Kunstrad-Weltmeister-Duo Schefold/Hanselmann beendet Karriere
Die sechsmaligen Kunstrad-Weltmeister Serafin Schefold und Max Hanselmann aus Öhringen haben emotionelle Tage hinter sich. Was zu dem Entschluss, mit dem Leistungssport aufzuhören, geführt hat.

Schluss. Aus. Vorbei. Auf einmal. So mögen Außenstehende denken. Doch es war ein Prozess, reiflich überlegt. Er kostete vor allem Serafin Schefold schlaflose Nächte. Doch: Es ging nicht mehr. Also hat der Kunstrad-Zweier des RV Öhringen mit Max Hanselmann und Serafin Schefold den Entschluss gefasst, die Karriere zu beenden - als sechsmalige Weltmeister und Weltrekordhalter. "Es ging in erster Linie von mir aus", sagt der 27-jährige Schefold. "Wir hatten ja schon vor und während der vergangenen Saison überlegt, was wir machen."
Die Weltmeisterschaft in Glasgow wollte das Duo noch erleben. In Schottland holten sie Titel Nummer sechs. Vier Wochen danach verkündeten sie beim Empfang in Öhringen, noch eine weitere Saison dranhängen zu wollen. Vielleicht noch etwas von der Euphorie getragen.
"Es lief auch gut an. Das Training hat immer Spaß gemacht", sagt Serafin Schefold. Das nächste Ziel war gesteckt. Ihre Kür wollte das Duo ausbauen, 180 Punkte aufstellen - im Idealfall den eigenen Weltrekord von 173,50 Punkten verbessern.
Bei Serafin Schefold war das gute Gefühl weg
Doch dann zwickte Anfang Mai Serafin Schefolds Rücken. Ein Hexenschuss. Das gute Gefühl war weg. Die körperlichen Probleme verhinderten einen Start beim Weltcup im Juni. Schefold begann zu zweifeln. Wegen seines Körpers, aber auch weil sich eine gewisse mentale Müdigkeit einstellte. "Uns ist die Zeit weggelaufen, die Kür noch so weit auszubauen, dass wir auf 180 Punkte kommen", sagt Schefold. "Und der Reiz, eine normale Saison zu fahren und zum siebten Mal Weltmeister zu werden, war nicht mehr da. Es wäre zu wenig Mehrwert gewesen für den enormen Aufwand."
Immer wieder ließ er Trainingseinheiten ausfallen. Auch der ein Jahr jüngere Max Hanselmann merkte schnell, dass mehr nicht stimmte als nur der Rücken und suchte das Gespräch. "Unser eigener Anspruch ist uns zum Verhängnis geworden", sagt Hanselmann, der total den Druck rausgenommen habe, wie Schefold erklärt. "Max meinte, dass ich nicht wegen ihm weiterfahren muss", sagt Schefold. Das half. "Es war eine Schlangenlinie zwischen Vollgas und er kann nicht", meint sein Freund.
Für Serafin Schefold fühlt sich der Entschluss richtig an
Trotzdem folgten die schlaflosen Nächte, Gespräche mit Bundestrainer Dieter Maute. Trotz vieler Gedanken traf Serafin Schefold die Entscheidung Schluss zu machen intuitiv. Aus dem Bauch heraus - ungewöhnlich für jemanden, der sonst Kopfmensch ist. Am 28. Juni fällte das Duo den Entschluss, erklärte ihn seinen Heimtrainern Jürgen Wieland und Roland Schefold. Aber sie gaben sich nochmal Zeit, darüber nachzudenken, beide wollten sehen, wie es sich anfühlt.
"Es waren schon emotionale Tage", sagt Serafin Schefold. Doch die Gefühle blieben. Der Entschluss fühlte sich richtig an. Am vergangenen Wochenende informierten sie nahestehende Personen. "Wir wollten vor Saisonbeginn noch für Klarheit schaffen", sagt Schefold. Die Gründe waren vielschichtig. Die körperlichen Probleme: Erst das Knie, dann der Rücken bei Serafin Schefold. "Es war auch nicht mehr so entspannt wie vorher. Das Training hat zwar immer Spaß gemacht, aber ich hatte keine große Lust mehr auf Wettkämpfe. Der Druck wurde immer größer", sagt Serafin Schefold. Zum großen Teil ein selbstauferlegter Druck.
