Kult-Kommentator Rolf Kalb: "Snooker ist gegen den Zeitgeist gebürstet"

   | 
Lesezeit  4 Min
Erfolgreich kopiert!

Eurosport-Kommentator Rolf Kalb spricht im Stimme-Interview über den kleinen deutschen Snooker-Teich, die aktuelle Weltmeisterschaft und sein neues Buch.

Von Stephan Sonntag
Bei den German Masters fungiert Rolf Kalb (rechts, im Gespräch mit Allister Carter) auch als Master of Ceremonies.

Fotos: Imago, Sven Fuchs
Bei den German Masters fungiert Rolf Kalb (rechts, im Gespräch mit Allister Carter) auch als Master of Ceremonies. Fotos: Imago, Sven Fuchs  Foto: imago sportfotodienst

Der "Spiegel" schrieb 2005: "Rolf Kalb ist die Stimme des Snooker". In diesen Tagen kommentiert der 59-Jährige wieder stundenlang live für Eurosport von der Weltmeisterschaft in Sheffield. Im Interview verrät Kalb, wie er sich dafür fit hält, warum er während einer Übertragung in Tränen ausbrach und wer nicht den Titel holt.

 

Herr Kalb, kennen Sie den deutschen Snooker-Mannschafts-Vizemeister?

Rolf Kalb: Ich muss gestehen, den habe ich gerade nicht präsent.

 

Es ist die TSG Heilbronn.

Kalb: Hätten Sie mich nach dem Meister gefragt, den SC Mayen-Koblenz hätte ich gewusst.

 

Dieses Wissen teilen Sie vermutlich mit nicht einmal einem Promille der Deutschen. Wie steht es um den Snooker-Sport in Deutschland?

Kalb: Als Aktivensport ist die deutsche Snooker-Welt ein eher kleiner Teich. Das Interesse ist aber groß. Das lässt sich an den Quoten bei den TV-Übertragungen ablesen, aber auch an Veranstaltungen wie dem German Masters, zu dem täglich 2500 Zuschauer ins Berliner Tempodrom kommen. Da ist die Begeisterung spürbar. Warum sie sich nicht im Aktivenbereich niederschlägt, müssen sich die Vereine und die Deutsche Billard Union fragen.

 

Ist es nicht der fehlenden Präsenz im Alltag geschuldet. In Großbritannien stehen überall Snooker-Tische.

Kalb: Auf der Insel sind zwar in den vergangenen 15 Jahren auch massiv Tische abgebaut worden, aber die sportliche Infrastruktur ist vorhanden. Da holen sich die Spieler auch die nötige Matchhärte, die den Unterschied ausmacht. Daher schrumpft ein großer Fisch im kleinen deutschen Snooker-Teich in sich zusammen, sobald er in internationale Gewässer geworfen wird.

 

Da stellt sich die Frage, wie Sie denn in den Teich geraten sind?

Kalb: Ich habe schon als Schüler für die Rheinische Post in Erkelenz geschrieben - hatte dort aber noch nichts mit Snooker am Hut. Während des Studiums habe ich dann über drei Ecken den Job des Pressesprechers des damaligen Deutschen Billard Bundes bekommen.

 

Einfach so?

Kalb: Ja. Die suchten jemanden mit Medienerfahrung, der nicht zu teuer sein durfte. Für mich war das der ideale Nebenjob, da mein Vater früh verstorben ist und im Hause Kalb nicht so viel Geld vorhanden war.

 

Wie ist Eurosport auf Sie aufmerksam geworden?

Kalb: Um es platt zu sagen: Es gab keinen anderen Kandidaten, der sich mit Snooker auskannte.

 

Da war es ein Glück, dass Sie auch so eine markante Stimme besitzen.

Kalb (lacht): Dazu kann ich nichts. Das habe ich dem lieben Gott und meinen Eltern zu verdanken.

 

Erkennen die Menschen Sie im Alltag an ihrer Stimme?

Kalb: Nicht oft, aber ja, das kommt vor, im Restaurant oder im Zug.

