Eisen-Ermin: Mit 35 ist noch lange nicht Schluss
Der aus Möckmühl stammende Ermin Bicakcic spielte für Hoffenheim, zuletzt in Braunschweig und sucht einen neuen Verein.

Mittwochnachmittag auf dem Nebenplatz des Frankenstadions: Ein Mann im blauen Shirt und weißer Sporthose sprintet über den Platz, schaut nach jedem Durchgang auf seine Uhr. An der Seitenlinie beobachtet ihn ein älterer Herr, nickt anerkennend mit dem Kopf und sagt: „Der ist fit, richtig fit.“
Der Gelobte ist Fußballprofi Ermin Bicakcic, der Lobende das Unterländer Trainer-Urgestein Günter Major, der Bicakcic einst bei der Spvgg Möckmühl sichtete und am DFB-Jugendstützpunkt Heilbronn förderte. Für den damals Elfjährigen war es der Beginn einer Karriere, die ihn in Braunschweig und Hoffenheim zum Fan-Liebling werden ließ. Der 35-Jährige ist aktuell ohne Job und auf der Suche nach einer neuen Herauforderung. „Es laufen Gespräche mit mehreren Vereinen“, sagt Bicakcic.
Blick zurück
Seine erste Zeit in Braunschweig mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga war prägend. Die Highlights folgten von 2014 an mit der WM-Teilnahme für Bosnien und Herzegowina wie dem Wechsel zur TSG Hoffenheim, für die er auch in der Europa League und Champions League Einsätze hatte. „Die WM in Brasilien, die Gefühle, Emotionen von damals waren unbeschreiblich“, erzählt Bicakcic vom ersten WM-Spiel für sein Heimatland am 20. Juni 2014 im ausverkauften Maracanã in Rio, das mit einer 1:2-Niederlage gegen Lionel Messis Argentinier endete. Da sei bei der Nationalhymne mit Tränen in den Augen ein Film abgelaufen. „Wo wir hergekommen sind, die Flucht vor dem Krieg in Bosnien, die Jahre der Entbehrungen und jetzt stand ich da vor den Augen der Eltern, denen ich alles zu verdanken hatte, die so viel für mich und meine Schwester geopfert haben.
Die Zeit in Hoffenheim bescherte dem sechsmaligen Bundesliga-Torschützen aber auch seine schwerste Prüfung. Ende September 2020 beim 4:1 über Bayern München. „Das Spiel war ein Sinnbild, wie nah im Fußball Freud und Leid beieinander liegen“, meint Bicakcic. „Ich erzielte das 1:0, verletzte mich aber kurz vor der Halbzeit ohne gegnerische Einwirkung am Kreuzband.“ Für den 30-Jährigen folgte eine Leidenszeit. „Viele haben nicht mehr an mich geglaubt“, sagt Bicakcic über den Lebensabschnitt, in dem er erkannte, wer seine Freunde sind. „Man macht sich Gedanken, wie schnell man abgeschrieben wird und eine Karriere vorbei sein kann.“
Aufgeben war noch nie das Ding von „Eisen-Ermin“. „Ich bin immer über meinen Willen und Ehrgeiz gekommen“, sagt Bicakcic. „Für mich war es ein Ansporn, mir und allen zu beweisen, dass ich es schaffe auf die große Bühne zurückzukommen.“ Er habe viel Positives aus dieser Phase gezogen und in der Reha seine Frau Ranja kennengelernt. Er kam zurück, doch die Vertragsgespräche mit der TSG scheiterten. „Wir haben ehrliche Gespräche geführt, hatten aber unterschiedliche Ansichten, was meine sportliche Perspektive betraf. Ich habe das Angebot dankend abgelehnt, so haben sich unsere Wege getrennt“, meint Bicakcic. Die TSG Hoffenheim sei „ein Stück Heimat geworden, auch die Fans werde ich immer im Herzen tragen“.
Zwei Jahre Abstiegskampf in Braunschweig
Nach vier Monaten ohne Verein ging es während der laufenden Saison 2023/24 zurück nach Braunschweig, die sich im Abstiegskampf befand. „Das hätten nicht viele gemacht, aber ich habe mir gesagt, das ist jetzt die richtige Herausforderung“, erzählt Bicakcic vom Happy End, zu dem er seinen Teil beitrug. Auch die zurückliegende Saison endete über die Relegation für ihn und Braunschweig mit dem Klassenerhalt in Liga zwei. Die Option auf eine Vertragsverlängerung nutzte er nicht. „Man muss wissen, wenn man hinter eine Sache einen Hakan machen muss.“
Bicakcic hält es mit einem Udo-Jürgens-Schlager, so heißt es für ihn: Mit 35 Jahren ist noch lange noch nicht Schluss. Bis Ende der Woche hält er sich in der Region fit, um in den Tagen danach vielleicht einen neuen Vertrag zu unterschreiben. „Die Reise wird weitergehen, da mache ich mir keinen Kopf“, sagt Bicakcic. „Ich bin topfit und hungrig. Solange ich noch 100 Prozent liefern kann, werde ich spielen, sind es nur noch 99, weiß ich, die Zeit ist gekommen, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen.“
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