Ein Mediziner aus Leingarten behandelt die Hoffenheimer Kicker
Der ehemalige Turner und Olympia-Starter von Seoul, Ralph Kern aus Leingarten, ist Mannschaftsarzt beim Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim und weiß, wie sich verletzte Profis fühlen.

Einen Moment lang zögert Ralph Kern. Fünf, vielleicht sechs Jahre ist es her, dass der Leingartener zuletzt eine Reckstange umgriffen hat. Noch älter sind die Bilder von den Schauturnen mit dem ehemaligen Weltmeister Eberhard Gienger, der Zeit als erfolgreicher Nationalmannschaftsturner, von Olympia in Seoul 1988 und den Auftritten in der Heilbronner Riege. Für Ralph Kern ist das absolut okay.
Bis vor zwei Jahren hat er beim DTB-Pokal in Stuttgart zugeschaut, der 51-Jährige mag auch nicht ausschließen, 2019 zur Weltmeisterschaft an gleicher Stelle zu fahren, um alte Bekannte zu treffen. Er sagt: "Aber sonst bin ich schon ziemlich weit weg."
Vom Reck auf den Rasen
Der Turner, der mit 16 ausgezogen ist, um in der Frankfurter Turnschule zu trainieren, hat die Sportart gewechselt. Vom Reck auf den Rasen. Seit Juli 2015 ist Ralph Kern beim Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim. Als Mannschaftsarzt. Drei Monate betreut er die U 23 ("sie haben es mir wohl nicht zugetraut, gleich die Profis zu geben"), seither mit seinem Kollegen Thomas Frölich den Bundesliga-Kader.
"Deswegen habe ich studiert, um mal Sportler zu betreuen. Dass es jetzt der Fußball geworden ist - Zufall", sagt der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie.
Der Spaßfaktor ist so hoch wie der Einsatz. Das Umfeld ist perfekt, nichts wird dem Zufall überlassen. Das reizt Ralph Kern, der zuvor schon die Frankfurter Bundesliga-Basketballer betreut hat. "Hoffenheim ist ein sehr innovativer Verein, es wird an einem Strang gezogen. Es werden auch Dinge verändert."
Der Kontakt zum Trainer stimmt ("mit dem Julian bespreche ich mich bei jeder Verletzung") ebenso das Verhältnis zu den Spielern. Die Meisten wissen um die leistungssportliche Vita ihres Docs, das steigert ihr Vertrauen - auch, wenn er manch Ungeduldigem aus eigener Erfahrung rät, sich und seinem medizinischen Problem mehr Regenerationszeit zu gönnen. Ein heikles Spannungsfeld im Profisport.
Die eigene Praxis verkauft
Die Arbeit in Hoffenheim ist interessant, aber auch fordernd. "Man ist immer auf Abruf", sagt Ralph Kern. Anrufe am Abend sind ebenso Alltag wie die Reisen zu den Auswärtsspielen. Daher hat der Unterländer im vergangenen Jahr seine Praxis in Limburg an der Lahn verkauft. Die Doppelbelastung ist ihm nach zweieinhalb Jahren schlicht zu heftig. An einem Tag in der Woche behandelt Ralph Kern noch Patienten in Heidelberg.
Wegen der unterschiedlichen Schulsysteme - Lennox ist 14 und Spencer zwölf Jahre alt - ist ein Umzug von Idstein im Taunus nach Baden-Württemberg für den Familienvater nicht so einfach. Unabhängiger ist da schon der 19-jährige Niklas, der in der Oberliga Fußball spielt. Also hat Ralph Kern eine Wohnung in Rauenberg, die auch Platz für die Familie bietet.
Besuch bei der Verwandtschaft in Leingarten
Von dort aus ist es, wie am Donnerstagabend, nicht weit für einen Besuch bei Tante und Onkel in Leingarten, aber auch zum Vortrag über Sportverletzungen in den Sportpark 18-90 der TG Böckingen - eine Gefälligkeit aus alter Verbundenheit und eine kleine Zeitreise.
Doch: Turnen und Fußball mag Ralph Kern nicht vergleichen. "Im Turnen haben wir viel mehr trainiert", sagt er. "Aber das ist im Fußball bei der Belastung auch gar nicht möglich. Mit den Sprints und der Schnelligkeit würde es nur noch krachen." Rein medizinisch betrachtet.
Eine positive Mehrbelastung wartet auf den ehemaligen Hoffenheimer Sebastian Rudy, der bei der WM in Russland dabei ist. "Ich habe mich sehr für ihn gefreut", sagt Ralph Kern, "weil ich schon dachte, oh je, er steht hoffentlich nicht wieder auf der Kippe. Das ist so ein lieber und netter Kerl, ich hoffe, dass er auch spielt. Wie Niki Süle. Wenn man die Leute kennt, ist es nochmal was ganz anderes."
Selbst mit dem ehemaligen Hoffenheimer Sandro Wagner hat Kern nach dessen Rücktritt aus der Nationalelf Kontakt gehabt. "Er war schon mega enttäuscht. Das ist auch nachzuvollziehen."
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