Kanute Julian Schmiech startet in sein WM-Abenteuer: In Italien geht es um Medaillen
Mit einem neuen Partner sitzt Rennkanute Julian Schmiech aus Leingarten an diesem Mittwoch die 1000 Meter im K2. Auf den Kanuten der TSG Heilbronn wartet nach ungewöhnlichem Saisonverlauf sein bisheriges Karrierehighlight.

Opa Horst hat genau hingeschaut. "Warst du nochmal beim Friseur?!", fragt der 82-Jährige seinen Enkel Julian Schmiech an diesem Freitagnachmittag am Heilbronner Bootshaus der TSG Heilbronn. Windschnittig unterwegs sein, das ist für einen Kanuten durchaus von Vorteil. Mehr als zwei Wochen Trainingslager auf der ehemaligen Münchner Olympiaastrecke liegen nun hinter dem angehenden Abiturienten. "Da geht man lieber vorher Haareschneiden", sagt Julian Schmiech.
An diesem Mittwoch um 12.30 Uhr startet nun endlich mit dem Vorlauf die Junioren-WM im italienischen Auronzo. Sein WM-Debüt erlebt Julian Schmiech zusammen mit dem Berliner Philipp Quiel im K2 über die 1000 Meter bei den Junioren (bis 18 Jahre). Im Achterfeld kommen die ersten sechs Boote weiter, dazu noch die zeitbesten Siebten. Richtig ernst dürfte es deshalb erst im Halbfinale am Mittwochnachmittag werden. Am Freitag dann geht es um die Medaillen.
Kurzfristiger Partner-Tausch
Die 1000 Meter im Zweier sind nicht olympisch, weshalb unklar ist, wie stark die Konkurrenz ausfällt. Das deutsche Duo ist an Position vier gesetzt, also durchaus ein Medaillenkandidat. Die stärksten Gegner dürften aus Ungarn, Italien und Tschechien kommen. Quiel war übrigens im Vorjahr schon Vierter über diese Strecke. Ursprünglich sollte Schmiech mit Vincent Hoiß aus Neuburg an der Donau im WM-Boot sitzen. Bei einer internen Ausscheidung am vergangenen Freitag stellte sich die Kombination Quiel/Schmiech als die schnellere heraus, weshalb der Trainerrat die kurzfristige Bootsumbesetzung verfügte. Quiel sitzt vorne im FES-Boot, er hat die Rolle des Taktikers, der bestimmt wann und wie Druck zu geben ist. Auf der hinteren Position gilt es, den Schlag perfekt zu treffen.
Dass es Julian Schmiech zur WM schafft, das war so nicht vorhersehbar. Der 16-jährige aus Leingarten hat in dieser Saison zu Beginn schlechten Athletikwerten getrotzt, sich vor den nationalen Qualifikationsläufen auch nicht von Krankheiten bremsen lassen. "Ich bin ein Wettkampftyp, im Training kann ich nicht 100 Prozent geben, auf der Regatta schon", sagt Julian Schmiech. Langfristig im Voraus zu wissen, was die Trainingswoche bringt, das ist nicht sein Ding. "Ich will nicht montags schon wissen, was freitags auf dem Plan steht", sagt er.
Mehr im Trainingslager als in der Schule
Trotzdem hat er in dieser Saison extrem von einem gesteigerten Pensum profitiert. "Das höhere Niveau im Trainingslager hat mir schon geholfen", sagt er. Die vielen zweiwöchigen Trainingslager in Portugal, Spanien und Kienbaum verliehen Schub. "Ich war im vergangenen halben Jahr mehr im Trainingslager als in der Schule", sagt der Elftklässler, der froh ist, dass das Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium so gut mitspielt. Schmiech weiß, dass auch der Kopf trainiert sein will. "Ich habe gemerkt, dass es nicht gut ist, drei oder vier Wochen ohne Schule zu sein", sagt er, weshalb auch Schul-Literatur mit im Reisegepäck steckt.
Die vergangenen Tage der UWV, der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung im Trainingslager in München, bestanden oft aus gleich vier Einheiten (8.30 Uhr/11 Uhr/15 Uhr und 17 Uhr). Das harte bayerische Wasser ähnelt dem des Dolomitensees in Italien. "Das klingt blöd, aber Wasser kann echt einen Unterschied ausmachen", sagt Schmiech.
Papa als Fan vor Ort, Opa schaut den Livestream
Erfahrungen sammeln, darum geht es für ihn in Italien. "Ich mache mir keinen Druck", sagt Schmiech, der seinem eigentlichen WM-Fahrplan um ein Jahr voraus ist. Es mangelt nicht an guten Omen: Der Papa ging vor 30 Jahren bei der Junioren-WM an den Start, bereitete sich damals auch in München auf die WM vor. Damals wie heute gehören die Schmiechs zu den einzigen zwei deutschen WM-Startern, die nicht in Ostdeutschland trainieren. Nun ist Papa Daniel in Italien als Fan dabei, die erste Kanu-Generation der Schmiechs um Opa Horst sitzt daheim vor dem Livestream am Computer und schaut ganz genau hin. Vater Daniel hat die Latte in Sachen Junioren-WM mit einem kompletten Medaillensatz sehr hochgehängt. Am Freitag wird er übrigens 48 Jahre alt. Eine WM-Medaille des Sohnemanns wäre nicht das allerschlechteste Geschenk.

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