Der Handballprofi Martin Strobel ist zurück im Spiel
Bei der Weltmeisterschaft im Januar verletzte sich Handballspieler Martin Strobel schwer am Knie. Jetzt ist er zurück. Als Mensch sei er durch die Erfahrung gereift, sagt der Rückraumspieler.

Es ist der 21. Januar 2019, Hauptrunde der Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Die halbe Nation hat sich vor den Fernsehgeräten versammelt, um dem Team von Bundestrainer Christian Prokop beim Spiel gegen Kroatien zuzusehen. In der neunten Minute passiert es: Rückraumspieler Martin Strobel, einer der Leistungsträger des Turniers, verdreht sich das Knie und bleibt mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden liegen.
Gut neun Monate später ist Strobel aufs Feld zurückgekehrt, hat am Sonntag in der Auswärtspartie gegen Minden die ersten Spielminuten für seinen Verein, Erstligist HBW Balingen-Weilstetten, absolviert. Die öffentliche Verletzung und ihre Folgen waren für den Sportler gravierend. Als Mensch sei er daran gewachsen, erzählt er bei einem Gespräch in Balingen, wo er mit seiner Frau und zwei Kindern lebt. "Ich ziehe viel Positives aus dem Ganzen."
Unter den Zuschauern in der Kölner Arena wurde es ganz still
"Ich habe ein Knacken gehört und sofort gewusst, dass etwas Großes kaputt ist", erinnert sich der 33-Jährige an den folgenschweren Moment in Köln zurück. In der Arena wurde es still unter den Tausenden Zuschauern. Ihm selbst seien in Sekundenbruchteilen alle möglichen Gedanken durch den Kopf geschossen: ",Die WM ist erledigt, aus der Mannschaft bin ich raus, im Verein falle ich aus". Man ist kurz in seiner eigenen Welt, wenn man so daliegt."
Strobel windet sich auf dem Hallenboden, seine Schmerzensschreie werden live in Millionen Haushalte übertragen. Dann wird er vom Feld getragen, in eine Kölner Klinik gebracht. In der Nacht bestätigen sich die Befürchtungen: Kreuzbandriss im linken Knie, auch das Innenband ist ab, Meniskus und Knorpel sind betroffen. Es ist eine Diagnose, die das Karriereende bedeuten kann. Er ist in einem Alter, in dem viele Handballprofis ohnehin darüber nachdenken. Strobel sagt, ihm habe sich die Frage nach dem Abschied aus dem Sport gar nicht gestellt. Seine erste Sorge sei gewesen: Kann ich später wieder mit meinen Kindern rumtoben oder Skifahren? Die Ärzte bejahen das. Am Tag nach der Verletzung wird er in Markgröningen operiert. Seitdem arbeitet er mit vollem Einsatz an seinem Comeback.
Beim HBW hat er mit 17 Jahren seinen ersten Profivertrag unterschrieben, hat einen Abstecher zum TBV Lemgo gemacht und ist dann nach Balingen zurückgekehrt. "Martin ist ein sehr ehrgeiziger Typ. Einer, auf den man sich verlassen kann und der sportlich immer vorangeht", sagt Kreisläufer Marcel Niemeyer über seinen Mannschaftskollegen. Mit ihm werde das HBW-Spiel unberechenbarer, "es ist wichtig, dass er wieder dabei ist".
Ein Sportler kämpft sich zurück, sagt Martin Strobel

Martin Strobel sagt: "Meine Verletzung war schwer. Aber ich hatte nie einen Gedanken daran auszusteigen, nicht so." Dann schiebt er hinterher - ruhig und durchdacht, wie er immer redet: "Ein Sportler kämpft sich zurück, da müsste die Prognose der Ärzte sehr schlecht sein, dass er das nicht tut."
Dabei kann sich Martin Strobel durchaus ein Leben vorstellen, in dem Handball keine Hauptrolle mehr spielt. "Natürlich werde ich dem Sport immer verbunden bleiben, aber ich muss nicht unbedingt als Trainer an der Seitenlinie stehen." Es gebe viele andere Bereiche, in denen er seine Erfahrung einbringen könne. 2015 hat er ein Management-Studium abgeschlossen, er engagiert sich ehrenamtlich, ist als Redner gefragt. In seiner Familie drehe sich nicht alles um Handball: "Meine Frau kommt nicht aus dem Sport und hat einen anderen Blick darauf." Es sei gut, einen solchen Rückzugsort zu haben.

