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Heilbronn

Fankultur mal anders

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Anekdoten rund um einen Abend mit der großen regionalen Sport-Familie.

Von unserer Redaktion

 

Weit mehr als 400 Gäste sind am Donnerstagabend in die Kreissparkasse Heilbronn gekommen, um beim Fest des Sports mit der Proklamation der Unterländer Sportler des Jahres über den kleinen und großen Sport in der Region und der Welt zu diskutieren.

Motivation

Ringen im Unterland wurde zuletzt meist mit dem Olympia-Fünften von Rio und ehemaligen Unterländer Sportler des Jahres, Eduard Popp, in Verbindung gebracht. Mit dem Aufstieg des VfL Neckargartach in die 1. Bundesliga und der Verpflichtung von Weltmeister Frank Stäbler hat sich das geändert. Bis zu 1000 Fans verfolgen die Kämpfe der Red Devils in der Römerhalle. Zur nächsten Meisterschaftrunde bringt der Deutsche Ringer-Bund eine Reform auf den Weg, die Vereine mit guter Nachwuchsarbeit bevorteilt.

"Ich freue mich, das ist eine große Chance für uns junge Ringer", sagt Nico Breischaft, 14-jähriges VfL-Talent und 2017 Elfter der deutschen B-Junioren-Meisterschaften im Freistil bis 55 Kilo. "Diese Neuerung sorgt für zusätzliche Motivation. Eines meiner Ziele ist, für den VfL in der ersten Liga zu ringen." Fast wäre es schon so weit gewesen, als die Red Devils bis 57 Kilo Personalprobleme hatten. "Ich wurde gefragt, ob ich einspringen könnte", sagt Breischaft. "Aber ich wollte nicht als Kanonenfutter auf die Matte. Vielleicht reicht es Ende des Jahres für einen Einsatz, ich werde alles dafür tun."

Parallelen

An der Seite von Eduard Popp war vor einem Jahr Carina Bär als Nummer eins im Unterland ausgezeichnet worden. Die zurückgetretene Ruderin erhielt eine Einladung zum Fest des Sports - die sie an ihren ehemaligen Sponsor Rudolf Jung weitergab. "Ich hatte Carinas Olympiasieg vorhergesagt, als sie 17 war. Annegret wird 2020 in Tokio Paralympicssiegerin werden", sagte Jung am Donnerstag - er unterstützt mittlerweile Para-Leichtathletin Annegret Schneider (TSG Heilbronn). Die Neckargartacherin sagte: "Ich weiß ja, dass er den Paralympicssieg will." In Tokio will Jung als Zuschauer dabei sein - bei Bärs olympischen Einsätzen in London und Rio war das nicht der Fall. Eine Parallele gibt es zwischen Bär und Schneider aber noch: Eine Firma aus Freiberg am Neckar unterstützt(e) sie. Zufall? Nein, von Rudolf Jung eingefädelt.

Abschiedsvorstellung

Vermutlich letztmals beim Fest des Sports war einer der bisherigen Dauergäste: Markus Lell. Der 26-jährige Rollkunstläufer ist zurückgetreten. Wie oft er dabei war? "Puh, das weiß ich nicht." Wie es beim Informatik-Studenten weitergeht? Weiß er auch nicht: "Ab April, Mai möchte ich Praktika machen - oder gerne auch direkt in den Job einsteigen." Wie viel Rollkunstlaufen in seinem künftigen (Berufs-)Leben Platz haben wird, ist eine weitere Frage. Grundsätzlich ist er seinem Sport beim REV Heilbronn verbunden geblieben, "ich stehe dreimal die Woche als Trainer auf Rollschuhen". Ein gutes Maß. Denn die Schwächen seines Körpers (der Rücken), blieben ohne Spitzensport im Verborgenen. Falls ihn der Job weiter von Heilbronn wegführt, "dann ist es mit dem Rollkunstlaufen für mich vorbei", sagt Markus Lell, der für seine außergewöhnlichen Erfolge, unter anderem als sechsmaliger Weltmeister, einen Gutschein überreicht bekommen hat. Ja, Wehmut sei dabei: "Es gehört schon dazu, dass einem der Abschied schwer fällt."

Knuddeln

Verabschiedet hat sich auch Kanutin Greta Köszeghy. Vor etwa einem halben Jahr verließ sie die Region Richtung Karlsruhe. Um Sport und Schule besser zu vereinbaren. Auf ein tierisches Wiedersehen freute sie sich nach dem Fest des Sports. "Ich werde erstmal unsere drei Hunde knuddeln." Dafür war vorab keine Zeit, denn Mama Köszeghy hatte ihre Tochter direkt von der Mittagschule abgeholt und nach Heilbronn gefahren. Umgezogen wurde sich im Auto. Auch daher hatte Greta Köszeghy das Bier vom Papa, das sich nur in kleinen Schlücken leerte, am späteren Abend genau im Blick. Schließlich musste die Abiturientin noch in der Nacht zurück in die neue badische Heimat gebracht werden.

Camperin

Eine neue Heimat in Weinsberg gefunden hat die Unterländer Sportlerin des Jahres, Lena Mayer. Die war völlig überrascht von der Wahl: "Als eine Art Newcomerin habe ich echt nicht damit gerechnet. Schon gar nicht mit einer so außergewöhnlichen Sportart wie Karate." Eine Anerkennung, die gut tut. Vor allem, wenn man so viel investiert. "Mein Leben besteht im Prinzip aus Training, Arbeiten und Studium - mehr ist da nicht." Viel zum Leben braucht die 21-Jährige nicht. Ein halbes Jahr lang hauste sie nach ihrer Ankunft im Unterland im Wohnwagen: "Es war damals nicht so schnell eine Wohnung frei, meine Eltern hatten einen Wohnwagen und dann habe ich eben in dem gewohnt", erinnert sie sich lachend an den Aufenthalt auf dem Aquatoll-Parkplatz in Neckarsulm.

