ihre eigene WM kaputt gemacht.

Aufnahmen von Veränderungen an Anzügen: „Eine klare Manipulation“

Auslöser des Skandals sind Fotos und Videos aus der Nacht von Freitag auf Samstag, sagte Sandro Pertile, die Quelle sei anonym. Es gehe um Veränderungen an den Anzügen. Deshalb seien alle Norweger nach dem ersten Durchgang kontrolliert worden.

Es erwischte Kristoffer Eriksen Sundal. Warum genau, erläuterte der Italiener nicht. „Sonst haben wir nichts gefunden. Nach dem zweiten Durchgang haben wir die Top Fünf im Container genauer kontrolliert“, so Sandro Pertile, man habe die Anzüge aufgeschnitten. „Einige hatten etwas.“ Die von Johann André Forfang (Fünfter) und von Marius Lindvik (Zweiter). Beide wurden wegen „Manipulation“ disqualifiziert.

Polens Cheftrainer Thomas Thurnbichler schimpfte: „Es ist eine klare Manipulation und klarer Sportbetrug, ähnlich wie Doping.“ Aber um was geht es genau?

Österreich, Slowenien und Polen reichen Protest ein

„Es ist zu sehen, wie ein steifes Band in den Anzug eingenäht wird, das ihn vom Knie bis in den Schritt strafft“, erklärte Andreas Widhölzl. „Natürlich hat das einen Vorteil.“ Entsprechend hatten Österreich, Slowenien und Polen vor dem Wettkampf gegen den Start der Norweger Protest eingereicht.

Das Nationen-Trio wollte die Norweger nicht nur ausschließen, sondern beantragte offenbar auch eine Annullierung all ihrer WM-Ergebnisse in Trondheim. Doch das wurde abgelehnt. Und Sandro Pertile stellte klar: „Wenn die Materialkontrolle fertig ist, ist der Wettkampf fertig.“ Könnte es aber noch zu einer Sperre kommen? „Das ist zu früh, wir müssen jetzt in Ruhe die Situation klären.“

„Es ist zu sehen, wie ein steifes Band in den Anzug eingenäht wird, das ihn vom Knie bis in den Schritt strafft. Natürlich hat das einen Vorteil.“

Andreas Widhölzl

Während der WM war zuvor auch die norwegische Skispringerin Ingvild Synnøve Midtskogen von der Groß- als auch der Normalschanze disqualifiziert worden („Anzug“, ist in den Ergebnislisten die Begründung), bei den Kombinierern flog am Freitag Jørgen Graabak wegen einer nicht korrekten Bindung auf. Dass an die Grenzen und darüber hinaus gegangen wird, überrascht Sandro Pertile nicht: „Das ist normal: Die WM ist die wichtigste Veranstaltung der Saison.“

Deutsche Springer um Andreas Wellinger mit Gold-Glück?

Würden die Ergebnisse aller Norweger gestrichen, würde das der Sparte Skisprung im DSV drei weitere Medaillen bescheren; unter anderem Andreas Wellinger auf der Kleinschanze Gold. Der 29-Jährige war eine Woche zuvor Zweiter geworden – hinter Marius Lindvik.

Beschert der Skandal um die Gastgeber womöglich den deutschen Skispringern um Karl Geiger (rechts) nachträglich noch Medaillen? Das ist eine von vielen Fragen.
Beschert der Skandal um die Gastgeber womöglich den deutschen Skispringern um Karl Geiger (rechts) nachträglich noch Medaillen? Das ist eine von vielen Fragen.  Foto: Hendrik Schmidt

Die Frage von Dutzenden von Journalisten, ob Lindvik jeweils denselben Anzug getragen habe, beantwortete Jan Erik Aalbu mit den Worten: „Ich weiß es nicht.“ Der sich windende Funktionär gab nur zu, was schon bekannt und nicht zu leugnen war, sagte, Cheftrainer Magnus Brevig habe ihn hintergangen. Die Aufklärung bei Norges Skiforbund werde durchgeführt von: „Mir“, sagte Jan Erik Aalbu. Kai Bracht, Skisprungtrainer der deutschen Nordischen Kombinierer, schüttelte bei Aalbus Worten immer wieder den Kopf.

Jan Erik Aalbu hatte am Samstag in der ARD erklärt, dass die im Video zu sehenden Anzüge für die am Donnerstag in Oslo beginnende Raw Air vorbereitet worden seien: „Das ist ganz normal. Die Raw Air ist sehr wichtig für uns.“ Diese Aussage versetzte Horst Hüttel, Sportdirektor Skisprung im Deutschen Skiverband, in Rage: „Das ist, wie wenn jemand unerlaubte Medikamente nimmt und sagt: Die nehme ich ja für nächste Woche.“ Die nordische Familie ist nach der Trickserei in Trondheim in Aufruhr.

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