Hat der Amateur-Fußball ein Gewaltproblem?
Wieder und wieder liest man von körperlichen Übergriffen auf dem Spielfeld. Alles nur Medienhysterie oder ein größeres Problem? Trainer und Schiedsrichter aus der Region berichten, was auf dem Sportplatz los ist.
Schlägereien unter Fans und Fußballspielern, körperliche Gewalt gegen Schiedsrichter; nahezu wöchentlich werden Meldungen über Ausschreitungen in den unteren Fußballligen bekannt. Hat der Amateur-Fußball ein Gewaltproblem? Wieso kochen die Emotionen in den deutschen Kreis- oder Bezirksligen derart hoch? Wir haben Polizeimeldungen dieses Jahres gesammelt. Sie geben einen kleinen Einblick, was auf dem Sportplatz los ist. Unabhängig davon schildern Schiedsrichter und Trainer aus der Region ihre Eindrücke.
Nach Faustschlag leicht verletzt
„Nach dem Ende eines Fußballspiels zwischen zwei Jugendmannschaften kam es auf dem Sportplatz in Flehingen zu Handgreiflichkeiten. Etwa 100 Fans beider Mannschaften liefen nach Spielende auf den Platz. Die Stimmung war aufgeheizt und es kam zu körperlichen Auseinandersetzungen. Ein Beteiligter wurde durch einen Faustschlag leicht verletzt.“

Klaus Gunzer: „Es ist etwa 20 Jahre her. Ich habe ein Spiel in der Kreisliga A gepfiffen. Es steht 3:0 für den Heimverein, das Spiel ist entschieden. Kurz vor Schluss muss ich einem Spieler die Gelbe Karte zeigen. Er steht direkt vor mir. Als ich in die Brusttasche greife, verpasst er mir einen Kinnhaken. Ich gehe zu Boden und er tritt mich drei, vier Mal in den Rücken. Keiner seiner Mitspieler geht dazwischen. Als ich auf der Liege rausgetragen werde, stehen seine Mitspieler Spalier und applaudieren. Vier Tage liege ich auf der Intensivstation. Bei der Gerichtsverhandlung erhält der Spieler neun Monate Gefängnis auf Bewährung und wird vom württembergischen Fußballverband (WFV) gesperrt – auf Lebenszeit. Nach nicht einmal zwei Jahren erhalte ich einen Anruf vom WFV, ob ich damit einverstanden wäre, dass der Spieler wieder spielen darf. Mich das zu fragen, empfinde ich als eine Frechheit.“
Spieler schlägt Linienrichter ins Gesicht
„Bei der Verbandspokalpartie TuS Rüssingen gegen Alemannia Waldalgesheim in Rheinland-Pfalz schlug ein Spieler der Heimmannschaft einem Linienrichter ins Gesicht. Daraufhin brach der Schiedsrichter das Spiel nach 38 Minuten ab, wie Waldalgesheims Trainer Aydin Ay am Mittwochabend der dpa sagte.“
Harald Pfeifer: „Ich bin seit 20 Jahren Schiedsrichter und erlebe Gewalt auf dem Fußballfeld in ganz unterschiedlichen Ausprägungen: Spieler untereinander, Zuschauer untereinander – Gewalt gegen mich habe ich bislang noch nicht erlebt. Früher war ein Schiedsrichter eine Autoritätsperson. Für mich spielt der Trainer die entscheidende Rolle. Wird ein Spieler gewalttätig, muss ihn ein Trainer nach Hause schicken. Und es muss eine Strafanzeige wegen Körperverletzung folgen. Außerdem bin ich dafür, dass man die Zeitstrafe von fünf oder zehn Minuten wieder einführt. Dann hat ein auffälliger Spieler die Gelegenheit, abzukühlen. Nun bin ich ja auch noch Polizist. Es ist ein Verlust an Respekt auf beiden Seiten feststellbar. Erklären kann ich mir das nicht. Die Gesellschaft befindet sich im Wandel. Wir leben in einer Ellenbogengesellschaft. Jeder schaut nur noch nach sich. Ich muss aber auch sagen: Ein Großteil der Spiele läuft problemlos.“
Angstzustände nach Zwischenfall
„Bei einem E-Jugendturnier in Fellbach-Schmieden wurden einem 14-jährigen Schiedsrichter von einem 50-jährigen Spielervater das Gesicht getätschelt und die Wangen zusammengedrückt. Der 50-Jährige holte zu einem Schlag aus, was durch einen Schiedsrichter-Betreuer verhindert wurde. Der 14-Jährige verletzte sich leicht und litt durch den Vorfall in der Folgezeit unter Angstzuständen.“