"Aber das Feuer war nicht mehr so da, der Biss hat gefehlt", sagt Schefold. "Irgendwie bin ich satt. Ich wollte nicht mehr vier Monate lang alle anderen Dinge hinten anstellen. Ich will mich nicht mehr beweisen müssen. Und was wäre gewesen, wenn wir nicht erfolgreich gefahren wären?"
Schefold und Hanselmann stehen vor einem neuen Lebenskapitel
Und ihre Entscheidung weiterzumachen, war nie in Stein gemeißelt. Zumindest untereinander nicht. Max Hanselmann sagt: "Ich wäre die Saison noch gefahren, wollte aber auch, dass es entspannt ist, dass wir draufpacken. Das war auch eine Frage des Willens. Es wäre so eine verkrampfte Saison gewesen. Deshalb habe ich für mich die rationale Entscheidung gefällt, dass es besser ist aufzuhören, weil wir unser Hauptziel nicht mehr schaffen können."
Die beiden Hohenloher sind sich einig; "Es war richtig, im vergangenen Jahr zu sagen, dass wir noch eine Saison fahren. Aber es fühlt sich genauso richtig an, jetzt aufzuhören. Es ist auch ein guter Zeitpunkt kurz vor Saisonbeginn." Und so sagt Serafin Schefold: "In den vergangenen Tagen ist mir aufgefallen, dass ich nicht immer an Training oder Wettkampfvorbereitungen denken muss. Das hat vorher immer eine Rolle gespielt, egal was man getan hat." Nun ist der Druck weg, Zeit für ein neues Lebenskapitel.
Jürgen Wieland tat sich schwer, die Tränen zurück zu halten. Seit sie fünf Jahre alt waren, trainierte er Serafin Schefold (27) und Max Hanselmann (26). Nun beendet das Kunstrad-Duo des RV Öhringen seine Karriere. "Man hat schon gespürt, dass dieser Moment kommen kann", meinte Schefolds Vater Roland, der ebenso als Trainer fungiert. Natürlich ist Wehmut dabei. Aber es ist in Ordnung. Sie haben Spuren in der Sportart hinterlassen." Und zwar große. "Der Erfolg ist nicht zufällig gekommen. Er war Schritt für Schritt geplant. Und die beiden haben mitgezogen", sagt Wieland. Schefold/Hanselmann haben den Zweier verändert, auf ein neues Level gehoben - mit vielen athletischen Elementen.
Gänsehautfeeling beim ersten WM-Start 2016 in Stuttgart
Mehr als 160 Punkte ausgefahren haben nur fünf Paare und mehr als 170 Punkte haben bisher nur Serafin Schefold und Max Hanselmann erreicht. Als Höhepunkte sehen sie ihre erste Weltmeisteschaft 2016 in Stuttgart an, bei der sie Zweite wurden.
"Aber als beim Einlaufen 6000 Zuschauer gejubelt haben, war das schon Gänsehautfeeling", sagen die beiden. Es ging weiter mit dem ersten WM-Titel 2017, als sie in Dornbirn überraschend gewannen, weil die Favoriten Bugner/Bugner stürzten. An Spannung war das Finale 2019 kaum zu toppen, als Bugner/Bugner mit 164 Punkten eine Weltklasseleistung zeigten, Schefold/Hanselmann die Nerven behielten und trotzdem gewannen. "Glasgow war auch cool mitzunehmen, war von der Stimmung in der Halle aber nicht mit Stuttgart oder Basel zu vergleichen", sagt Hanselmann. Schefold fügt an: "Es war immer ein super Gefühl, wenn eine neue Übung funktioniert hat. Zum Beispiel der erste Mautesprung ohne Seil." Hinzu kommen unzählige Freundschaften, die sich entwickelt haben.
Zwei Herzen "In meiner Brust schlagen zwei Herzen", sagt Jürgen Wieland, der auch schon Tochter Claudia zum WM-Titel geführt hat, zum Entschluss des Duos: "Welcher Verein verliert schon gerne solche Spitzensportler. Andererseits weiß ich auch, was dranhängt. Die Athleten entwickeln sich auch als Menschen, beruflich familiär. Das sind Themen, die im Leben auch immer mehr Platz brauchen."
Daher wollte er nicht zu viel vorgeben. "Sie müssen selbst wissen, was sie machen. Ich habe vollstes Verständnis und allen Respekt vor der Entscheidung. Es war eine schöne Zeit", sagt Wieland. "Ich bin auch stolz zu sehen, was für Menschen aus den beiden geworden sind."
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