Muskuläre Milieu-Studie: Der Dokumentarfilm "Fitness California" bewegt nicht nur Olympia-Asse
Auch Frank Stäbler und Eduard Popp genießen den Dokumentarfilm "Fitness California" im Kino. Weitere Aufführungen in Heilbronn.

Damit eines klar ist. "Man muss was an der Waffel haben." Adolf Segers erstes Statement klingt heftig. Doch er, der Körpermensch, liebt, was er tut. Sich bewegen. Seinen Körper stählen. Fit sein. Seit Jahrzehnten. In dieser Intensität. Mit dieser Leidenschaft. Auch jetzt noch, mit 79. Sein Motto: "Der Körper ist Ausdruck der Anforderungen, die an einen gestellt werden."
In diesem Kontext wird deutlich, dass die Aussagen nicht aus dem Treatment von Regisseurin Nadine Zacharias stammen, sondern aus Segers Seele. Wie sonst würde er ohne Not über Bayern-Patron Uli Hoeneß sagen: "Ich habe in meinem Sport eine Vorbildfunktion. Ich kann nicht wie ein Kanonenschlag herumlaufen." Krawumm, das sitzt. Das Publikum lacht und nickt.
Utopie und Nostalgie im Freiburger Kraftraum "Fitness California"
Im preisgekrönten Dokumentarfilm "Fitness California - wie man die extra Meile geht" erzählen die drei Freiburger Ringer-Idole Adolf Seger (Weltmeister), Bernd Fleig und Mario Sabatini (Olympia-Starter) ihre außergewöhnlichen Geschichten an einem ganz besonderen Ort. Einem Relikt des kalifornischen Fitness Booms der Achtziger, dem Freiburger Kraftraum "Fitness California", wo Utopie und Nostalgie nicht nur bildlich verschmelzen, sich Träume und Schicksale mit Alltagsgut vermengen, Hoffnungen leben. Und Menschen aufeinandertreffen, die trotz Rissen in ihrer Vita und manch bitterer persönlicher Erkenntnis für Zusammenhalt in der Gesellschaft kämpfen. Drei Typen mit unterschiedlichster Trainingsphilosophie, die sie frotzelnd-bissig kommentieren. Männer, einst Konkurrenten, inzwischen längst in tiefer Freundschaft verbunden.
Ein Film, der seine Besucher tief berührt. Nicht nur, wenn dem aufgewühlten Adolf Seger beim Wiedersehen mit seinem Bundestrainer Heinz Ostermann die Stimme stockt. 105 Minuten beileibe nicht nur für Ringerfans, die sich - wie der ehemalige Neckargartacher Bundesliga-Athlet Dirk Petzold - dabei an ihre sportive Jugend samt der Begegnungen mit Seger erinnern.
Popp spricht von Überschneidungen mit unserer Laufbahn
"Es gibt ganz viele Überschneidungen mit unserer Laufbahn", sagt auch der Olympia-Fünfte von Rio, Eduard Popp. Er ist wie der dreimalige Ringer-Weltmeister Frank Stäbler und zahlreiche Mitglieder der Red Devils Heilbronn zum Filmgespräch am Freitagabend ins Arthaus Kino Heilbronn gekommen.
Und Popp dämmert es irgendwann, dass er mit seinem Popcorn-naschenden-Sitznachbarn hier selbst einmal eine Spinning-Einheit mit der Nationalmannschaft runtergerissen hat. An diesem etwas versteckten Ort mit seiner so untypischen Bar, an der die empathische Dagmar Sabatini weit mehr als Ingwertee und Shakes serviert.
Nadine Zacharias´ heimlicher Rechercheplatz
Für die Leichtathletin Nadine Zacharias ist der unverwüstliche Kraftparcours, der so gar nichts mit den sterilen Serien-Muckibuden gemein hat, vier Jahre lang wie ein heimlicher Rechercheplatz - ehe sie ihren Hauptfiguren von den Filmplänen erzählt. Authentisch. Selbstkritisch. Unverwüstlich und doch auch nachdenklich geben sie sich. Garniert mit Nicu Mihailescus bestechenden (Detail-)Aufnahmen und der an die Surfszene angelegten Filmmusik taucht der Beobachter nicht nur in den Ringersport ein, sondern genießt die einfühlsame Milieu-Studie, amüsiert sich und stemmt sich zugleich mit den Hauptfiguren gegen die wild wachsende Umgebung.
"Es ist schön zu sehen, dass die Welt auch mal stehenbleibt. Da fühle ich mich wohl", sagt ein Besucher. Er spricht aus, was die anderen im Kinosessel fühlen: Einen Ort mit Ausstrahlung, den es so lange wie nur möglich zu erhalten gilt.

Mario Sabatinis Wunsch, sich bis zuletzt bewegen zu können
Nicht nur deswegen wünscht sich Mario Sabatini, dass er sich "bis zum letzten Atemzug bewegen kann". Fit sein ist mehr. Um es mit Bernd Fleig zu sagen: "Im Alter geht"s um die Lebensqualität. Es ist ein Unterschied, ob ich noch lebe oder nur noch nicht gestorben bin."
Der Dokumentarfilm "Fitness California - Wie man die extra Meile geht" ist bereits mit großem Erfolg und mehreren Tausend Besuchern in Freiburg gestartet und seit dem 4. April bundesweit auf Tour. Nach dem Auftakt am Freitagabend im Arthaus-Kino im Heilbronner Marrahaus gibt es hier noch weitere Termine. Diese sind am Freitag (3. Mai) um 17 Uhr, am Samstag (4. Mai) um 15 Uhr sowie am Dienstagabend (7. Mai) um 20 Uhr.

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