Frank Belz: „Eine gewisse Emotionalität gehört beim Fußball dazu. Ich bin auf der Linie auch kein Lamm und kritisiere hin und wieder eine Entscheidung des Schiedsrichters lautstark. Dass sie mal eine Fehlentscheidung treffen, gehört aber dazu. Ab und zu bekomme ich von Spielern oder auch Zuschauern eine unterschwellige Bedrohung gegen den Schiedsrichter mit. Aber was sind das für Menschen, die einen Schiedsrichter körperlich angehen? Das geht gar nicht. Ich bin für härtere Strafen und längere Sperren. Wer einen Schiedsrichter körperlich angeht, muss lebenslang gesperrt werden. Bei bestimmten Mannschaften ist eine gewisse Emotionalität erkennbar. Bei manchen Spielern ist der Ehrgeiz viel zu groß. Das hängt auch damit zusammen, dass in den unteren Ligen viel zu viel Geld an Spieler gezahlt wird.
Drei Spieler greifen Schiri an
„Bei einem Fußballspiel in Aidlingen-Dachtel kam es zu Angriffen gegen den Schiedsrichter. Auslöser waren vermutlich zwei Platzverweise von Spielern der betroffenen Mannschaft. So griffen drei Spieler den Schiedsrichter an, traten und verletzen ihn am Bein.“

Tasso Kühn: „Der Ton ist rauer geworden. Ich selbst wurde einmal angespuckt. Auf dem Feld hat man als Schiri die Möglichkeit, ein Spiel ruhig zu halten. Man muss ruhig bleiben, Druck rausnehmen, sachlich und authentisch bleiben. Ich höre nicht hin, wenn die Zuschauer irgendwas reinschreien. Da gibt es Kollegen, die lassen sich beeinflussen und pfeifen Einbahnstraße. Was ich aus meiner Sicht sagen kann: Die Schmerzgrenze bei Zuschauern und Spielern sinkt.“
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Kommentare
Charly Höving am 02.12.2019 19:10 Uhr
Wer trägt hier die Verantwortung?
Wer muss eigentlich dafür sorge tragen das die Spieler keine Gewalt ausüben?
Das fängt doch bei den Vereinen an, Trainer wissen welche Spieler leicht ausrasten.
Wenn SchiedrichterInnen angegriffen werden, muss das Spiel sofort vorbei sein, ohne wenn und aber!
Der betreffende SpielerInn und der dazugehörde Verein haben dann die Konsequenzen zu tragen!
Sollten Zusachauer/Eltern/Verwandte Gewalt ausüben, ist das eine Straftat und muss dementsprechend geahndet werden.
So wie es seit einiger Zeit in den Stadien zugeht, so kann es nicht weiter gehen.
Egal ob Bundesliga oder Kreisliga.
Wenn die Vereine meinen sie brauchen keine Sorge dafür zu tragen, dass keine Gewalt von ihren SpielernInnen ausgeht, dann sollten sie eines Besseren belehrt werden.
Wie war das in den Niederlanden? Dort haben Gemeinde und Städte Plätze gesperrt, wegen der Gewalt.
Vereine fehlten die Einnahmen.
Offenbar kann man hier nur was über Geld erreichen.
So kann und darf es nicht mehr weitergehen, Reden helfen hier schon lange nicht mehr!
difoni Niedernhall am 02.12.2019 14:53 Uhr
Ich bin in einem Akademikerhaushalt in der Großstadt ohne Fußball aufgewachsen (andere Mannschaftssportarten wie Handball und Basketball gemacht)
Erst durch meinen Umzug in den Kreis SHA Ende meiner 20er kam ich mit dem emotionalisierten Fußball hier in Kontakt. Schon damals (Ende der 90er) erschreckten mich verbale und körperliche Attacken auf und neben dem Spielfeld. Das kannte ich so nicht und habe mich schon damals gefragt: was ist hier Sport, was ist Hass?
Soso, Emotionalisierung gehört dazu.
Aber viele haben sich hier nicht im Griff! Das geht durch ganze Familien, vom Opa bis zum Enkel.
Meine Frau hat das ein paar Mal erlebt und geht aus diesem Grund nicht mehr zu einem Fußballspiel.
Schade, dass eine Sportart für Frust, eigenes Versagen, beruflicher Druck usw. das Ventil ist.