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Amelie Kühnes Extremtouren unter Zeitdruck und mit Toiletten-Eimer

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Die 23-jährige Amelie Kühne aus Untereisesheim erfüllt sich ihren Traum, klettert im ewigen Eis Patagoniens und auf den El Capitan im Yosemite Nationalpark. Doch nicht alles läuft glatt. 

Faszination Patagonien: Die Untereisesheimerin Amelie Kühne (links) ist mit ihrem Freund Julian und ihrer Freundin Anna am Cerro Torre geklettert.
Faszination Patagonien: Die Untereisesheimerin Amelie Kühne (links) ist mit ihrem Freund Julian und ihrer Freundin Anna am Cerro Torre geklettert.  Foto: Amelie Kühne

Das Eis schmilzt. Es ist zu warm. Daher stehen Amelie Kühne, ihr Freund Julian und ihre Freundin Anna schon nach Mitternacht auf. Bis vier Uhr nachmittags etwa halten die Sicherungen im Eis, ist das Risiko kalkulierbarer. Drei Nächte sind sie nun in der Wand, vier Tage im Eis - und zum Gipfel des 3128 Meter hohen Cerro Torre im Süden Patagoniens an der Grenze Argentiniens zu Chile ist es nicht mehr weit. Schneetunnel, Schneepilze – fantastische, irre Strukturen, deren Faszination nachhält. Trotzdem haben die drei ein Problem: Sie sind zu langsam. Das Wetter wird schlecht. Es stürmt, die Sicht ist mies. So, wie es die Nachrichten, die ihnen Freunde übers Satellitentelefon geschickt haben, vorhersagen. Beeilung.

Die Eistunnel am Cerro Torre sind eine besondere Herausforderung.
Die Eistunnel am Cerro Torre sind eine besondere Herausforderung.  Foto: Amelie Kühne

Ein instinktiver Entschluss mit Folgen

Doch auch das ist keine Lösung. Sie beschließen, 50 Meter vor dem Gipfel umzukehren. Ein instinktiver Entschluss. „Bergsteigen ist schon mein Leben, aber ich will noch alt werden, da muss man es nicht unnötig herausfordern“, sagt Amelie Kühne und fügt doch ehrlich an: „Das ist krass, wie viel Arbeit du in einen Gipfel steckst, und dann drehst du ein paar Meter vor dem Top um. In dem Moment ist das unglaublich hart und tut weh.“

Während der zwei Tage, in denen das Trio 20 Stunden abseilt und nach El Chaltén zurückläuft, reden sie viel über ihre Entscheidung. „Das liegt einem auf dem Herzen“, sagt Amelie Kühne - und sieht im Rückblick schnell, wie klug sie gewesen ist. „Egal“, sagt die 23-Jährige, „wir hatten so ein krasses Abenteuer, wir hätten uns das nie erträumt. Der Cerro Torre ist eines der Ziele für Alpinisten, das es auf der Welt gibt.“

Atemberaubende Eisstrukturen begeistern die weltbesten Alpinisten.
Atemberaubende Eisstrukturen begeistern die weltbesten Alpinisten.  Foto: privat

Grenoble, Innsbruck, Argentinien: Zeit der Gegensätze

Und doch nicht das einzige, das sich die Untereisesheimerin in den vergangenen Monaten erfüllt hat. Die Lehramtsstudentin für Sport und Französisch erlebt eine Zeit der Gegensätze. Extremwelten für die junge Frau, die 2020 in den deutschen Expeditionskader gekommen ist und zuvor jahrelang Wettkampfkletterin für die Sektion Heilbronn des Deutschen Alpenvereins (DAV) gewesen ist. Und nun ihre Leidenschaft intensiv lebt.

Und das, obwohl Amelie Kühne 2024 gleich mehrere Freunde verloren hat. „Zwei sind durch Lawinen umgekommen, einer ist beim Free-Solo abgestürzt. Das lässt dich nicht kalt“, sagt die Unterländerin, die bei der Exped-Expedition 2023, der Erstbegehung von Disco Fox (7c) in Grönland, dabei gewesen ist. Vor zwei Jahren verliert Amelie Kühne erstmals einen Freund - und hat gespürt, „dass mein Körper gesagt hat, er will nicht mehr in die Berge, er hat Angst. Ich habe fast Panikattacken aufgebaut.“ Dieses Gefühl hat sie überwunden: „Ich brauche Leute um mich herum, die das Gleiche fühlen, die den Schmerz und die Trauer auch in sich haben.“

Laufen, laufen, laufen bis zum Umfallen

Bergsteigen erfüllt Amelie Kühne, Touren wie jene am Cerro Torre zu erleben, sind außergewöhnlich. Auch wegen der extremen Herausforderungen in Patagonien. Schon am letzten Tag haben die drei kein Essen mehr. Kraftloses, stundenlanges Laufen gegen den Hunger nach einer letzten eisig kalten Nacht auf dem Gletscher. „Wir hatten nur noch eine Packung Gummibärchen – und alle zwei Stunden durfte jeder von uns eines essen. Wir waren so fertig, haben uns gezwungen zu laufen, laufen, laufen. Es war nur noch Quälerei.“ 