Dann stehen Physiotherapie und Training an. Wer Martin Strobel dabei beobachtet, versteht, warum Christian Prokop ihn, den damaligen Zweitliga-Handballer, für den WM-Kader nominiert hat. Es sei keine unumstrittene Entscheidung gewesen, sagt Strobel. Von vielen Seiten habe es Unverständnis gegeben: "Wie, ein Zweitliga-Spieler und dann ein so alter?"
Die WM ist eine Riesenchance für den damaligen Zweitliga-Handballer
Er brachte die Kritiker rasch zum Verstummen: "Ich konnte meine Leistung voll abrufen, hatte unheimlich viel Spaß und habe wahrscheinlich bei der WM so gut gespielt wie selten." Dabei habe er vor seiner Nominierung das Gefühl gehabt, "es gehe nur noch bergab": Zwei Jahre lang hatte er keine internationalen Einsätze mehr, sei bei vielen als Zweitligaspieler "unter dem Radar" gelaufen. Dann kam "die Riesenchance WM, da kämpft man sich natürlich hoch", sagt er.
Kreuzbandrisse sind unter Spitzensportlern eine gefürchtete Diagnose und eine Verletzung, die in den vergangenen Monaten viele Profis ereilt hat: Der aus Horkheim stammende Handballer Sebastian Heymann (Frisch Auf Göppingen) hat sich schwer am Knie verletzt, genauso wie Fußballer Niklas Süle (FC Bayern München). Heymann ließ sich - wie Martin Strobel auch - an der Orthopädischen Klinik Markgröningen OKM von Kniespezialist Jörg Richter operieren.
Beim Kämpfen kann man ihm auch während des Trainings zusehen. Martin Strobel ist ein ruhiger Typ. "Introvertiert" sei er früher gewesen, sagt er. Wie er so seine Übungen abspult, wirkt er maximal diszipliniert, fokussiert. Er ist derjenige, der beim Warmmachen am schnellsten läuft, die Bälle am härtesten wirft, beim Stretching an seine Grenzen geht. Täglich hat er in den vergangenen Monaten an sich gearbeitet: Reha, Training, Physiotherapie. Eine Personal-Trainerin hat ihn unterstützt, er wollte nichts falsch machen.
"Ich hatte nur zwölf Tage Urlaub in diesem Jahr", sagt er, manchmal sei er schon ein bisschen erschöpft gewesen. Dafür steht jetzt ein Mann auf der Platte, der sich bewegt, als habe es nie eine Verletzung gegeben. "Ich habe zwei Kilo weniger als vorher, trotzdem habe ich das Gefühl, in meinen Muskeln steckt mehr Power." Jetzt gelte es noch, das in Explosivität umzuwandeln - im Training und im Spiel.
Die Verletzung hat ihn als Mensch reifen lassen
Dass die Psyche dabei ein entscheidender Faktor ist, hat ihm die Verletzung erneut vor Augen geführt. Die Frage sei doch, ob man mit seinem Schicksal hadere oder es annehme und die Chance darin erkenne. Er wundert sich bisweilen, wie besorgt ihn auch heute noch Menschen auf seinen Gesundheitszustand ansprechen, "die brauchen irgendwie ein negatives Foto".

Dabei gehe es ihm doch gut. Seine Verletzung, so schwer sie auch war, habe ihn als Mensch weitergebracht. Er sei offener geworden, tue sich inzwischen leichter damit, über sich zu sprechen. Für die Medien ist er zum gefragten Interviewpartner geworden, die Öffentlichkeit interessiert sich für ihn: Seine Fans auf Instagram sind nach der Verletzung um 30.000 in die Höhe geschnellt. Diesen Effekt nutzt er - unterstützt die Deutsche Kinderkrebsnachsorge, will anderen in ähnlicher Situation Mut machen. "Come back stronger" (stärker zurückkommen) ist das Motto, unter dem Strobel die Fans auf Instagram an seinen Fortschritten teilhaben lässt. Sein Plan scheint voll aufzugehen.

Stimme.de
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