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Milan Hosseini ist Ersatzmann für Olympia

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Ob Milan Hosseini von der TG Böckingen vielleicht doch nach Paris zu den Olympischen Spielen reisen wird, hängt auch an der Armverletzung von Lukas Dauser. Streng genommen hat der Turner der TG Böckingen die Spiele aber verpasst.

Vor zwei Wochen bei den deutschen Meisterschaften hat Milan Hosseini am Pauschenpferd noch gepatzt, bei der zweiten Olympia-Qualifikation in Rüsselsheim läuft alles glatt und der 22-Jährige von der TG Böckingen liefert auf den Punkt ab.
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Vor zwei Wochen bei den deutschen Meisterschaften hat Milan Hosseini am Pauschenpferd noch gepatzt, bei der zweiten Olympia-Qualifikation in Rüsselsheim läuft alles glatt und der 22-Jährige von der TG Böckingen liefert auf den Punkt ab. Foto: dpa  Foto: Uwe Anspach

Die Dinge sind selten schwarz wie die Anzeigetafel in Rüsselsheim oder weiß wie Magnesia, die Allroundhilfe der Turner. Häufig stellen sich die Sachlagen komplexer dar, Wohl und Wehe sind eng verflochten. "Nach dem Ausfall von Lukas geht es mir persönlich nicht so gut, weil sich das Ganze in meinem Kopf dreht. Man versucht sich Fragen zu stellen und findet keine Antworten", sagt Bundestrainer Valeri Belenki am Samstag nach der zweiten Olympia-Qualifikation der Turner in Rüsselsheim, die der erneut stark auftretende 19-jährige Timo Eder aus Ludwigsburg gewinnt.

Milan Hosseini wird Vierter, zeigt mit 80,900 Punkten trotz eines Patzers am Reck, durch den er die Wertung einer Elementgruppe verliert, seinen "mit Abstand besten Sechskampf", wie der 22-Jährige von der TG Böckingen sagt.

Hosseini nimmt die Verletzung von Lukas Dauser mit

Was dieser überzeugende Auftritt - besonders mit 14,525 Punkten an seinem Paradegerät Boden - mit Blick auf seinen großen Traum von Olympia in Paris wert ist, weiß der zweimalige Unterländer Sportler des Jahres zu diesem Zeitpunkt nicht. Er sagt nur treffend: "Ich habe alles gegeben, jetzt liegt es nicht mehr in meiner Hand."

Als Lukas Dauser zuvor nach einer abgebrochenen Ringe-Übung die Großsporthalle mit straff bandagiertem rechten Oberarm durch einen Seitenausgang verlässt, bekommt Milan Hosseini "Gänsehaut", wie er offen gesteht. Obwohl er gleich nach seinem Nationalmannschaftskollegen ans Gerät muss, gelingt es ihm schnell wieder den Fokus zu finden, das Geschehene auszublenden.

Bei Lukas Dauser ergibt die MRT-Untersuchung im Mainzer Krankenhaus eine Muskelverletzung. Mehr Details verrät der Verband in seiner Mitteilung nicht. Nur: "Gemeinsam mit dem Ärzte-, Physio- und Trainerteam wird Dauser alles daran setzen, rechtzeitig bis zu den Wettkämpfen in Paris in Form zu sein."

Hosseini hält sich als Ersatz in der Heimat fit

Der Weltmeister und Olympia-Zweite von Tokio am Barren ist Deutschlands einzige realistische Medaillenchance für Paris - und wird nach der Sitzung des Lenkungsstabes für die Spiele in Frankreich vorgeschlagen. Wie auch Andreas Toba, Nils Dunkel, Timo Eder und Pascal Brendel. Als Ersatz halten sich Milan Hosseini, Glenn Trebing und Alexander Kunz fit und für den Fall der Fälle bereit. Allerdings in der Heimat, weil - anders als bei den Spielen in Rio oder Tokio - die Kapitale in wenigen Stunden erreichbar und keine Zeit zum Akklimatisieren nötig ist.

Faktisch streng ausgelegt hat Milan Hosseini die Olympischen Spiele verpasst. Denn es ist kein schöner Gedanke, auf das Pech eines Teamkollegen zu hoffen. "Das wünsche ich niemandem", sagt der EM-Dritte von Antalya. "Man muss schon so viel fairer Sportsmann sein. Wenn es jemand anderes nach seinen Übungen mehr verdient hat, ist es halt so." Was nicht heißt, dass im Herzen ein Flecken Enttäuschung haftet, weil der allerletzte Schritt nicht mehr geklappt hat - und das Mitglied des Perspektivteams der Sporthilfe Unterland die Schlussetappe nach Paris mit seinen Kumpels wohl verpassen wird.

Bis ans Limit gegangen

Und doch ist nach den zehrenden Wochen und Monaten mit täglicher achtstündiger Schinderei auch jede Menge Stolz angebracht. Denn: "Ich habe alles reingehauen, mehr hat mein Körper nicht zugelassen, ich bin bis ans Limit gegangen", sagt Milan Hosseini. Ganz ohne Emotion drücken auch die blanken Zahlen aus, welch riesigen Fortschritt der Sportsoldat aus Flein nach seiner schweren Schulteroperation in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat. "Damals habe ich gerade mal die 79-Punkte-Marke gekratzt", sagt Hosseini, in Rüsselsheim sind es zwei Zähler mehr gewesen - eine andere Liga in seinem Sport.

Im Sinne eines Kämpfers fügt er noch an: "Wenn es diesmal nicht klappt, kämpfe ich trotzdem weiter."

Helen Kevric stockt auf, schlägt Seitz und fährt zu Olympia

Tränen kullern. Die Enttäuschung braucht ein Ventil. Zu viel hat Elisabeth Seitz seit ihrem Achillessehnenriss zeitlich und mental investiert, um sich doch noch ihren Traum von den vierten Spielen zu erfüllen. Nach der zweiten Olympia-Qualifikation in Rüsselsheim aber ist klar, dass Helen Kevric Siegerin im Generationenduell ist und erstmals bei Olympia dabei sein wird. Denn Helen Kevric hat nicht nur den Mehrkampf gewonnen, sie schlägt mit einer nochmals aufgestockten Übung und 14,800 Punkten ihre Kontrahentin auch am Stufenbarren, dem Seitzschen Paradegerät (14,600). "Helen hat gut geturnt, riesigen Respekt, weil sie krasse Nervenstärke gezeigt hat", sagt Seitz. Helen Kevric meint: "Ich bin bereit, ich habe so hart trainiert und ich kann das schon schaffen mit meinen 16 Jahren." swa

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