Stimme+
Fußball
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Das "tapfere Schneiderlein" und ein Platzverweis

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Rudolf Kreitlein spielte einst für den FV Kirchheim: Als Schiedsrichter ist er ein Teil der Geschichte, die zur Einführung der Gelben und Roten Karten führte.

 Foto: Pressefoto Rudel/Herbert Rudel v Bild-Nummer: imago images 47150

Am 3. April 1971 wurde erstmals ein Bundesligaspieler mit einer Roten Karte vom Platz gestellt. Die Heilbronner Stimme berichtete anlässlich des 50-jährigen Jahrestages über diese Premiere. Aber auch darüber, dass die Idee zu den gelben und roten Kartons während der Weltmeisterschaft 1966 entstand und dem britischen Schiedsrichter-Funktionär Ken Aston zu verdanken war. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte, der andere führt in die hiesige Region zum FV Kirchheim. Für den Verein aus dem Fußballbezirk Enz/Murr spielte einst Rudolf Kreitlein, der später als Unparteiischer bei der WM in England als Fifa-Referee zum Einsatz kam und seinen Beitrag zur Einführung der signalfarbenen Kartons beisteuerte.

1919 in Fürth geboren, lebte Kreitlein viele Jahre in Kirchheim am Neckar und lernte dort seine Frau Anneliese kennen. Mit dem FVK wurde er 1949 Meister der A-Klasse und Pokalsieger. Seine Schwiegermutter war aber kein Freund des runden Leders. "Ich musste die Fußballschuhe vor ihren Augen kaputtmachen", erzählte Kreitlein in einem Interview im Jahre 2008. Wenige Monate später zog er des Berufs wegen nach Stuttgart und spielte für den dortigen Erstamateurligist SC. Ein Meniskusriss beendete die Karriere, dafür brachte er es als Schiedsrichter zu internationalen Ehren.

In der 35. Minute stellte Kreitlein Argentiniens Kapitän vom Platz - per Handzeichen

Schiedsrichter Rudolf Kreitlein beim Versuch, den Argentinier Antonio Rattin (2. v.r.) vom Feld zu schicken: Diese Szene sorgte dafür, dass sich ein Engländer darüber Gedanken machte, wie ein Platzverweis unmissverständlich kommuniziert werden kann.
Schiedsrichter Rudolf Kreitlein beim Versuch, den Argentinier Antonio Rattin (2. v.r.) vom Feld zu schicken: Diese Szene sorgte dafür, dass sich ein Engländer darüber Gedanken machte, wie ein Platzverweis unmissverständlich kommuniziert werden kann.  Foto: Pressefoto Rudel/Herbert Rudel v

Am 23. Juli 1966 leitete Kreitlein das WM-Viertelfinale zwischen Gastgeber England und Argentinien. Zu den Offiziellen gehörte der ehemalige britische Fifa-Referee Ken Aston, der als Schiedsrichter-Betreuer eingesetzt war. In einem hart geführten Spiel hatte Kreitlein in der ersten halben Stunde drei Argentinier und zwei Engländer mündlich verwarnt und stellte dann in der 35. Minute Argentiniens Kapitän Antonio Rattin vom Platz, wie damals üblich per Handzeichen. Ursächlich war eine Entscheidung des Unparteiischen, mit der Rattin haderte. Er rannte hinter Kreitlein her und stellte ihn wortgewaltig zur Rede.

Kreitlein wertete dies, obwohl er kein Spanisch verstand, als Beleidigung. Er habe das vom Gesichtsausdruck abgelesen, sagte der Deutsche später. Der argentinische Kapitän hatte aber lediglich einen Dolmetscher gefordert und bei aller Hektik wohl nicht mitbekommen, dass er das Spielfeld verlassen sollte. Polizisten mussten den hünenhaften Rattín vom Platz führen. Dem nur 1,68 Meter großen Kreitlein wurde nach dem hitzigen und emotionalen Spiel - England siegte 1:0 - liebevoll-spöttisch der Spitzname "tapferes Schneiderlein" verpasst, war er von Beruf doch Schneider.

An der Ampel kommt Begleiter Aston die Idee

Auf der Rückfahrt vom Stadion zum Hotel mussten Kreitlein und sein Begleiter Aston an einer Ampel stoppen. Es soll der Moment gewesen sein, in dem in Aston die Idee zur Roten und Gelben Karte reifte. Der Engländer diskutierte tags danach mit Kreitlein darüber, der Astons "Erfindung" der Fifa präsentierte. "Genug der Missverständnisse. Wir wollten einen Weg finden, unsere Entscheidungen so zum Ausdruck bringen, dass sie jeder Spieler und Zuschauer auf Anhieb versteht", sagte Kreitlein kurz vor seinem 90. Geburtstag im Gespräch mit der Zeitung "Die Welt". Bei der WM 1970 in Mexico wurden die Gelben und Roten Karten eingeführt.

Rudolf Kreitlein starb 2012 nach kinderloser Ehe in Stuttgart. "Mein Onkel hat oft von damals erzählt und war mit seiner Geschichte auch im Fernsehen", erinnert sich die Nichte und Kirchheimerin Susanne Braun-Wittich. "Er war sehr stolz darauf, was er als Schiedsrichter alles erreicht hatte." Kreitlein wurde mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. "Ich nehme an, für seine Verdienste um den Fußball. Er war ja Herrenschneider und dafür hat er diese Auszeichnung sicherlich nicht erhalten", sagt Braun-Wittich schmunzelnd.

Der Finaleinzug der Deutschen verhindert einen Einsatz des Schiedsrichters im Endspiel

Rudolf Kreitlein (linkes Bild, Mitte) muss nach dem WM-Spiel zwischen England und Argentinien unter Polizeischutz in die Kabine geleitet werden. Rechts: Der ehemalige Kircheimer im Jahr 2006 in seinem Haus in Stuttgart.
Fotos: imago images/Sportfoto Rudel
Rudolf Kreitlein (linkes Bild, Mitte) muss nach dem WM-Spiel zwischen England und Argentinien unter Polizeischutz in die Kabine geleitet werden. Rechts: Der ehemalige Kircheimer im Jahr 2006 in seinem Haus in Stuttgart. Fotos: imago images/Sportfoto Rudel  Foto: Pressefoto Rudel/Herbert Rudel v

Nach seiner legendären Spielleitung bei der WM musste Kreitlein unter Polizeischutz in seine Kabine geleitet werden. Der argentinische Verband forderte bei der Fifa, den Stuttgarter von der Schiedsrichterliste zu streichen. Doch der Weltverband stellte sich hinter Kreitlein, der sogar ein Kandidat für die Leitung des Endspiels war. Der Finaleinzug der deutschen Elf verhinderte dies jedoch. Deutschland verlor gegen England nach Verlängerung 2:4 - nach einem weiteren geschichtsträchtigen Ereignis, dem umstrittenen Wembley-Tor. Doch das ist eine andere unvergessene Geschichte.

WM 1966 und ein Europapokal-Endspiel als Highlights

Rudolf Kreitlein spielte vor dem Zweiten Weltkrieg in seiner Geburtsstadt für die Spvgg Fürth in der erstklassigen Gauliga, zog dann nach Kirchheim am Neckar und absolvierte in Gemmrigheim eine Lehre als Herrenschneider. Nach der Rückkehr aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft spielte er für den FV Kirchheim und danach als Vertragsspieler für den SC Stuttgart. Bereits 1937 legte er die Schiedsrichter-Prüfung ab. Nach seinem Karriereende als Fußballer nach einer Meniskus-Verletzung fokussierte er sich auf die Schiedsrichterei und brachte es zu Ruhm und Ehre. Er leitete als Unparteiischer Spiele auf höchster Ebene, darunter 66 Bundesliga-Begegnungen, 18 Länderspiele und etliche Europapokal-Partien. Höhepunkt seiner Laufbahn als Unparteiischer war das Jahr 1966 mit zwei Einsätzen bei der Weltmeisterschaft sowie der Leitung des Endspiels um den Europapokal der Landesmeister zwischen Real Madrid und Partizan Belgrad in Brüssel. Die Königlichen siegten 2:1. 

 
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben