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Red Devils Heilbronn ziehen sich aus der Bundesliga zurück

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Fehlende Gelder, Altlasten, eine gespaltene Abteilung und doch ein letzter Funken Hoffnung: Die Bundesliga-Ringer der Red Devils Heilbronn stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Von swa, tok
Die Red Devils Heilbronn sind am Boden: In die Heilbronner Römerhalle ist Ruhe eingekehrt.
Die Red Devils Heilbronn sind am Boden: In die Heilbronner Römerhalle ist Ruhe eingekehrt.  Foto: Seidel, Ralf

Die Szenerie hat Symbolcharakter. Der in dieser Saison unbesiegte Ramazan Ramazanov wuchtet die Matten auf den Wagen und Martin Otto hilft mit, die Abdeckung einzurollen. Aufräumarbeiten in der Römerhalle. Am Samstagabend sind es die Bundesliga-Ringer der Red Devils, die die Spuren des bitteren 10:25 gegen den AC Lichtenfels im letzten Hauptrundenkampf der Heilbronner beseitigen.

Während die Konkurrenz am Samstag nochmals antritt, ist das Team von Cheftrainer Adam Juretzko in der Gruppe Süd kampffrei. Die Red Devils Heilbronn werden die Saison als Fünfter beenden – weder in den Playoffs stehen noch sportlich absteigen. Aber: Fristgerecht und damit kostenfrei haben die Roten Teufel beim Deutschen Ringer-Bund (DRB) hinterlegt, dass sie sich aus der Bundesliga zurückziehen.

Tristesse pur bei den Red Devils Heilbronn: Ärger, Vorwürfe, Enttäuschungen

„Das ist Status quo nach Gesprächen mit Wirtschaftspartnern“, sagt der Stellvertretende Abteilungsleiter Nico Lang. „Wir wollen den Verein und die Abteilung schützen, kein finanzielles Risiko durch den Bundesliga-Betrieb eingehen.“ Zu belastend ist die Situation, zu zerstritten die Abteilung. Ärger, Vorwürfe, Enttäuschungen, Unzufriedenheit überall. Tristesse pur. In der Halle ist sie seit Wochen sichtbar.

„Wir wollen den Verein und die Abteilung schützen, kein finanzielles Risiko durch den Bundesliga-Betrieb eingehen.“

Nico Lang

Auch am Samstagabend sind es die Lichtenfelser Fans, die Stimmung machen, auf die Pauke hauen. Die Anhänger der Red Devils sind meist nur noch ein stilles Häufchen. Mancher kommt aus Protest nicht mehr, andere wollen Siege feiern. In der Rückrunde aber sind alle Kämpfe verloren gegangen. Sparen ist oberstes Ziel gewesen.

Konsolidieren statt klotzen. Betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Nico Lang sagt: „Wir gehen ohne Schulden aus der Saison.“ In den vergangenen Jahren aber sei zu oft „über die Grenzen gegangen“ worden, meint Lars Epple, Erster Vorsitzender des SV Heilbronn am Leinbach, über das Finanzgebaren der Ringer-Abteilung des Vereins.

Relativ niedriges Bundesliga-Budget von 300 000 Euro

„Ich sage schon seit zwei Jahren, dass man das beenden muss“, sagt Jürgen Koch, der viele Jahre zu den Machern bei den Red Devils gehört hat. Er habe zu Corona-Zeiten für einen Schnitt plädiert. Sportlich ist Heilbronn auch diese Saison konkurrenzfähig gewesen, der Kader vielversprechend, wie die Hinrunde gezeigt hat. Aber: „Es fehlt die Unterstützung“, sagt Jürgen Koch. „Ich verstehe nicht, dass man es im Umfeld von Heilbronn nicht schafft, das relativ niedrige Bundesliga-Budget von 300 000 Euro für eine Mannschaft mit Topstars zusammenzubekommen.“

Angefressener Eduard Popp:  „Klar ist, dass ich das Ganze so nicht beenden will“, sagt der 33-Jährige.
Angefressener Eduard Popp: „Klar ist, dass ich das Ganze so nicht beenden will“, sagt der 33-Jährige.  Foto: Bertok, Alexander

Daher hat Adam Juretzko am Samstag ein letztes Mal zum Mannschaftsfoto gerufen. Erinnerungen fürs Album. Verknüpft mit Gedanken an eine erfolgreiche Zeit, seit Ende 2016 die Entscheidung gefallen ist, den Sprung aus der dritten in die erste Liga zu wagen. Jede Saison sind die Red Devils in die Playoffs eingezogen, unterliegen im Januar 2019 gegen Wacker Burghausen im Finale um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft knapp.

Der Sportliche Leiter Eduard Popp ist zwiegespalten

Eduard Popp, sportliche Leitfigur mit Platz fünf bei Olympia in Rio und einer EM-Bronzemedaille, hat sich zuletzt als Sportlicher Leiter voll reingehängt – und ist nach dem Ende zwiegespalten. „Erleichtert, dass die Organisation und das Drumherum zu Ende sind, das Stresslevel abnimmt“, andererseits wühlen die Emotionen, schmerzt der Ist-Zustand. „Klar ist, dass ich das Ganze so nicht beenden will“, sagt der 33-Jährige.

Auch Nico Lang hat viel investiert und sagt nicht nur mit Blick auf den gemeinsamen Abbau: „Wie die Mannschaft und Adam sich verhalten haben, war einwandfrei und vorbildlich. Die ausländischen Kämpfer waren super integriert – das Gegenteil von Söldnertum.“ Daran, dass die Topkräfte nur zu den Kämpfen anreisen, haben sich einige Mitglieder stets gestört.

Nico Lang sieht noch eine Mini-Chance

Spitzensport nur mit Eigengewächsen, ist ein utopisches Konzept. Allerdings braucht es ein Relais zwischen Jugend und Aktiven, Clubleben und Bundesliga-Team. Diese Saison haben die Ringer bereits in einer WG statt im Hotel gewohnt und beispielsweise zwischen dem Doppelkampftag in der Römerhalle trainiert. Nico Lang sieht noch eine Mini-Chance und sagt: „Wenn der deutsche Mannschaftsmeister gekürt worden ist, weiß Ringen Heilbronn, wie es weitermacht.“ 

Auch Lars Epple hat die Hoffnung nicht aufgegeben. „Die Vorstandschaft wird sich diese Woche mit dem Thema Ringerabteilung auseinandersetzen und versuchen, im Sinne des Vereins eine Lösung zu finden. Es ist etliches aufgebaut worden, das möchte man nicht leichtfertig verwerfen. Wir möchten das Aushängeschild erhalten – und die Marke.“ Eine reichlich späte Erkenntnis.

Chefcoach Adam Juretzko glaubt an eine Lösung

Adam Juretzko hat nach seinem sehr wahrscheinlich letzten Kampf für die Red Devils seine Ringerschuhe nicht ausgezogen, um so sein endgültiges Karriereende als Ringer zu verkünden. „Ich weiß ja noch nicht, ob es zu hundert Prozent mein letzter Auftritt hier war“, sagt der Cheftrainer der Heilbronner. Er hat den Glauben noch nicht ganz verloren, dass es weitergeht.

Zeit für Abschied: Adam Juretzko (Mitte) dankt nach seinem letzten Kampf persönlich den Fans.
Zeit für Abschied: Adam Juretzko (Mitte) dankt nach seinem letzten Kampf persönlich den Fans.  Foto: Bertok, Alexander

„Ich bin ein positiver Mensch, und aufgeben ist immer das Einfachste im Leben", so Juretzko. „In meinem Herzen, in meinem Kopf, brennt noch ein Lichtlein der Hoffnung. Aber das entscheiden andere Leute.“ Bleibt der Schlussstrich unter dem Thema Bundesliga, blickt Adam Juretzko „auf vier tolle Jahre“ in Heilbronn zurück, die ihm „viel Spaß gemacht haben“.

„Ich weiß noch nicht, ob es zu hundert Prozent mein letzter Auftritt hier war.“

Adam Juretzko

Nur daher habe er sich mit mittlerweile 53 Jahren noch für sein Team und den Verein auf die Matte gestellt und gekämpft. „Wir hätten mit dieser Mannschaft sehr weit kommen können. Gegen Burghausen nicht, aber wir hätten in Schorndorf gewonnen, auch gegen Lichtenfels – und hätten die anderen von der Matte gefegt. So einfach ist das.“ Wenn aber „Sponsoren abspringen und das Geld fehlt“, dann können nicht alle Topathleten eingesetzt werden, und so sei es zu einer „katastrophalen Rückrunde“ gekommen.

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