Robert Andrichs Arbeiter-Traum vom Berliner EM-Finale
Einst Jugendspieler bei Hertha BSC, ist Robert Andrich nun im DFB-Team der wichtige Nebenmann von Toni Kroos.

Der Bart. Die Frisur. Die Tattoos. Robert Andrich fällt auf. Schön ist er nicht. Aber darum geht es auch nicht. Andrichs Job in der deutschen Nationalmannschaft besteht darin, seine Teamkollegen gut aussehen zu lassen, fußballerisch. Einen vor allem: seinen Nebenmann Toni Kroos. "Er ist ein unfassbarer Spieler. Ich halte ihm den Rücken frei, damit er sich voll entfalten kann."
Als in Bundestrainer Julian Nagelsmann nach den missratenen Testländerspielen im November 2023 (2:3 gegen die Türkei, 0:2 in Österreich) die Erkenntnis reifte, dass sein Team einen mentalitätsstarken, zuverlässigen Arbeiter im zentralen Mittelfeld braucht, war Robert Andrich plötzlich ein ganz wichtiger Mann im Nationaltrikot. Ein "Worker", wie es der Bundestrainer ausdrückte.
Robert Andrich ist nicht nur ein Mann fürs Grobe
Ziemlich alt schon, 29 Jahre und zwei Monate beim Debüt im deutschen A-Team. Aber wertvoll, das zeigte sich in den Länderspielen im EM-Jahr 2024 schnell.
Andrich sieht es als seine Aufgabe an, "Energie rüberzubringen" und "mit Mentalität der Mannschaft Sicherheit zu geben". Er haut auch mal ordentlich rein in einem Zweikampf. Beim 5:1-Sieg gegen Schottland zum Start in die Europameisterschaft sah er in der 31. Minute die Gelbe Karte. Das Timing seiner Grätsche gegen Scott McTominay war nicht gut gewesen. Egal. Sowas gehört zu Andrichs Spiel. Geschichten über ihn haben schon mal die Überschrift "Der Mann fürs Grobe".
Über sein erstes EM-Tor hätte sich Andrich sehr gefreut
Aber es wäre völlig falsch, den Mittelfeldspieler als Haudrauf mit begrenzten Mitteln zu verunglimpfen. Er hat bei dieser EM auch schon ein Tor geschossen. Dass es nicht gezählt hat, lag nicht an ihm. Als Andrich gegen die Schweiz zum vermeintlichen 1:0 traf, hatte es zuvor ein Foul von Jamal Musiala gegeben. Der Schütze fand die VAR-Annullierung seines Distanzschuss-Treffers "brutal ärgerlich. Ich hätte mich über mein erstes EM-Tor riesig gefreut." Aber nix war"s.
Andrich will mit dem deutschen Team noch lange im Turnier bleiben, dann könnte sich eine weitere Chance ergeben. Der 29-Jährige liebäugelt mit dem EM-Finale im Berliner Olympiastadion, wo er einst als Jugendkicker von Hertha BSC Balljunge war und kürzlich den Gewinn des DFB-Pokals mit Bayer Leverkusen bejubeln durfte. "Den Titel da zu gewinnen war unfassbar. Natürlich gibt das einen Ansporn, da noch mal zu spielen." An diesem Samstag (21 Uhr/ZDF und Magenta TV) soll im Dortmunder Achtelfinale gegen Dänemark jedenfalls nicht Schluss sein mit der Heim-EM-Party.
Die Prioritäten in Andrichs Leben haben sich verschoben
Andrich weiß, wie man richtig feiert. Früher hat er es zuweilen extrem krachen lassen. Aber seine Frau Alicia und die beiden kleinen Kinder, Tochter Malia (2) und Sohn Matteo (2 Monate), haben für andere Prioritäten gesorgt. Wenn er nachts wach ist, dann nicht vorrangig, weil in einer Bar noch ein Drink warten könnte. Robert Andrich ist auch heute kein stromlinienförmiger Langweiler, aber er hat sich ein paar Ecken und Kanten abschleifen lassen. "Ich wollte gerne immer die andere Meinung haben. Ich wollte immer zu der Minderheit gehören, die aneckt", beschreibt er sein früheres, provokanteres Ich.
Dass er mal als Nationalmannschafts-Bodyguard von Toni Kroos groß rauskommen würde, war vor einigen Jahren nicht absehbar. Jetzt ist Andrich in Leverkusen zum Meisterspieler geworden, doch sein Weg nach oben war mühevoll. Dresden, Wehen Wiesbaden, 3. Liga, dann Heidenheim und Union Berlin, zwei Vereine, in denen ein Arbeisethos, wie es Robert Andrich in sich trägt, sehr geschätzt wird, schließlich Bayer Leverkusen und das Titel-Double.
Ein dritter Titel könnte in diesem Sommer dazukommen. Robert Andrich wird hart dafür schuften.
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