Stress im Uni-Universum

Auch, weil die Zeit drängt. Nach zwei Monaten Patagonien steht freitags der Rückflug an. Weil Amelie Kühne umziehen muss. Dafür ist samstags ein Stopp in Untereisesheim nötig, um ihre Siebensachen von Grenoble, wo sie studienbedingt eine Zeit lang gelebt hat, nach Österreich zu schaffen. Sonntags Einzug in der WG in Innsbruck, montags geht es an der Uni los. „Da habe ich erzählt, dass ich wenige Tage zuvor noch im ewigen Eis unterwegs gewesen bin, jetzt wieder im Hörsaal im siebten Semester. Das hat so gar nicht gepasst.“ Zwei Welten, die nichts gemein haben. Hier Hausarbeiten mit Abgabefristen und Stress mit Kompensationsklausuren. Dort die Kletter-Welt, die unglaubliche Naturerlebnisse und intensive Glücksgefühle schenkt. Zweifel kommen auf. Da hilft reden mit Freunden. Es bleibt die Erkenntnis, dass das Studium mehr Freiheit gibt als nimmt. Das Fazit: durchbeißen – wie im Berg. 

Tour mit Profi Caro North

Bis Amelie Kühne Caro North kennenlernt. Der Profi lockt sie mit der Freerider-Tour auf den El Capitan, bekannt geworden aus dem Film „Free Solo“ mit Alex Honnold. Amelie Kühnes USA-Premiere. Drei Wochen Yosemite Nationalpark in der kalifornischen Sierra Nevada im November, sogar die Professoren an der Uni ziehen mit, geben ihr frei. Für besondere 1000 Meter oder 34 Seillängen. Sie planen sechs Tage in der Wand – mit Nächten im Portaledge. „Das ist saukompliziert“, sagt Amelie Kühne. Einfach aufstehen ist nicht, auch beim Kochen ist Aufmerksamkeit gefordert, obwohl es für die Trek’n-eat-Packungen nur heißes Wasser braucht. „Es schmeckt sehr salzig, aber in der Wand ist es größter Luxus“, sagt die Unterländerin.

80 Kilo Material den Berg raufziehen

Dafür ziehen sie erstmal 80 Kilo Material nach oben. Erneut wird das Wetter schlecht, Schnee zwingt das Duo, einen halben Tag in der Wand zu sitzen.„Ganz ehrlich: Irgendwann dachte ich, lieber nicht runterschauen. Es fällt einem schnell was runter, alles muss gesichert sein.“ Selbst der Toiletten-Eimer. „Man darf da nicht einfach aufs Klo gehen oder die Wand runtermachen“, sagt Amelie Kühne. Also her mit der Box. „Ich habe extrem viel gelernt auf dem Trip“, meint die Kletterin. Auch, dass man selbst in der Wand mit der Fluggesellschaft telefonieren kann, um den Rückflug zu verschieben. Den Zusatztag braucht das Duo, um die Tour frei zu klettern. „Es hat sich gelohnt. Alles klappt. Die drei Wochen mit Caro waren cool, intensiv, immer auf Augenhöhe.“

Schmerzen nach Überbelastung

Ende November hat Amelie Kühne zwei besondere Ziele, die jeder Alpinist auf seiner To-do-Liste fürs Leben hat, binnen eines Jahres geschafft. „Das ist ein krasses Privileg“, sagt sie und vergisst doch nicht die Aufs und Abs. Körperlich spürt sie die Überbelastung, hat Schmerzen. Ausruhen ist die Lösung, „aber man kann es einfach nicht. Es ist nicht leicht“, meint Amelie Kühne etwas nachdenklich. Ein Jahr der Gegensätze, die prägen, liegt hinter ihr. Hochgefühle in der Wand, totales Down im Flachland. Amelie Kühne lächelt und sagt: „Auch deshalb bin ich froh an meinem Freund.“

Pläne und Ziele

Exped-Kader, Touren, Zukunftspläne: Immer mehr kommt Amelie Kühne in die Kletter-Bubble hinein, vergrößert ihr Netzwerk. Ihr nächstes Ziel: Eisklettern in Norwegen mit der mehrmaligen Weltmeisterin in dieser Disziplin, Ines Papert. „Und im Sommer werde ich auf jeden Fall wieder auf Expedition fahren, da habe ich viele reizvolle Möglichkeiten“, sagt die Untereisesheimerin. Je nachdem für welche Gruppe sich die 23-Jährige entscheidet, steht ein Berg, eine Tour oder wieder eine Erstbegehung auf dem Plan. Auch ein Trip nach Pakistan mit Biathlon-Doppel-Olympiasiegerin Laura Dahlmeier, die derzeit ihre Ausbildung zur Bergführerin macht, lockt.Ihre Reisen finanziert Amelie Kühne mit ihrem einstigen Nebenjob bei der Post und den Vorträgen, die die Untereisesheimerin hält. Auch in der DAV Sektion Heilbronn hat sie vor ausverkauftem Haus über ihre Erlebnisse berichtet. „Es mussten sogar Leute heimgeschickt werden, weil der Raum sonst überfüllt gewesen wäre“, sagt Amelie Kühne nicht ohne Stolz. 

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