Willers-Fan

Hätte er das doch vorher gewusst: Sascha Otten vom KTT Heilbronn besitzt seit zwei Jahren einen Fan-Schal von Sängerin Madeline Willers. "Den hätte ich natürlich sofort mitgebracht", sagte der Turner. Doch zu seinem Leidwesen hatte er vom Auftritt der Schlagersängerin im Vorfeld nichts mitbekommen. Als Ausgleich sorgte Otten bei den Einlagen der 23-Jährigen mit seinen Teamkameraden für Stimmung, mit den Ringern gehörten die durchweg männlichen Turner zu den Lautstärksten im Publikum. "Sie singt gut, da fällt es leicht, auf das Boot aufzuspringen", sagte der 29-Jährige. Vor zwei Jahren war er mit einem Freund - zufällig ein Cousin von Willers - bereits bei einem ihrer Auftritte exklusiv mit an Bord. "Wir haben abends erst bei Madeline zu Hause gegessen und sind dann zusammen zum Auftritt in die Disko gegangen." Dabei ergatterte er auch den Schal, der von der Sängerin natürlich signiert wurde.

Heimspiel

Eng mit den Sportlern im Publikum verbunden fühlte sich Sängerin Madeline Willers bei ihrem Heimspiel. "Heilbronn ist ja um die Ecke, wir sprechen dieselbe Sprache", sagte die 23-Jährige aus Wüstenrot. Auch inhaltlich fand sie Parallelen: Wie viele Sportler im Publikum will auch sie einmal hoch hinaus, träumt von der großen Karriere. "Champions League wäre schon schön", sagte Willers, die derzeit am zweiten Album arbeitet. Für ihren großen Durchbruch schuftet die Sängerin hart. Auch sportlich. "Wenn es geht, mache ich jeden Tag Sport." Notfalls muss auch das Hotelzimmer für ein Workout herhalten. "Ich brauche die Energie, muss gerade bei längeren Auftritten fit sein", sagt Willers, die in der Schule nach eigener Aussage eine begabte Leichtathletin war. Irgendwann aber rückte die Musik in den Vordergrund, die eine ähnliche Wirkung habe, wie der Sport: "Beide können Grenzen durchbrechen."

Marathon-Mann

An seiner Obergrenze angekommen ist Benedikt Hoffmann. Zumindest was die Länge seiner Rennen angeht. "100 Kilometer sind für mich die Obergrenze. Darüber hinaus ist es für mich kein Laufen mehr", sagt der Ultraläufer der TSG Heilbronn. Noch nicht am Limit befindet sich der 32-Jährige was die Zeiten über die Langstrecken angeht. Am vergangenen Wochenende hat der gebürtige Recklinghausener den 50-Kilometer-Ultramarathon in Rodgau nahe Frankfurt gewonnen - in Streckenrekordzeit von 2:56:19 Stunden. "Das war natürlich ein toller Start ins Jahr. Zumal ich im November und Dezember pausiert hatte und erst seit Jahresbeginn wieder voll trainiere." Pausieren heißt allerdings beileibe nicht gar nichts tun.

"Zwischen 50 und 70 Kilometer bin ich schon noch pro Woche gelaufen - als Erhaltungstraining. Das ist etwa die Hälfte des normalen Pensums." Neben der Verbesserung seines eigenen Streckenrekords wurde Hoffmann in Rodgau als bester Ultraläufer des Jahres 2017 in Deutschland und als einer der zehn besten weltweit geehrt. "Das ist schon toll, in die Phalanx der US-Amerikaner und Südafrikaner eingebrochen zu sein." Seine Ziele für 2018? Die deutschen Marathonmeisterschaften Ende April, bei denen Hoffmann unter 2:20 Stunden ins Ziel kommen will. Im Juli steht ein 100-Kilometer-Lauf in Italien auf dem Programm. Vielleicht mit Streckenrekord?

Veilchen

Eher ein Horrorjahr 2017 hat Kastriot Sopa hinter sich. Die Amateur-WM in Hamburg war das große Ziel des Boxers vom SV Heilbronn am Leinbach. Doch in seiner Gewichtsklasse erhielt Olympia-Bronzemedaillengewinner Artem Harutyunyan den Vorzug. "Er hatte eigentlich schon zu den Profis wechseln wollen, doch der Verband hatte ihn überredet, die WM noch dranzuhängen." Bitter für den 25-jährigen Halbweltergewichtler, der bereits die Olympia-Qualifikation wegen eines eingefallenen Lungenflügels verpasst hatte. Statt bei der WM zu glänzen, ließ sich Sopa Ende vergangenen Jahres an der Augenbraue operieren. Mehrere Narben wurden zu einer vereint. "Dadurch sollte sie künftig nicht mehr so leicht aufplatzen", hofft der gebürtige Kosovare. Die ersten Sparrings-Einheiten seit mehr als vier Monaten hat die Braue gut überstanden. Ein Veilchen unter dem rechten Auge ist das einzige Andenken. tok, lm, map, son

 
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