 

Ein Freund von mir, hat Audio-Aufnahmen von Ihnen als Einschlafhilfe benutzt. Ärgert Sie das?

Kalb: Es gibt in England den bösen Spruch, Snooker sei daher so erfolgreich, weil es einschläfender wirke als ein prasselndes Kaminfeuer. Wenn es hilft, soll es mir recht sein.

 

Wie bereiten Sie sich auf diese Marathon-Sendungen von bis zu zehn Stunden vor?

Kalb: Obwohl ich ein geborener Faulpelz bin, mache ich zurzeit als Ausgleich zur Schreibtischarbeit jeden Tag eine Stunde Sport. Meinen Arzt freut es. Auch daher, weil die WM immer meine Frühjahrs-Diät ist. Ich verliere drei, vier Kilo während der 17 WM-Tage.

 

Sie können sicher auch schon verraten, wer Weltmeister wird.

Kalb (lacht): Ja, ich kann Ihnen raten, bloß nicht auf meinen Favoriten zu setzen, sondern auf einen der 31 anderen. Jede WM entwickelt ihre eigene Dynamik, es gilt einen physischen und mentalen Marathon zu überstehen. Das macht es so schwierig, Vorhersagen zu treffen. Natürlich ist Ronnie O'Sullivan ein ganz heißer Kandidat.

 

In den vergangenen Jahren ist Darts als neuer TV-Trendsport von der Insel auf den Kontinent geschwappt. Bräuchte Snooker mehr Ballyhoo, um noch größere Massen zu erreichen?

Kalb: Snooker ist als Oase der Ruhe ein TV-Angebot, das gegen den Zeitgeist gebürstet scheint. Das macht aus meiner Sicht auch einen wesentlichen Teil seiner Faszination aus. Daher bin ich auch ein Verfechter der anachronistischen Kleiderordnung. Allein deswegen bleiben Leute beim Snooker hängen.

 

Das müssen Sie erklären.

Kalb: Wenn man beim Durchzappen zu Eurosport gelangt, erwartet man junge Menschen in knapper Bekleidung, die einer schweißtreibenden Tätigkeit nachgehen. Unerwartet sehen sie dort aber Menschen in Weste und Fliege. Das weckt die Neugier.

 

Warum sollten all die Menschen, die Ihre Stimme kennen und sich für Snooker begeistern, das Buch lesen?

Kalb: Ich werde oft - wie von Ihnen ja auch - nach meinem Werdegang gefragt. Das Buch trägt autobiografische Züge und liefert darauf Antworten. Es ist andererseits aber auch eine Backstage-Tour durch die Welt des Snooker.

 

Gibt es eine besondere Anekdote, die Sie kurz schildern können?

Kalb: Wir haben auf Eurosport zum frühen Tod von Paul Hunter (britischer Profi, der im Alter von 27 Jahren einem Krebsleiden erlag, Anm. d. Red.) eine Sondersendung gemacht, in der wir seine Karriere Revue passieren ließen. Am Ende konnte ich nicht mehr, mir hat live auf Sendung die Stimme versagt und ich bin in Tränen ausgebrochen.

 


Buch

Rolf Kalb "Die faszinierende Welt des Snooker", Edel Books, Hamburg 2018, 224 Seiten, Preis: 17,95 Euro, ISBN 978-3-8419-0611-3.

Zur Person

Rolf Kalb ist 1959 in Doveren nahe der holländischen Grenze zur Welt gekommen. Nach dem Abitur 1978 studierte der Bergmanns-Sohn in Bonn Informatik und Mathematik. Als Pressesprecher des Deutschen Billard Bunds (seit 1992 Deutsche Billard Union) unterstützte er die öffentlich-rechtlichen Sender bei Billard-Übertragungen. Seit 1989 arbeitet der jüngere Bruder des Fußball-Journalisten Rainer Kalb als Kommentator bei Eurosport. Seit 1997 moderiert er die German Masters in Berlin. Kalb ist verheiratet und lebt in Gütersloh.

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben