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Ski alpin

Alpines Olympia-Drama um Lena Dürr in drei Akten

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Wie schon vor vier Jahren bei den Winterspielen in Peking, verpasst die 34-jährige Lena Dürr auch in Cortina in aussichtsreicher Position eine Medaille im Slalom. Beendet die Münchnerin nun ihre Karriere?

Von lm 
Lena Dürr muss nach ihrem Einfädler gleich am ersten Tor erst einmal begreifen, was da im zweiten Durchgang passiert ist.
Lena Dürr muss nach ihrem Einfädler gleich am ersten Tor erst einmal begreifen, was da im zweiten Durchgang passiert ist.  Foto: Michael Kappeler

Felix und Christian Neureuther sackten in sich zusammen, kauerten im Zielbereich der Tofana-Piste von Cortina sekundenlang auf einem Absperrgitter. Schweigen und ungläubiges Kopfschütteln bei Sohn und Vater. Wenn jemand nachfühlen kann, was gerade Lena Dürr im olympischen Slalom passiert war, dann die beiden Kitzbühel-Sieger: Die 34-jährige Münchnerin, zweite des ersten Durchgangs, fädelte im ersten Tor des zweiten Laufs ein. Wieder keine olympische Einzelmedaille. Wie im Riesenslalom am Sonntag, als sie ebenfalls als Zweitplatzierte ins Finale gegangen und ihr kurz vor dem Ziel ein Fehler unterlaufen war. Wie vor vier Jahren, als sie bei den Spielen in Peking als Führende in den zweiten Durchgang des Slaloms gestartet war – und nur Vierte wurde. Ein olympisches Drama in drei Akten.

Hat mit eineinhalb Sekunden Vorsprung die Slalom-Konkurrenz in Cortina deklassiert: Mikaela Shiffrin aus den USA.
Hat mit eineinhalb Sekunden Vorsprung die Slalom-Konkurrenz in Cortina deklassiert: Mikaela Shiffrin aus den USA.  Foto: Michael Kappeler

Applaus für die Ski-Königen und Edeltechnikerin Mikaela Shiffrin

„Es ist ein beschissenes Gefühl“, sagte Lena Dürr und rannte schon wieder weg mit den Worten: „Ich muss mir die Siegerehrung anschauen. Das werde ich in meinem Leben nicht mehr sehen.“ Dann applaudierte sie: Der drittplatzierten Schwedin Anna Swenn Larsson, der zweitplatzierten Schweizerin Camille Rast und der mit 1,50 Sekunden Vorsprung siegreichen Skikönigin Mikaela Shiffrin. Die US-Amerikanerin küsste erst ihre Hand, drückte diese in den Schnee, bestieg das Podium, legte die Hände vor ihrem Gesicht aneinander, holte tief Luft und nahm ihre insgesamt dritte Goldmedaille bei Olympia in Empfang. Hatte die 30-Jährige den Fluch also gebrochen – die Ikone aus Vail, auf einem Fan-Plakat mit den Worten „Mikaela, Größte aller Zeiten“ gefeiert, war in den acht vorherigen Olympia-Rennen nicht aufs Podest gekommen.

Gegenseitig trösten hilft auch nur wenig

Lena Dürr beobachtete die Siegerehrung an der Seite der Schwedin Sara Hector, die ebenfalls ausgeschieden war. Sie trösteten sich gegenseitig. Der olympische Fluch von Lena Dürr, in Peking 2022 immerhin Teil der Silber-Mannschaft im Teamwettbewerb, wird bleiben. Für immer. „Klar mache ich weiter, fahre auch nächste Saison“, sagte sie, „aber bei den nächsten Spielen in vier Jahren werde ich nicht mehr am Start sein.“ Lena Dürr war tapfer. Aber genervt. „Katastrophe, worst case. Aber so ist es jetzt. Das ist Slalom.“ Einfädler am ersten Tor, das gibt es. Sogar im Super-G. Markus Wasmeier erlebte das als Favorit bei den Spielen 1988 in Calgary. Sie erlebte das im Slalom zuletzt „vor vielleicht 15 Jahren“. Felix Neureuther sagte: „Es ist extrem bitter. So ist der Sport, leider.“ Papa Christian Neureuther sagte: „Ich habe Tränen in den Augen. Das erste Tor musst du auf Sicherheit fahren.“

Darf mit ihrer olympischen Bilanz und den zwei Silbermedaillen zufrieden sein: Emma Aicher.
Darf mit ihrer olympischen Bilanz und den zwei Silbermedaillen zufrieden sein: Emma Aicher.  Foto: Michael Kappeler

Emma Aicher ist mit ihrer Olympia-Bilanz und zwei Mal Silber recht zufrieden

Natürlich hatte Mikaela Shiffrin das Malheur mitbekommen. „Ich habe das auch schon erlebt. Ich sah Lena da stehen und wollte sie am liebsten in den Arm nehmen. Sie hat alles gegeben.“ Auch Emma Aicher hatte alles gegeben. Doch diesmal reichte es für die Schnellste des Slaloms in der Team-Kombination nur für Platz neun. „Es sind so viele gute und schnelle Mädels am Start“, sagte die 22-Jährige, „da musst du von oben bis unten top fahren.“ Das gelang ihr nicht. Aicher sei dennoch recht zufrieden mit den vergangenen zwei Wochen, den Silbermedaillen aus Abfahrt und Team-Kombination mit Kira Weidle-Winkelmann.

Was auf dem Papier steht, ist nicht alles

„Zwei Medaillen, das war richtig stark“, bilanzierte Sportdirektor Andreas Ertl. „Wir haben in jedem Frauenrennen um eine Medaille gekämpft.“ Lena Dürr könne stolz darauf sein, dass sie sich zum Saisonhöhepunkt aus ihrem Formtief habe herausarbeiten können. Das war sie auch: In Riesenslalom und Slalom nach dem ersten Durchgang auf Platz zwei zu sein, sei nicht alltäglich. „Ich muss es eher andersrum sehen und sagen: Ich kann, wenn es wichtig ist, vorne mitspielen. Auf dem Papier steht das zwar nicht, aber in meinen Gedanken ist das so gefestigt. Ich kann mit einem Lächeln oben am Start stehen.“ Einfädler hin oder her.

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